Fotografie

Thomas Kern: Mit geschärftem Blick durch die USA

Der Schweizer Thomas Kern erforscht gekonnt den amerikanischen Alltag. Der Ansatz von Thomas Kern ist essayistisch: Er erklärt nicht, sondern er erzählt. Mit Bildern.

Bei einem Treffen erzählt der Fotograf Thomas Kern von seinen Jahren mit der Familie in San Francisco und vor allem von den Reisen quer durchs Land, die ihm wichtig waren, um zu wissen: «Wo bin ich? Denn ich habe festgestellt, dass ich Amerika anders sah als meine amerikanischen Freunde. Ich habe vieles nicht begriffen, und versuchte doch Teil zu werden, die Geschichten von innen zu erzählen.»

Es fallen Stichworte wie «Suche» oder «Klima erkunden». Das erstaunt nicht, wenn man weiss, dass Thomas Kern seine Recherche 2002 angefangen hat. Nicht nur weil er wollte, sondern auch, weil er plötzlich Zeit hatte. «In den USA war im Jahr 2000 die Dotcom-Blase geplatzt und nach 9/11 gabs fast keine Aufträge mehr», erinnert er sich. Die Zeit war also spannend, um einem verunsicherten Land das Fieber zu messen. «Ich wollte die Verunsicherung im Alltag finden», erklärt Kern.

Programmatisch erscheint das erste Bild: Ein Mann steht auf seinem Pick-up, um ein Auto-Speedway über den Zaun von aussen zu betrachten. Im Vordergrund ein leeres Feld, Action passiert unsichtbar. Auch Thomas Kern ist ein Beobachter. «Kein Bild ist inszeniert», betont er. «Wenn man unterwegs ist, macht man nur eines: Man schaut.»

Mit leichtem Gepäck

On the road war er mit leichtem Gepäck. Nicht mit der Grossbildkamera, sondern mit der Leica. «Ich habe analog und schwarz-weiss fotografiert, weil ich so das Material selber verarbeiten kann.» Und warum nicht digital? «Die Zeit zwischen der Aufnahme und dem Betrachten der Bilder war mir wichtig, das gibt Raum für Reflexion.» Der Ansatz von Thomas Kern ist essayistisch: Er erklärt nicht, sondern er erzählt. Mit Bildern. Und – das ist ihm wichtig – mit Bilderfolgen. «Das Buch, die Fotoreihen waren für einmal kein Auftrag, sondern eine Aufgabe, die ich mir selbst gegeben habe.»

Natürlich wisse er, dass er nicht der erste Fotograf mit einem Amerika-Buch sei, so Kern, «Aber ich mache es anders, aus meiner Sicht.» Und der Vergleich mit Robert Frank, dem Schweizer, der mit «The Americans» 1958 als Schweizer das Nachkriegsbild der USA auch für die Amerikaner selber gezeichnet hat und bis heute das Genre prägt? «Lange war Robert Frank mir zu poetisch. Aber im Laufe der Arbeit habe ich gemerkt, dass ich doch etwas Verwandtes mache», erklärt Kern und setzt bestimmt dazu: «Aber ich bin nicht so dunkel wie Frank.»

Ein Konzentrat von Bildern

Das Buch «A Drug Free Land» enthält ein Konzentrat aus verschiedenen Reisen. «Die Wahl der Orte und Routen war dabei nicht zufällig», betont Thomas Kern. «Mich hat beispielsweise der Süden interessiert, ich bin dem Lauf des Mississippi gefolgt, weil sich hier vieles aus der Geschichte manifestiert.» Die Reihenfolge im Buch ist aber weder geografisch noch chronologisch bestimmt, sondern visuell, eigentlich intuitiv gesetzt. Kern schafft damit bei der Betrachterin ein Auf und Ab der Gefühle, auf Ödnis folgt pralles Leben, nach verkommenen Plätzen der American Dream und Stolz. «Ein Leitfaden für mich war Alexis de Tocqueville über die amerikanische Demokratie von 1831, das Standardwerk, das erklärt, wie die Neue Welt funktioniert.» Und Kern fügt bestimmt an: «Man hat bei ihm das Gefühl, er rede von heute.»

Auf einen geschriebenen Reisebericht verzichtet Thomas Kern, selbst die Bildlegenden sind nur knappe Angaben über Ort, Datum und Sujet. «Ich wollte nicht kommentieren, schon gar nicht zynisch.» Als Ergänzung gibts einen stimmungsvollen Essay von Gerhard Waldherr über eine Reise ins öde geografische Herzland der USA. Und als Kommentar könnte man auch den Titel des Buches auffassen: «Drug Free Land». Er ist von einer Fotografie übernommen, einem Schriftzug am Zaun eines kalifornischen Colleges. «Er enthält drei Themen», erklärt Thomas Kern, «zwei davon sind typisch für die USA: Land und Free.»

Thomas Kern A Drug Free Land. Edition Patrick Frey. 192 S., 61 Abb., Fr. 72.–.

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