Tonino Castiglione, möchten Sie lieber in den Himmel oder in die Hölle kommen?

Tonino Castiglione: So, wie ich es mir vorstelle, möchte ich schon lieber in den Himmel kommen. (lacht) Aber ich weiss, warum Sie diese Frage stellen! Die Antwort lautet meistens: In der Hölle ist es interessanter. Aber bei Dante ist es dort alles andere als interessant für die verdammten Seelen.

Aber für die Leserschaft ist es der faszinierendste Teil seiner «Komödie». Zumindest literarisch wird die Hölle dem Himmel schon vorgezogen?

Ja, «Inferno» ist der meistgelesene Gesang. Man erfährt sehr viel über die Figuren dort und ihre Geschichten. Dante sieht seine Zeit als eine äusserst problematische, Florenz ist für ihn eine Hure, eine Stadt, die am Versinken ist: Durch Machtmissbrauch, Korruption und den Konflikt zwischen Kaiser und Papst. Darum gibt das Inferno die wichtigere Erzählung her. Im Paradiso ist beim Personal alles in bester Ordnung. Es steht der theologische Diskurs im Vordergrund.

Regisseur Thom Luz’ Hölle ist eine sehr sanfte, melancholische. Da ist nichts mit Schreien, Sadismus, Teufelchen, kochenden Blutbrühen. Trifft Luz mit seiner nebligen, zarten Inszenierung noch den Geist des Originals?

Dante ist für Gerechtigkeit und Moral gemäss den damaligen ethischen und kirchlichen Vorstellungen. Bei ihm kommen die Sünder in die Hölle – und nie mehr raus. Die Strenge, die er hat, ist die Strenge des Mittelalters. Thom Luz’ Hölle wirkt dagegen sehr soft. Aber ich finde, es ist heute nicht nötig, Dantes Vorstellung der Hölle bildgetreu zu inszenieren. Ein HR Giger hätte mit Genuss jede Teufelskralle, wie sie sich in die Körper der Verdammten bohrt, bis ins letzte Detail ausgemalt! Luz interessiert sich dagegen für die innere Hölle der Erinnerungen. Die Francesca sagt ja: «Es gibt nichts Schlimmeres, als sich an das zu erinnern, was schön war, wenn es einem schlecht geht.» Die psychologische Pein ist bei Luz sogar grösser als bei Dante. Bei Dante kommt der seelische Schmerz auch vor, doch die körperlichen Qualen überwiegen.

Aus heutiger Sicht ist vieles ungerecht. Bei einigen Figuren mag man nicht einsehen, weshalb sie in der Hölle gelandet sind. Etwa Vergil, der gar nicht Christ sein konnte, weil es das Christentum zu seiner Zeit noch nicht gab. Oder Francesca, die mit einem bösen Mann zwangsverheiratet worden ist: Es ist doch verständlich, dass sie sich in einen anderen verliebt hat!

Es ist ungerecht, von uns aus gesehen Gugus. Auch vom Diskurs der Liebe her gesehen: Wenn du jemanden liebst, dann liebst du, dann kannst du nichts dafür. Aber gemäss der damaligen Ordnung der Kirche ist Francesca ganz klar eine Ehebrecherin. Was die Kirche vereint, darf der Mensch nicht teilen. Da ist Dante unerbittlich. Aber er macht Differenzierungen bei den Vergehen. Er schont Francesca ein wenig. Andere hocken bis zur Stirn in der Scheisse! Und Schlimmeres!

Kann Inferno uns noch Angst machen? Oder ist es heute ein reiner Lese- und Interpretationsgenuss?
Ich kann mir schon vorstellen, dass das strenggläubigen Christen auch heute noch Angst machen kann. Die Kirche distanziert sich ja nicht von diesem Bild der Hölle. Nur vom Limbus, der Vorhölle. Der Ratzinger hat als Papst die Vorhölle abgeschafft. Ich selber würde wärmstens empfehlen, das ein wenig locker zu nehmen.

Was macht für Sie die Essenz des Werkes aus, warum mögen Sie sich immer wieder damit beschäftigen?

Bei jedem Lesen finde ich wieder etwas Neues. Man kann es thematisch lesen oder auf die witzige, experimentierfreudige Sprache fokussieren. Für Dante war die «lingua volgare» ein Labor, sie hiess damals noch nicht Italienisch; die «Komödie» ist eine Enzyklopädie vom Werden dieser Sprache. Das allein macht sie so wertvoll! Und es ist ein Gedicht in Versformen, in Reimen. Es ist ein universelles Meisterwerk. Wer sich mit Literatur auseinandersetzt, kann es nicht nicht gelesen haben. Eco sagte: Wer liest, wird mehrere Leben gelebt haben. Das gilt erst recht für Werke aus anderen Zeiten. Und das allein ist Grund genug!

Haben Sie durch Luz’ Inszenierung etwas Neues über das Stück erfahren?

Ja, man kann dadurch aus einer anderen Perspektive auf das Werk schauen. Luz trägt eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Gedächtnis bei. Am Ende des Stücks hatte ich den Eindruck, dass diese Menschen ihr Gedächtnis verlieren; sie vegetieren, verschwinden.

Demente Menschen?

Wenn er sie im Nebel verschwinden lässt, heisst das doch nicht, dass sie verschwinden. Es sind Geschichtsfiguren, die bleiben. Auch wenn sie selbst kein Gedächtnis mehr haben: Sie sind Teil des menschlichen Gedächtnisses überhaupt. Aber Luz ist gnädig mit ihnen, indem er sie in der Demenz zerfliessen lässt. Ein dementer Mensch leidet nicht, er ist einfach in einer anderen Welt.

Es ist interessant, dass Sie das darin sehen. Der Vater des Regisseurs litt an Alzheimer, wie ich in einem Interview gelesen habe. Er ist traurigerweise kurz vor der Premiere gestorben.

Das tut mir leid. Ich kann mir gut vorstellen, dass es auch eine Auseinandersetzung mit dem Leiden seines Vaters ist. Es ist eine sehr persönliche Arbeit. Dante verirrt sich bei Luz nicht im Wald, sondern in einem Haufen von Requisiten. Diese Objekte verschwinden allmählich. Am Ende ist nichts mehr da.

In welchem Höllenkreis würden die meisten von uns landen? Was ist der Höllenkreis unserer Zeit?

Ich glaube, auch Vertreter unserer Gesellschaft liessen sich überall finden. Grundsätzlich hat sich der Mensch nicht sehr verändert. Alle Eigenschaften, die Dante beschreibt, haben wir immer noch.

Gibt es die Hölle auf Erden?

In Kriegsgebieten wie Syrien! Dass Menschen überhaupt aus dieser Hölle fliehen können, finde ich gut. Ich finde es hingegen schlimm, dass sie aus der Hölle fliehen – und in einer anderen Hölle landen.

Aber man muss durch die Hölle, um im Paradies zu landen: So ergeht es Dante als Hauptfigur seiner «Komödie».

Dahinter steckt der Gedanke, dass man nur zum Guten kommt, wenn man das Schlechte gesehen hat. Durchs Erleben kommt man zur Erkenntnis. Ein Prozess, den alle machen müssen. Die Welt ist oft eine Hölle. Aber man kann etwas beitragen dazu, dass sie vielleicht einmal besser wird. Und nicht schlechter. Das wäre für mich ein wenig die Hölle, zu denken: Jetzt hast du gelebt und nichts dazu beigetragen, dass es hier besser wird.

Inferno. Nächste Daten: 25. und 28. März.