Kunstprojekt

Über allem Tun liegt ein Hauch von Unschuld

Brigitta Luisa Merki hat in der Klosterkirche Königsfelden mit 130 Schülern aus Neuenhof «babel überall» realisiert. Das Resultat konnte sich sehen lassen.

Der Name Babel ist bei Tanz & Kunst Königsfelden Programm. 2013 schuf die künstlerische Leiterin und Choreografin Brigitta Luisa Merki «babel.torre viva»; 2014 kreiert sie «babel. überall». In der ersten Produktion stand der Turm für den Menschen, der am Himmel kratzt; jetzt steht ein von der Decke hängendes Gespinst für das babylonische Heute und das babylonische Sprachengewirr. Anders als zuvor prägen in diesem Jahr nicht Profis, sondern 130 Schülerinnen und Schüler der Schule Neuenhof die Inszenierung. Brigitta Luisa Merki hat ihr erstes pädagogisches Kunstprojekt in Königsfelden realisiert – und dabei die Messlatte sehr hoch gelegt.

Es sei gerne zugegeben: Im Vorfeld hat man sich immer wieder gefragt, ob dieses Projekt funktionieren könne. Es kann. Merkis Handschrift ist dabei auch hier unverkennbar. Die Choreografin verquickt Bewegung mit Musik und Bild und lotet den Raum mit einer Vielzahl rhythmisch prägnanter Figurenkonstellationen aus. Wie viel Disziplin, Kreativität und ein – zumal in den letzten Tagen – letzte Kräfte mobilisierendes Engagement für dieses pädagogische Projekt notwendig waren, lässt sich nur erahnen. Sechs Monate haben sich die Neuenhofer Schüler in den Dienst von «babel. überall» gestellt – das Resultat ist beglückend.

Drückte Ruth Maria Obrists Turm der Klosterkirche im letzten Jahr seinen Stempel auf, ist es diesmal eine Wolke aus Papier, die Ursula Rutishauser mit den Schülern geschaffen hat. Obgleich riesig, wirkt das aus 15 Meter langen, miteinander verwobenen Papierbahnen bestehende Gebilde federleicht. Egal, ob in Blau, Violett oder Orange getaucht – wer genau hinsieht, entdeckt das in viele Sprachen übersetzte Wort überall. Ein wunderbares Bild, denn nichts anderes als diese Wortwolke könnte optisch sinnfälliger verdeutlichen, um was es Merki geht: Wahrnehmungen, Begegnungen und vorurteilslose Auseinandersetzungen mit anderen Menschen und Kulturen – überall und ohne Gewalt.

«All we are saying is give peace a chance», sangen einst John Lennon und Yoko Ono – heute singen eine junge Frau und ein Chor die zum Klassiker gewordene, beherzigenswerte Refrainzeile.

Was kitschig anmuten könnte, wirkt im Kontext dieser nahtlos Szene um Szene verzahnenden Inszenierung richtig und vor allem anrührend. Immer wieder geht einem dieses Wort durch den Kopf, sieht man den jungen Menschen zu, wie sie ihre selbst gebauten, farbigen Kistentrommeln (Cajónes) nicht nur zum Spielen mit den Händen benutzen, sondern auch zum Errichten von Wänden, die immer wieder fallen. Ein Hauch von Unschuld liegt über allem Tun – verbunden mit einem Quäntchen von Unwägbarkeit, die nicht absolute Perfektion, sondern Glaubwürdigkeit anpeilt.

Wie in einigen ihrer früheren Arbeiten entwickelt Merki auch «babel überall» aus der Stille heraus. Ein zarter, zwitschernder Klang erfüllt anfänglich den sakralen Raum; die Protagonisten legen ihre Cajónes so hin, dass sich eine begehbare Fläche ergibt. Einer nach dem anderen betritt diese, setzt den Fuss zögernd darauf, als ob er probieren wollte, ob in Umkehrung von Shakespeares Worten «die ganze Bühne Welt ist». Sie ist es – und ist deshalb alles: Eine violette, mirakulöse Spielstätte für jene, deren archaisches Trommeln die Sinne reizt; ein – dank Video – Fluss, aus dessen Sog sich ein Paar zu befreien versucht, oder eine geheimnisvolle blaue Grotte, in der sich die Akteure mit ihren Blockflöten wie scheue, das Tageslicht meidende Bewohner bewegen. Behutsam begleitet von einigen Profis fügen sich die Mosaiksteinchen zu einer Inszenierung, die eines auszeichnet: Menschlichkeit.

«babel.überall»: Ein Kunstprojekt in Königsfelden mit 130 Schülern aus Neuenhof

«babel.überall»: Ein Kunstprojekt in Königsfelden mit 130 Schülern aus Neuenhof

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