Zauberflöte im Theater Basel
Thomas Tatzl: «Papageno ist doch das liebste Wesen auf der Welt!»

Der junge Bassbariton Thomas Tatzl erobert als Papageno in Basel nicht nur Papagenas Herz, sondern auch das aller Zuschauerinnen. Er fühle sich dem Vogelfänger seelenverwandt, sagt er.

Tommaso Manzin
Merken
Drucken
Teilen
Papageno (Thomas Tatzl) mit Papagena (Valentina Marghinotti).

Papageno (Thomas Tatzl) mit Papagena (Valentina Marghinotti).

Herr Tatzl, kein Komponist hat so viel Musik in so unterschiedlichen Gattungen geschrieben wie Mozart: vom Klaviermenuett über Kammermusik, Symphonien und Klavierkonzerten bis zu Oper und sakraler Musik. Was denken Sie, ist bis heute das Reizvolle an der Musik Mozarts, was hat ihren Erfolg über die Zeit hinweg so beständig gemacht?

Thomas Tatzl: Die Musik Mozarts war damals so etwas wie Popmusik heute. Er hat mit seiner Musik etwas Neues begonnen und alle mitgerissen. Jedoch wurde er ja zu Lebzeiten noch nicht so geschätzt wie erst nach seinem Tod, was natürlich sehr schade ist. Die Musik ist einfach herrlich, macht gute Stimmung, ist gut für die Seele, einfach himmlisch. Kühe sollen ja angeblich auch mehr Milch geben, nachdem man sie mit der Musik Mozarts beschallt hat. Für mich ist es unbegreiflich, wie man so eine Musik schaffen kann. Mozart war einfach ein Genie. Ich bin stolz darauf, dass er Österreicher war. Es herrscht auch eine ganz besondere Stimmung in der Mozart-Stadt Salzburg. Ich muss immer an ihn denken, wenn ich durch die Getreidegasse an seinem Geburtshaus vorbei spaziere.

Hat Mozart auch Sie selbst inspiriert?

Mozarts Oper «Le Nozze di Figaro» war der Grund, warum ich mich überhaupt dazu entschieden habe, Opernsänger zu werden. Mozart war und ist also ein ständiger Wegbegleiter in meinem Werdegang. Dazu sind gerade die Mozart-Rollen für meine Stimme besonders gut.

Im deutschsprachigen Raum ist die «Zauberflöte» konstant die meistgespielte, meistinszenierte und meistbesuchte Oper. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

Die Musik ist einfach wunderbar – kombiniert mit der märchenhaften Handlung ergibt das wahrscheinlich das Erfolgskonzept. Ich kam auch schon als Kind in Berührung mit der «Zauberflöte». Die meisten Kinder bekommen durch die «Zauberflöte» schon eine Verbindung zur Oper, sie ist oft der erste Opernbesuch der Kleinen. Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, als ich am Opernhaus Zürich unzählige Male den Papageno in einer speziellen Fassung für Kinder gespielt habe. Es ist eben eine Oper, die Jung und Alt begeistert.

Der Mozart-Kenner Wolfgang Hildesheimer bezeichnet den Plot der «Zauberflöte» als unlogisch. Es sei Mozarts Professionalität zu verdanken, dass er Szene für Szene für sich nahm und aus ihnen Meisterwerke schuf, die Banalität und Ungereimtheiten gewisser Stellen sublimierten. Was ist für Sie die Hauptaussage der Geschichte und die Funktion des Papageno in ihr?

Die Hauptaussage ist die Liebe. Papageno ist doch das liebste Wesen auf der Welt, den kann man doch nur gerne haben! Ich freue mich, genau diese Rolle spielen zu dürfen. Er spiegelt eigentlich den ganz natürlichen, normalen Menschen. Vielleicht finden sich so viele Zuseher in dieser Figur wieder und werden dadurch berührt. Man will doch in Wahrheit nichts Aufgesetztes, kein Fake. Auf die Natürlichkeit kommt es an – nicht nur in der Oper, auch im Leben.

Was reizt Sie persönlich an der «Zauberflöte»?

Erstens mal die Musik Mozarts und auch die vielen Dialoge, die es einem abverlangen, wirklich als Schauspieler zu agieren. Nicht nur das Schauspiel während des Singens ist gefragt. Nein, man muss wirklich Sprechtexte wie ein Schauspieler gestalten. Die Sprachbehandlung spielt eine entscheidende Rolle bei der «Zauberflöte». Natürlich reizt mich auch die Rolle des Papageno genau deswegen, aber auch wegen der schönen Musiknummern.

Die Version in Basel setzt auf eine moderne Inszenierung. Wie fühlten Sie sich im Gebälk der omnipräsenten Holztürme? Haben Sie ein Klettertraining absolvieren müssen?

Ich muss sagen, dass diese Inszenierung bestimmt eine Herausforderung ist. Nicht nur, dass man auf Türmen turnen muss – das Ganze tue ich auch noch im langen Rüschenrock – das soll mir mal einer nachmachen (lacht).

Gerade die Opern von Mozart werden oft modern inszeniert, Perücke und Kunstdegen sind nicht mehr jedermanns Sache, Kritiker reagieren gereizt darauf. Darf oder muss die Oper heutzutage modern inszeniert werden? Was spricht dagegen, sie wieder vermehrt traditionell zu zeigen?

Das stimmt nicht, es gibt immer wieder schöne klassische Inszenierungen. Natürlich darf man noch klassisch inszenieren. Nur denken viele Regisseure, alles in die heutige Welt übernehmen zu können, was in den meisten Fällen aber nicht funktioniert. Viele seiner Opern sind eben so geschrieben, dass eigentlich nur eine klassische Inszenierung wirklich schlüssig wirkt. Da man kann sagen, was man will. Mit etwas Fantasie kann man sich aber dann sehr wohl in die Ideen einer jeden Regisseurin, eines jeden Regisseurs hineindenken, auch wenn sich der Bogen nicht immer ganz durchziehen lässt.

Sie strahlen Bühnenpräsenz aus. Anhänger des Sprechtheaters näseln oft, Opernsängern fehle es an Schauspielkunst. Ist diese zweitrangig?

Schauspielkunst ist sehr wichtig, heutzutage ist das nicht wegzudenken. Es macht einen guten Sänger aus, dass er gut schauspielern kann. Ich finde auch, dass es der Ehrgeiz eines jeden Sängers sein sollte, sich im Schauspiel weiterzuentwickeln. Der Zuseher merkt ja sehr wohl, ob gut gespielt wird. Er fühlt sich natürlich viel mehr angesprochen und kann viel mehr ins Geschehen auf der Bühne eintauchen, wenn man ihm aufgrund des Schauspiels einer Figur einen authentischen Charakter gibt.

Arien wie «Der Vogelfänger» oder die Koloraturarie «Königin der Nacht» kennen die Zuschauer beinahe auswendig. Sie warten auf ihren Plätzen sehnlichst auf diese Hits. Wie gelingt es, diesen Arien überhaupt noch eine persönliche Note zu geben?

Das ist schwierig. Die einzige Möglichkeit besteht eigentlich darin, den Arien eine persönliche Note durch seine eigene Stimme zu geben – die hat ja sonst niemand. Stimmen sind total individuell und Geschmacksache. Wenn ich mit meiner Stimme den Geschmack der Zuhörerinnen und Zuhörer treffe, freue ich mich. Weiter könnte man natürlich mit einer speziellen eigenen Gestaltung der Arie eine persönliche Note verpassen. Man ist aber an die Vorstellungen und Vorgaben des Dirigenten gebunden. Deshalb ist das in den seltensten Fällen möglich.

Sie haben den Papageno schon an mehreren Häusern und in unterschiedlichen Inszenierungen verkörpert. Hat sich dadurch ihr Verständnis der Rolle entwickelt?

Natürlich, es wächst ständig weiter. Ich tauche mit jeder Inszenierung tiefer und tiefer in die Rolle ein, auch wenn ich sie jedes Mal etwas anders spielen muss. Aber das gibt mir die Möglichkeit, die Rolle immer genauer kennenzulernen. Nicht nur die Kostüme ändern sich, auch die Sicht der Regisseure auf die Rolle.

Was reizt Sie noch immer an Papageno? Gibt es Berührungspunkte zwischen Ihnen und Papageno, eine Seelenverwandtschaft?

Sie werden es nicht glauben, aber ich fühle wirklich eine Seelenverwandtschaft. Ich bin dieser Rolle sehr nahe. Vielleicht ist das der Grund, warum sie mir so viel Glück gebracht hat. Sie wird einfach nicht langweilig. Ich bin ständig auf der Suche nach neuen Erfahrungen. Nicht nur im Leben.

Wie viel Freiheit und Einflussmöglichkeiten hat man bei der Gestaltung der Rolle?

Zum Glück hat man da schon ein bisschen Freiheit, ohne die gehts gar nicht. Meine Aufgabe ist es schliesslich, die Verbindung zum Publikum herzustellen. Wenn das Papageno nicht tut, wer dann? Es ist ein Geben und Nehmen zwischen Publikum und Sänger. Wenn einem ein Regisseur verbietet, etwas zu geben, dann kann natürlich auch nichts ankommen – oder dann in weiterer Folge zurückkommen.

Welche Partien würden Sie in Zukunft gern in Angriff nehmen?

Als Nächstes möchte ich den Guglielmo aus «Così fan tutte» sowie die Titelrolle in «Don Giovanni» in Angriff nehmen. Beides Mozart-Partien.

In der Oper und gerade in der Zeit Mozarts waren Verkleidung und Fasching eine beliebte Kulisse. Mögen Sie den Fasching – oder wie es hier heisst: Fasnacht? Für die Basler ist sie eine grosse Tradition. Am 15. Februar sind sie wieder da, die ersehnten «drey scheenschte Dääg»; auf fasnacht.ch zählt man schon Minuten und Sekunden.

Eigentlich interessiert mich die Fasnacht nicht sonderlich. Ich hab mich nie verkleidet; ich habe den Anlass immer als etwas lächerlich empfunden. Ich kann es aber verstehen, wenn viele Leute dies als Gelegenheit nehmen, in eine andere Rolle zu schlüpfen und ihrer Fantasie so freien Lauf lassen wollen. Ich muss allerdings dazu auch sagen, dass Fasching bei uns in Österreich bestimmt anders gefeiert wird als in der Schweiz. Vielleicht würde ich es hier sogar mögen, wer weiss?

Was sind Ihre nächsten Stationen?

Zunächst die Rolle des Figaro in «Le Nozze di Figaro» im National Center for the Performing Arts in Peking. Für die Spielzeit 2017/18 ist das Debüt an der Wiener Staatsoper geplant.

Kommende Zauberflöten-Vorstellungen: www.theater-basel.ch