Surfen zwischen Medien

Trotz Smartphone: Jugendliche lesen auch heute noch Literatur – aber anders

Die Zeiten des Lesens sind noch lange nicht vorbei – nur müssen es nicht mehr nur Bücher sein. Shutterstock

Die Zeiten des Lesens sind noch lange nicht vorbei – nur müssen es nicht mehr nur Bücher sein. Shutterstock

Ist die heutige Jugend eine Jugend ohne Buch? Keineswegs. Doch immer mehr Literatur für Junge erzählt den Inhalt hybrid: Als Medienverbund von Games, Serien, Kinofilmen und Büchern. So wird das Lesen zu einem Surfen zwischen den Medien.

Im Jahr 1938 beklagte die Welt eine «Jugend ohne Gott» – heute beklagt sie eine Jugend ohne Buch. Die Zeichen fürs Lesen stünden auf Düster. Düsterer als die Druckerschwärze, die es vielleicht ohnehin bald nicht mehr brauche. Denn in Sachen Bücher sei für heutige Jugendliche, wenn überhaupt, der Comicroman und Bestseller «Gregs Tagebuch» noch das höchste der Gefühle, monieren Fachleute. Vorbei die Zeit der solitären Schmöker wie «Sofies Welt» oder «Die Entdeckung der Langsamkeit».

Es heisst, viele Heranwachsende hingen lieber am Smartphone, an der Game-Konsole oder in der Endlosschlaufe von Netflix-Serien. Die Folgen? Fatal, befand die Pisa-Studie 2015, gemäss der bereits ein Fünftel aller 15-Jährigen nicht fähig ist, sinnerfassend zu lesen.

Ist die beschworene Lesedämmerung Realität? Eine kurze Umfrage im Bekanntenkreis ergab zunächst ein ähnliches Bild: «Seit Timm fürs Gymi so viel Lektüre bewältigen muss, liest er zu Hause nie», erzählt eine Mutter. Eine andere: «Lars liest nichts ausser Fussballberichte.»

Schwarzmalerei fehl am Platz

Ist es wirklich vorbei mit dem Jugendbuch? Das Bild, das die Mütter zeichnen, hält der Realität nicht stand. Totale Dystopien (negative Gegenpole zu Utopien) sind zwar im Bereich der Jugend-Literatur zurzeit omnipräsent, etwa mit «Die Tribute von Panem» (Suzanne Collins) oder «Game of Thrones» (George R. R. Martin). Doch was das Leseverhalten von Jugendlichen betrifft, ist Schwarzmalerei nicht angebracht.

Zu diesem Schluss führt eine Feldforschung dieser Zeitung in Bibliotheken, einer Kantonsschulklasse und im Gespräch mit denen, die es wissen müssen: den Jugendlichen. «Man wird reingezogen und kann nicht mehr aufhören zu lesen», schwärmt eine Schülerin der Klasse G1E an der Alten Kantonsschule Aarau. Sie ist nicht die einzige ihrer Klasse, die sich fürs Lesen begeistert: «Ich kann meiner Welt entfliehen und Dinge erleben, die sonst unmöglich wären», oder: «Mir gefällt die Spannung und die Diskussion mit anderen», sind Antworten der Schüler darauf, warum sie lesen. Kein Grund also, in den allgemeinen Klagegesang um eine Bücherdämmerung einzufallen, denn die frohe Botschaft lautet: Und sie lesen doch. Die Jugendlichen.

So lesen Jugendliche:

Allerdings tun sie das anders als noch vor zwanzig Jahren. Damals hiess es: Lesen oder Nichtlesen, das ist hier die Frage. Es war die Zeit der pfundschweren Romane wie «Krabat» oder «Die unendliche Geschichte», die wie Monolithen auf die jungen Leser warteten: Lies mich, oder lass mich. Damals gab es weder Prequels noch Sequels, keine Games, Serien oder Kinofilme mit demselben Plot. Und als Michael Endes «Die unendliche Geschichte» doch noch verfilmt wurde, weigerte sich der Autor, seinen Namen unter den Film zu setzen, weil er dem Buch zu wenig entsprach.

Das ist heute anders. Heute funktionieren zahlreiche Titel für Jugendliche als Serie oder als Medien-Verbund mit Buch, Film und Game. Die Grenzen sind fliessend. Doch es gilt, daran zu arbeiten, dass Bits und Buchstaben keine Konkurrenten werden. Immer öfter verstehen sich Bibliotheken deshalb als multimediale Räume – mit der Lizenz zum Verweilen. «Die Jugendlichen kommen zu uns, um gemeinsam zu gamen, «Bravo» zu lesen, Aufgaben zu machen und ganz klassisch Bücher auszuleihen», fasst es Franziska Kunga, Jugendmedienbeauftragte der Pestalozzi-Bibliothek in Zürich, zusammen.

Vor allem nach Durchlaufen des viel beschworenen – und gefürchteten – «Leseknicks», der im Alter zwischen 12 und 14 Jahren eintritt, kann das gleichzeitige Angebot verschiedener Medien lesensrettend wirken. Das ist die Zeit, wenn die Jugendlichen in die Oberstufe wechseln, ihre Freizeit knapper wird, bei gleichzeitig breiter werdender Mediennutzung. Einigen eröffnen sich neue Möglichkeiten: «Ich kenne fünfzehnjährige Mädchen, die virtuos zwischen den Medien jonglieren und genau wissen, wann Ihnen eine Serie, ein Youtube-Clip oder ein Buch guttut», erklärt Jugendmedienforscherin Christine Lötscher. Andere wählen bewusst: «Ich achte darauf, das Smartphone auch mal wegzulegen», erklärt Lukas (16). Wer allerdings zu diesem Zeitpunkt nicht sinnerfassend lesen kann, steigt aus.

Dennoch: 13 von insgesamt 23 Schülerinnen und Schülern der Aarauer Klasse G1E geben an, mehrmals wöchentlich zu lesen, drei Schülerinnen sowie ein Schüler sogar täglich. «Ich lese auch, wenn ich Prüfungen habe», erzählt die 16-jährige Yasare, «denn ich suche mir die Bücher so aus, dass ich etwas aus ihnen ziehen kann, dass sie mich weiterbringen. Dafür ist mir meine Zeit nie zu schade.» Demgegenüber stehen zehn Mitschüler, die «gar nie», «alle sieben Jahre» oder «kaum» lesen. «Anstrengend» ist ihr Hauptargument – oder der Faktor Zeit: «Warum soll ich mit Lesen Zeit verschwenden, wenn ich auch den Film schauen kann?»

Ein Orden für «Gregs Tagebuch»

Zeitsparend lesen? Auch das ist möglich, etwa mit Comicromanen. Deshalb findet es Bibliothekarin Franziska Kunga falsch, wenn Eltern «Gregs Tagebuch» mit den Worten kommentieren: «Willst du kein richtiges Buch lesen?» Sie sagt, «Greg»-Autor Jeff Kinney gehöre stattdessen ein Orden verliehen. Schliesslich habe er 194 Millionen Jugendlichen (so die Gesamtauflage) Lust am Lesen ermöglicht – auch solchen, die sonst kaum ein Buch in die Hand genommen hätten.

Dass «Gregs Tagebuch» auch bei der befragten Klasse als Lieblingsbuch genannt wird, verwundert nicht. Gesetzt sind auch «Harry Potter», «Das Schicksal ist ein mieser Verräter» von John Green nebst weiteren Titeln des Autors; der «Da Vinci Code» und anderes von Dan Brown, «Der kleine Prinz», «Herr der Ringe» und viel, sehr viel Fantasy von «Game of Thrones» (George R. R. Martin) bis «Erebos» (Ursula Poznanski). Sogar Max Frisch kommt vor. Zur Kantonsschulzeit der Journalistin war die Hälfte der Klasse versessen auf ihn. Total existenziell kam man sich nach der Lektüre von «Homo Faber» vor und lief fortan im Rollkragenpulli der Intellektuellen herum und mit dem Gefühl, dass keiner ausser uns und Max – alternativ auch Hermann (Hesse), Anne (Frank) oder Christiane (F.), über die Abgründe des Lebens Bescheid wusste – wenn auch, wie wir ungern zugegeben hätten, erst mal nur theoretisch.

In den aktuellen Jugendbüchern ist der Anteil an realen Abgründen kleiner. Auch Romane mit Umweltthemen (wie Gudrun Pausewangs «Die Wolke») sind nicht mehr gefragt. Es regiert die Fantasy – und damit Abgründe und Themen von solch fantastischer Tiefe, welche die Generation von Frisch und Co. einmal leer schlucken liesse. «Fantasy mag ich sehr», erzählt Nikita (15). «Es ist eine ganz andere Welt – irgendwie umfangreicher. Das ist faszinierend.»

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