Man hat es sich ganz anders vorgestellt. Nachdem die Geschwister Vischer im Frühjahr ihre Idee publik machen, eine neue Messe für Basel zu starten, war man per se schon mal skeptisch: Noch eine Messe für Basel, noch eine Kunstmesse, ah nein halt, eine Kunsthandwerk-Messe! Nein, nein, korrigierten die Vischers, das heisst: Contemporary Craft. Neudeutsch für Kunsthandwerk. Also sowas wie die Blickfang? Und wieder Kopfschütteln. Eben nicht. Contemporary Craft, das ist die Schnittstelle zwischen hoher Kunst und hohem Handwerk, so erstklassig, dass die arrivierten Sammler aufmerksam werden, die Jungen sammeln wollen, die mittleren Segmente es sich leisten können. Sowas gibt es europaweit noch nicht, sagten die Vischers weiter, sowas braucht es. Jedes ihrer Worte liebevoll begleitet von der «Basler Zeitung», der Claim «say hello to craft» auf Plakaten in der ganzen Stadt platziert.

Eben: Man war skeptisch. Die Wohlhabenderen füttern die Wohlhabenden, es geht um Geld, um Status, um support your rich collectors. Und später, wenn die Messe richtig fett geworden ist, dann wohl darum, diese mondäne Idee weiterzuverkaufen.

Prosecco statt Champagner

Diese Mutmassungen muss man bereits bei der Vernissage entschärfen. Klar, es gibt Cüpli, 400 Flaschen Prosecco – ganz bewusst habe man sich gegen Champagner entschieden, sagte Artistic Director Brian Kennedy, «Champagner ist für die Alten – und wir sind für die Jungen!» Er lacht. «Eine andere Art zu sagen, dass wir uns den Schampus schlicht nicht leisten konnten.» Das ist sympathisch, genauso wie seine Aussage, dass diese Messe nicht vom hohen Pferd aus dirigiert werden will, er will sichtbare Preise, Gegenstände zum Anfassen, keine Angst vor Konversation und Vernetzung. Das Konzept kommt an: Tout Bâle wurde eingeladen und war auch hier, um die 900 Leute, wenn man Kennedy glauben will.

Und jeder glücklich hier zu sein: Bei der Art Basel sind die vielen Preview-Abstufungen bereits so erlesen, das einige vor lauter Frust über ihre Degradierung vom Preview-VIP zum gewöhnlichen VIP erst gar nicht mehr auftauchen. Von den Preisen ganz zu schweigen. Das ist hier kein Problem: Die Preise fangen bei 1000 Franken an, das meiste kostet unter 10 000. Das ist immer noch viel, aber die Mehrbesseren freuts ungemein. Euphorisch ruft man sich «hesch au scho ebbis kauft!?» zu, über die Cüpliränder hinweg.

Alle glücklich

So muss es gewesen sein, als die Art Basel noch erschwinglich war, denkt man sich, und erwartet den nächsten Tag, denn: Eröffnung schön und gut, aber erstens hat man vor lauter Leuten kaum was gesehen und zweitens kommt auf so viel Prosecco meist ein gehöriger Kater.

Auch hier wieder: Weit gefehlt. Am nächsten Tag sind bereits kurz nach der Eröffnung um 11 Uhr mehr Leute in der Messe als an der Design Miami/Basel an einem Wochentag. Die Stimmung ist entspannt, die Galeristen glücklich. Viele haben schon reichlich verkauft, es waren wichtige Sammler da, und es kommen noch mehr: Das Kunstmuseum und Friends haben sich für den nächsten Tag angemeldet, genau so wie der Förderverein des Vitra Museums.

Man müsse sich diese Szene erstmal aufbauen, sagte Anthony Vischer im Vorfeld zur Messe, und er hat Recht: Das Publikum hier ist gemischt, man scheint noch nicht genau zu wissen, was einen erwartet und ist umso entspannter, wenn man die vergleichsweise moderaten Preisschilder neben feinsten Glasskulpturen oder ausgefallenen Schmuckstücken sieht. Viele der ausgestellten Werke sind auch tatsächlich Funktionsgegenstände: wuchtige Goldringe von Renzo Pasquale, ein imposanter Kronleuchter aus gläsernen Ballons von Matteo Gonet. Das ist Kunst, die man sich ins Haus stellen kann – und es wird Wert darauf gelegt, die Hersteller entsprechend zu bezeichnen: Renzo Pasquale ist kein Goldschmied, er ist Schmuckkünstler, erklärt die Dame am Stand. Und Matteo Gonet, der sein Atelier übrigens in Münchenstein hat, ist schlicht: Künstler. Eine nachvollziehbare Bezeichnung: Vieles hier würde auch auf einer Unlimited bestehen, jenem Sektor der Art Basel, wo die grossen Werke stehen. Dazu gehören auch die gläsernen Orchideen der britischen Künstlerin Laura Hart, wunderschöne Gebilde, die an der Wand einer englischen Galerie hängen. Bis zu sieben Mal gebrannt, erzählt die Galeristin ehrfürchtig, «und natürlich schon verkauft». Ist das jetzt Kunst oder Handwerk? Beides, sagt die Galeristin bestimmt. Und die Frage sei ja auch nicht so wichtig. Oder?

Gedanken vor!

Wenn es darum geht, einen Platz neben der wichtigsten Kunstmesse der Welt zu verteidigen wahrscheinlich schon. Und dabei auf dem Boden zu bleiben, noch viel mehr. Auch an der Art Basel sieht man hervorragendes Handwerk, genauso wie man hier hochkarätige Kunst sieht. Während man sich an der Art jedoch nach drei Stunden dem Nervenzusammenbruch nahe aus der Halle schleppt, verlässt man diese Messe beschwingt und inspiriert. Eine Messe durch und durch, die aber den Basler Boden unter den Füssen nicht verliert. Oder um es mit den Worten der Designerin Zoe Arnold zu sagen, die in einem Video ganz hinten in der Halle zu sehen ist: «What they do is about showing wealth. Whereas what I do is about showing thought.» Die zeigen Reichtum und ich zeige Gedanken.

Tresor Contemporary Craft vom 21. bis 24. September in der Messehalle 3.