SRF 
Trotz Heidenreich-Bashing: Der Literaturclub überzeugt

Nach dem jüngsten Literaturclub erklärte der Kulturchef des «Tages-Anzeigers» die Teilnehmerin Elke Heidenreich für nicht mehr tragbar – einmal mehr.

Anne-Sophie Scholl
Drucken
Teilen
Elke Heidenreich, als sie den Roman von Michelle Steinbeck verreisst.

Elke Heidenreich, als sie den Roman von Michelle Steinbeck verreisst.

Screenshot SRF

Für die deutsche Kritikerin Elke Heidenreich habe es kein Halten mehr gegeben, als es im letzten «Literaturclub» im Schweizer Fernsehen SRF darum gegangen sei, das Debüt der 26-jährigen Zürcherin Michelle Steinbeck in Grund und Boden zu reden. Das schrieb Guido Kalberer am Montag auf der Website des «Tages-Anzeigers» in einem Artikel, der tags darauf auch im Print erschien.

Sie verwechsle Kategorien, schliesse vom Werk auf das Leben und würde unliebsame Literatur pathologisieren. «Elke Heidenreich wird zur Hypothek für SRF», schreibt der Kulturchef in der Headline. Einmal mehr: Schon beim Streit zwischen Heidenreich und dem früheren Moderator Stefan Zweifel vor zwei Jahren hatte Kalberer für den Abgang der Kritikerin plädiert. Der Streit führte damals zum Abgang von Moderator Stefan Zweifel – er war nicht der Grund, aber der Auslöser.

Seither führt Nicola Steiner den «Literaturclub» – und zwar auffallend souverän. Die Balance zwischen Moderation und eigenen kritischen Voten überzeugt ebenso wie die Auswahl der vorgestellten Bücher, die sich meist im oberen Mittelfeld der Neuerscheinungen bewegen, mit einzelnen Ausschlägen zu anspruchsvollerer Literatur – absolut passend für die einzige Literatursendung am gebührenfinanzierten Sender.

Die Mischung machts

Vor allem aber überzeugt die Kritikerrunde. Sie ist erweitert, wird neu mit wechselnden Teilnehmern zusammengestellt, seit Anfang Jahr jeweils zusätzlich mit einem Gast aus der Kulturszene. Dabei funktioniert die Runde wie ein Team. So gibt es die Stürmer, die gerne mal auf den Tisch hauen. Dazu gehört neben Elke Heidenreich Philipp Tingler, der auch nicht immer streng literaturwissenschaftlich argumentiert. Es gibt Rüdiger Safranski, mit seinen ausholenden philosophischen Herleitungen. Und neben Martin Ebel und Hildegard Keller gibt es die Literaturwissenschafter Thomas Strässle, Christine Lötscher oder Julian Schütt, denen nicht das fachliche Argument, wohl aber die Farbe fehlt. Es ist wie beim Fussball: Jeder Spieler übernimmt eine Rolle.

Klar, die Aussagen von Elke Heidenreich sind heftig («Die Autorin hat eine ernsthafte Störung.»). Aber sie stehen im Kontext des Gesprächs. Zum einen fällt da auf, wie Gast Alain Claude Sulzer zuvor minutenlang gerungen hatte, sein Unbehagen bei dem Buch in Worte zu fassen und sich schliesslich in die Wiedergabe seiner Leseerfahrung gerettet hat. Aber auch: Wie die übrigen Teilnehmer Heidenreich sofort in Schranken wiesen. Der «Club» ist eine Diskussionsrunde, kein Literaturseminar. Disput macht den Reiz der Sendung aus. Das muss nicht schlecht sein: Im Widerspruch lässt sich manches viel besser zeigen – etwa, was valable Kriterien für ein Buch sind.

Nationaler Welpenschutz

Der «Tages-Anzeiger» drehte tags drauf die Geschichte weiter. Was sie zu der Kritik sage, wollte Kalberer sinngemäss von der Autorin wissen. Die 26-jährige Michelle Steinbeck parierte gelassen. Aber: Seit wann befragt man Autoren zur Kritik an ihren Büchern? Und: Der «TagesAnzeiger» stellte Heidenreich gleichentags an den Internetpranger. Gut 5000 Leute nahmen an einer Onlineumfrage teil, 73 Prozent sprachen sich gegen Heidenreich aus. Nur: Das ist populistische Meinungsmache, keine Umfrage, die repräsentativen Kriterien entspricht. Und schon gar nicht den Kriterien der Literaturkritik. Differenzierter sind übrigens die Online-Kommentare. Warum die Erregung bei einer Schweizer Debütantin losbreche, liest man da etwa – berechtigte Kritik an nationalem Welpenschutz.

Der «Literaturclub» als Ganzes überzeugt – das spiegelt sich auch in den Zahlen wieder. Die Zuschauerzahlen haben sich seit dem Neustart gehalten, seit Anfang Jahr ist der Marktanteil mit durchschnittlich 7,6 Prozent sogar leicht gestiegen. Und wenn man schon bei den Zahlen ist: Drei der vier Kritiker im «Club» konnten mit Steinbecks Buch «Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch» und seinen fantastischen Ausbrüchen jenseits von Logik nichts anfangen.

Aktuelle Nachrichten