Schauspiel

Thomas Oberender: «So werden wir das Stück»

Für Zürich inszeniert, fürs «best of» am Berliner Theatertreffen ausgewählt: «Ein Volksfeind».

Für Zürich inszeniert, fürs «best of» am Berliner Theatertreffen ausgewählt: «Ein Volksfeind».

Das Theater hilft uns, besser zu leben, findet Thomas Oberender, der Intendant der Berliner Festspiele.

Herr Oberender, Sie werden Jahr für Jahr nach dem Sinn des Theaters befragt. Haben Sie eine perfekte Antwort festgelegt – oder entwickeln Sie ständig neue Antworten?

Thomas Oberender: Für mich ist Theater einer der schönsten Wege das Leben und die Welt zu verstehen. Und ich glaube, solange Menschen in Gemeinschaften leben, schaffen sie sich eben Bühnen, um sich ihrem eigenen Leben gegenüberstellen zu können – und es dadurch zu begreifen. In der Antike war das Theater für die Griechen der praktische Gottesdienst. Für uns heute ist es die eine vergleichsweise preiswerte und flexible Art, wie man sich seinen Ort in der Welt ohne Gott erklären kann.

Ist es nicht billiger, ein Buch zu lesen, um die Welt zu verstehen?

Das Theater ist ein Allesfresser, der alle anderen Kunstformen integrieren kann. Das Buch ist ein privates Vergnügen; Theater ist immer ein öffentliches Erlebnis: ein grosses Ritual, das Menschen erfunden haben, um das, was sie zur Gemeinschaft macht, gemeinsam zu erleben.

Hat es das Theater mit jedem Jahr schwerer, nochmal etwas Neues zu erfinden?

Im Gegenteil. Das Theater erfährt im Moment sehr viel mehr Aufmerksamkeit als noch vor einiger Zeit. Wenn Sie sich vor Augen führen, was für neue Technologien gerade erfunden werden: Virtual oder Augmented Reality, 360-Grad Videos. All die Leute, die das entwickeln, schauen plötzlich wieder zum Theater und versuchen, da zu lernen, wie man Geschichten erzählt. Es entsteht gerade die Geburt eines neuen Mediums. Und da kuckt man sich bei so ganz alten Medien, die schon so viele Tricks, so viele Verwandlungen hinter sich haben, ab, wie es gehen könnte. Wie erzählt man ohne Schnitt? Wie in einer Welt, die einen rundum umgibt?

Die neuen Medien sind also keine Bedrohung für das Theater? 

Nein, gar nicht. Das Theater verwandelt sich einerseits selber ständig. Anderseits hat es ein unersetzbares Moment: Die Welt zu proben. Diese seltsame Konstruktion von Zeit und Raum: Dass es jetzt spielt, obwohl es was wiederholt, dass es hier stattfindet, obwohl es de facto woanders ist. In dieser Präsenz-Erlebnisform gibt es das in keinem anderen Medium. 

Sie haben schon Tausende von Stücken gesehen. Sind Sie trotzdem immer wieder überrascht? 

Ja, sehr. Das ist das Allerschönste überhaupt. Dafür gehe ich ins Theater. 

Ist es ein wenig wie mit dem Universum, dass man nie an ein Ende kommt damit?

Es ist wie eine Sprache, die auch nie ausgesprochen ist, sondern sich verjüngt und verändert.

Was hat sie denn in letzer Zeit überrascht?

Vor wenigen Tagen sah ich eine verblüffende  Aufführung namens «Trans-» der dänischen Compagnie «two-women-machine-show». Das war eine Form von Theater, wie ich sie noch nie gesehen habe. Eine Bühne, auf der man selber sitzt. Und ein Gegenüber: Vier Performer, die zurückblicken. Das Stück handelt davon, was sie sehen, während sie vor uns stehen. Und da sehen sie uns. Und so werden wir das Stück. Aufregend und jeden Abend anders.

Es gibt eine Tendenz, dass die Zuschauer immer stärker ins Geschehen hineingezogen werden.

Auch in der Bildenden Kunst und der Musik gibt es diese Tendenz: Dass man den Dingen nicht gegenübersteht, sondern in sie eintritt. Das hat wiederum mit der digitalen Kultur zu tun.

In diesen politischen Zeiten sei das Theater wieder wichtiger für die Gesellschaft, schreibt die Jury im Theatertreffen-Programmheft. Sie glauben also auch daran?

Man hofft das. Ich glaube, dass Theater immer durch einen Umweg relevant wird. Es ist kein direkt politisches Medium, keine Partei. Aber Theater selber verwandelt die Welt und überführt sie in einen anderen Zustand, eine andere Form von Zeit und Ort. Daran vermag eine Gesellschaft sich erkennen. Das kann von politischem Nutzen sein. Und de facto ist es so, dass in politischen Krisenzeiten immer sehr interessantes Theater entsteht. 

Ist das für Sie die Konstante von Theater, dass es Zeit und Ort verwandelt?

Ja, ich hab mal ein Buch darüber geschrieben: «Leben auf Probe». Theater ist der einzige Ort der Welt, wo Sie das Leben so leben können wie das echte - und Sie können es wiederholen. Unser Gespräch ist vorbei, wenn Sie auf den roten Punkt drücken. Im Theater fangen wir wieder von vorne an, sprechen dieselben Sätze, befinden uns in derselben Situation nochmal. Und können klüger sein, mit der Situation spielen. Ich glaube, dafür haben das die Menschen mal erfunden: Um ihr Leben in jede Richtung auszuprobieren.

Obwohl ja jede Aufführung wieder ein wenig anders ist.

Ja eben! Man trifft eine gewisse Verabredung, aber jedes Mal ereignet sich das etwas anders. Wie man dahingekommen ist, hat viel damit zu tun, dass man diese Sätze schon in jeder erdenklichen Haltung gesprochen hat, bevor eine bestimmte Festlegung erfolgt ist. 

Was kann dieser Prozess im besten Fall bewirken?

Ein intensiveres, klügeres, freieres Erfahren von Leben. Im Leben wird man ja immer bestraft, wenn man etwas falsch macht. Im Theater nicht. Das betrifft jetzt vor allem das Theater machen. Jede Form von Streit, Liebe, Erkenntnis, beschenkt Sie dort mit einer Erfahrung von Leben, die das Leben selbst nicht bereithält. 

Hat Theater Ihnen selber schon dabei geholfen, Probleme im echten Leben zu meistern?

Ja, sehr.

Können Sie sagen, was für eine Stellung Schweizer Theatermacher im deutschsprachigen Raum haben? 

Ich glaube, Milo Rau zum Beispiel ist ein internationaler Superstar geworden. Christoph Marthaler ist es. Barbara Frey ist wunderbar. Simon Stone stammt auch aus Basel. Es ist schon ein Land, aus dem viele wichtige Künstler kommen.

Haben die Schweizer Theaterhäuser einen bestimmten Ruf?

Der Applaus ist kürzer, das Publikum ein bisschen undankbarer.

Ach ja? 

Sie haben ja viel bezahlt, warum sollte man da noch lange klatschen. 

Und was verbinden Sie noch mit Schweizer Theater?

Was man von der Schweizer Graphikerszene sagen kann, dass sie vielleicht die interessanteste Europas ist, würde ich von der Theaterszene nicht sagen. Es gibt sehr gute Arbeitsbedingungen. Es gab Zeiten – Düggelin am Theater Basel, Marthaler am Schauspielhaus Zürich – da war die Schweiz für die deutsche Theaterszene ein Mekka. Vier mal Theater des Jahres in Folge; da hat man sehr nach Zürich geschaut. Diese grosse, widerständige Rolle, die ein Künstler wie Marthaler spielt, der auf eine andere Zeit, eine andere Unnützlichkeit von Theater besteht. Das war leitbildhaft. Auch durch die Neugewinnung einer Spielstätte wie den Schiffbau - und damit neuer Theaterformen.

Und im Moment ist die Schweiz ein wenig weg vom Fenster?

Naja, Rimini Protokoll ist ja auch aus der Schweiz. Rimini Protokoll ist vielleicht die grösste Erfindung der letzten 20 Theaterjahre. Wenn Sie nach China fahren, kennen wenige Thalheimer, aber Rimini Protokoll und deren interaktives Theater kennen alle.

Diese Compagnie hat ein anderes Prinzip von Theater in die Welt gebracht. Aber inwiefern die Schweiz, vielleicht mit ihrer Förderung, dazu beigetragen hat, kann ich nicht sagen. Oder Hildesheim, wo die Leute von Rimini Protokoll Theater studiert haben.

Wie haben Sie die Schweiz während Ihrer Zeit als Chefdramaturg am Schauspielhaus Zürich erlebt?

 Es existiert eine besondere Form der Verletzlichkeit im sympathischen Sinn. Sie ist ja immer in einer Situation des Kleinen gegen die Grossen. Aber wenn das Vertrauen da ist, sind ganz viele Wege möglich. Und es gibt ein hohes Mass an Verwantwortung dem Mitbürger gegenüber. Im Alltagsleben wird das bisweilen als eine ständige Pädagogik spürbar, man wird viel erzogen. Aber das kann man auch anders betrachten: Es ist einfach nicht egal, wie man zusammenlebt; es geht fast bis zur Überfürsorglichkeit. Es gibt eine grosse Angst vor dem Fremden und Erschreckenden. Deshalb haben Leute wie Marthaler eine Sprache gefunden, provozierend zu sein, ohne zu belehren. Aber eben: anarchischer gehts fast nicht.

Und der wurde dann verjagt. 

Ja, muss man so sagen. Dadurch wurde es Legende.

Haben Sie eigentlich auch schon mal geweint im Theater?

Oft. Man lacht oft, aber weint selten.

Das ist auch ein sehr intimes Moment. Wenn Sie zehn Tagen Festival hinter sich haben, kommen Ihnen schneller die Tränen, weil man erschöpfter ist.

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