Thuner Seespiele
Trotz Wintertemperatur fühlt man sich bei Elton Johns «Aida» wie am Nil

Die Musicals der Thuner Seespiele leben vom atemberaubenden Bergpanorama und der herrlichen Abend- und Nachtstimmung am See. Elton Johns «Aida» ist darin perfekt umgesetzt.

Fränzi Rütti-Saner
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Prinzessin Amneris mit ihren Hofdamen
9 Bilder
Trotz Wintertemperatur fühlt man sich bei Eltons John «Aida» wie am Nil
Blick auf die Bühne
Aida wehrt sich gegen die Gefangennahme
Ägypter bringen gefangene Nubier mit dem Floss
Amneris lässt sich als Stilikone feiern
Radames rettet Aida vor der Arbeit in der Kupfermine
Bühnenbild
Sklaventross

Prinzessin Amneris mit ihren Hofdamen

Thunerseespiele

«Endlich wieder richtiges Musical», ist man, nach den Standing Ovations zum Premierenschluss der «Aida», an den diesjährigen Thuner Seespielen versucht zu sagen. Waren Dürrenmatts «Alte Dame» oder «Gotthelf – das Musical» nette Versuche, Swissness im Musical, und insbesondere auf der Thuner Seebühne zu etablieren, fand man mit dieser Aida zum klassischen Musical zurück. Zwar basiert der Stoff bekannterweise auf Verdis Oper, doch Sir Elton John als Komponist und Tim Rice als Texter schufen mit dieser Musical-Version eine etwas gestrafftere, schwungvollere, verständlichere und souligere Variante.

Das Spiel basiert auf einem Buch von Linda Woolverton, David Henry Hwang und Robert Falk. Die Uraufführung des Musicals fand im Jahr 2000 in Atlanta statt. Es war die Zeit der Musical-Adaptionen vieler bekannter Opern wie «Miss Saigon» («Madame Butterfly») oder «Rent» («La Bohème»). Nun also ist man in Thun wieder beim internationalen Musical angekommen, und das ist gut so. Denn mit internationalen Massstäben kann man sich im Berner Oberland auch messen. Daran änderte auch das äusserst missliche Wetter am Premierenabend nichts. Die gut zwei Stunden in bissiger Kälte, bei böigem Wind und fast schon bei Schneeregen zum Schluss hat man gerne ausgehalten.

Mieses Wetter, tolle Schauspieler

Schon das schnörkellose, klare Bühnenbild mit der grossen, teilbaren Tutenchamun-Totenmaske macht deutlich: Es geht um die Musik, um Tanz, um Darstellung von Emotionen. Und das wurde auch geboten. Zuerst von Patricia Meeden als Aida, die für Augen und Gehör ein Genuss ist. Die souligen, aber auch leiseren Töne der Kompositionen boten für sie keine Schwierigkeiten. Darstellerisch und tänzerisch ist sie eine Musical-Aida, wie man sie sich wünscht. Ebenso gut ist die zweite, weibliche Hauptrolle besetzt: Amneris von Sophie Berner. Ihrer Rolle hatte Regisseurin Katja Wolff noch einiges an komödiantischem Talent zugedacht – kein Problem für sie. Der tragische, jugendliche Held Radames, dargestellt von Jörn-Felix Alt, meisterte die stimmlichen Schwierigkeiten gut.

Einzig bei ihm hatte man das Gefühl, das miese Wetter – die Bühne war pflotschnass – hindere ihn an noch emotionalerem Spiel. Besonders aufgefallen ist Manuel Lopez als nubischer Diener Mereb. Alle anderen Rollen, ob als weitere Solisten oder im Ensemble waren ideal besetzt. Da blieb kein Anspruch unbefriedigt. Besonders erwähnenswert ist, dass die Sprechpassagen, die in diesem Stück ziemlich ausgeprägt sind, akustisch bestens zu vernehmen waren. Einerseits ein Verdienst der Darsteller, andererseits sicher auch der Technik, die an diesem Abend die besondere Wettersituation hervorragend meisterte. Die Choreografie von Christopher Tölle war schwungvoll, mitreissend und modern. Musicals leben davon, und in dieser Hinsicht hat man in Thun die grössten Fortschritte gemacht.

In Farben schwelgend, dort, wo es passend war, gar mit «Bling-Bling» im alten Ägypten – das sind die Kostüme von Heike Seidler. Farbenfroh, apart, nicht zu verschwenderisch, ägyptisch, nubisch eben. Die edlen Perücken und tollen Make-ups von Ronald Fahm müssen ebenfalls mal erwähnt werden.

Musik von Elton John

Dass sich das alles zu einem Ganzen fügt, bei dem man vor Rührung schon auch mal nasse Augen bekommen kann (nicht von aussen), ist den wunderschönen, typischen Songs von Elton John zu verdanken. Klar, da war ein Meister am Werk, der sein Handwerk versteht und dafür auch schon mehrfach mit den höchsten Preisen ausgezeichnet wurde. Der langjährige Thuner Musikleiter Iwan Wassilevski setzte diese Töne mitreissend um. Elektrogitarre, Harfenklänge, Perkussionen, das ganze grosse Orchester – es passte.

Die Musicals der Thuner Seespiele leben auch vom atemberaubenden Bergpanorama und der herrlichen Abend- und Nachtstimmung am See. Leider war diese Premiere nebelverhangen. Machte nichts. Was auf der Bühne abging, war genauso packend. Glücklicherweise waren der Schauplatz am Nil und die Darstellung so stark, dass man die kalten Hände vergass und glaubte, in der wohligen Wärme Ägyptens zu schwelgen.

Aida Bis 28. August. www.thunerseespiele.ch

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