Flüchtig betrachtet erinnert der Plot an Homers Vers-Epos «Die Odyssee»: ein Mann verlässt seine Familie, bricht zu einer Reise voller verrückter Abenteuer auf – und kehrt nach deren erfolgreicher Bewältigung an den heimischen Herd zurück.

Doch weil der 1972 als Sohn jüdischer Eltern im heutigen St. Petersburg geborene Gary Shteyngart das Ganze im abschweifenden, wunderbar grossspurigen Übertreibungston des gewitzten Satirikers erzählt, macht sein neuer Roman «Willkommen in Lake Success» Homers Vorlage rasch vergessen – um vielmehr das Trump-Amerika schonungslos in den Fokus zu nehmen.

Im Zentrum: Barry Cohen, ein von seinem Job, seiner über-protektionistischen Frau Seema, dem ganzen Luxus und der Tristesse um seinen autistischen Sohn Shiva schwer genervter Hedgefonds-Manager. Einer, der kurzerhand Reissaus nimmt vor den Malaisen seines Alltags als Verwalter eines sagenhaften Vermögens – und auf einen ebenso wundersamen wie abenteuerlichen Trip quer durch die USA geht auf seiner Suche nach innerer und äusserer Neuausrichtung.

Das Handy landet im Müll

Wildentschlossen wirft der Kerl dafür Handy und Kreditkarten in den Müll, besteigt in New York einen Greyhound-Bus – sodass er wenig später durch die Busfensterscheibe blickend denkt: «Das war also Amerika. Ein grausamer Ort. Damit wollte er nichts mehr zu tun haben.» Ausser einem Koffer voller schwindelerregend teurer Uhren besitzt Barry nur mehr das, was er am Leib trägt.

Doch waren es bei Odysseus dereinst Sirenen und Kyklopen, denen dieser sich auf seiner Rückreise nach Ithaka zu stellen hatte, so sind es in Barrys Fall, den es von New York aus über Baltimore, Richmond, Atlanta, Jackson, El Paso, Ciudad Juárez, Phoenix und La Jolla am Ende dorthin zurückführt, die Verlierer der unablässig auf Wachstum ausgerichteten US-Gesellschaft, die seine Wege kreuzen: vom amerikanischen Siegersystem Abgehängte, die die Stadtteile in brandgefährliche Dealermeilen verwandeln – und ihre Koks- oder Heroin-Umschlagplätze bis aufs Blut verteidigen.

Süchtig nach Reichtum

Und genau hier, vor dem Hintergrund der Wahl Donald Trumps zum 45. Präsidenten der USA, bekommen Barrys Erlebnisse plötzlich eine neue, kulturpessimistische Schärfe, die den scheinbar lustigen Ton der Erzählung auf hochinteressante Weise konterkariert. «Ich habe erst beim Schreiben gemerkt, wie sehr das Buch die Trump-Ära widerspiegelt», sagt Shteyngart. «Denn Trumps Botschaft lautet: Nur Reiche können Amerika retten. Viele Hedgefonds-Manager denken, sie sollten keine Steuern zahlen. Wie Barry. Der sammelt teure Uhren, und will schwarzen Kids helfen, eine Rolex zu besitzen. Idiotisch.»

Das Land sei süchtig danach, reich zu werden, glaubt Shteyngart. «Ausserdem lieben die Amerikaner Hochstapler. Sie haben einen zu ihrem Präsidenten gewählt.» Mit Barry Cohen hat er einen spitzzüngig aufgespiesst: seinen falschverstandenen Idealismus. Und auch seinen Irrglauben, dem selbst mit errichteten System entkommen zu können. In einem Roman wie er – aus den USA kommend – aktueller nicht sein könnte.

Gary Shteyngart «Willkommen in Lake Success». Penguin, 430 Seiten.