Buchvorstellung

Thomas Gottschalk: Ein Entertainer, der nirgends mehr gebraucht wurde

Thomas Gottschalk mit seinem Buch im Kaufleuten in Zürich.

Thomas Gottschalk mit seinem Buch im Kaufleuten in Zürich.

Der Entertainer Thomas Gottschalk liest in Zürich aus seiner Biografie. Er legt einen Auftritt voller Energie hin. Trotzdem gibt der fröhliche ex-"Wetten, dass...?"-Moderator eine Figur ab, die einen nachdenklich stimmt.

Was ist ein Entertainer ohne seine Show? Thomas Gottschalk (65) ist gerade ein solcher. In seinen laufenden Sendungen («Back to School» und «Die 2 – Gottschalk und Jauch gegen alle») spielt er nicht die Hauptrolle, die er in «Wetten dass…?» mal hatte.

Es sieht aus, als seien die goldenen Zeiten just dann vorbei, als seine Haarfarbe von golden zu «herbstblond» wechselte. Nun muss er sich neu definieren: Bleibt er Entertainer oder wird er Rentner?

An diesem Wendepunkt erschien im Frühling seine Autobiographie «Herbstblond». Über sein Buch sprach er in Zürich. Bedeutet die Biographie, dass er den Ruhestand noch für ein Weilchen abwenden will?

Thomas Gottschalk's Abschiedsrede bei der letzten Sendung von Wetten, dass...?

Thomas Gottschalk's Abschiedsrede bei der letzten Sendung von Wetten, dass...?

Gottschalk betritt den Raum im blauen Blazer, die Haare leuchten hell wie eh und je. Ganz der Entertainer hat er ein freundliches Lächeln und einen Spruch auf den Lippen: Er sei heute gleich als der Haribo-Mann erkannt worden, da habe er zur Sicherheit «Ricolaaa» zurückgerufen. Gottschalk wirkt jugendlich, energetisch und gar nicht wie ein Rentner. Passt das zum Eindruck, den man in seiner Biografie von ihm erhält?

Den Strahlemann findet man im ersten Teil der Biographie wieder, der sich liest sich wie ein Märchen. Gottschalk war ein glückliches Kind, ein glücklicher Jugendlicher und ein ebensolcher Erwachsener. Anschliessend ebneten ihm Glück und einige Mentoren den Aufstieg vom Radio zum Fernsehen.

Kann Glück eine Karriere schaffen? Wohl nicht ganz, Selbstanalyse und Talent waren auch notwendig. Seine Nische war quatschen: «Da ich aber beim Erarbeiten von Fakten relativ schnell und häufig einschlief, entschloss ich mich, aus dieser Not eine Tugend zu machen, und suchte mein Heil im gesprochenen Wort, das mir oft schon vor dem dazugehörigen Gedanken entfuhr.» Er weiss genau, dass er nicht der Mann fürs Tiefgründige ist. Gottschalk will die Menschen glücklich machen und unterhalten. Und man glaubt ihm, dass er nicht aus Karrierekalkül in die Unterhaltungsbranche fand, sondern weil er die Menschen gern hat. Man mag ihn penetrant fröhlich und oberflächlich finden, doch der Unterhalter ist er stets bewusst und mit Herzblut. Das macht ihn sympathisch.

Doch die Zeiten ändern sich. Gottschalk sagt in Zürich: «Es wäre verlogen zu sagen, ich wäre durch den Unfall von Samuel Koch in vollem Lauf gestoppt worden. Natürlich habe ich beobachtet, dass «Wetten dass...?» 2011 nicht mehr das war, was es 1995 war.» Aber er erkannte, dass dies der Moment war, um aufzuhören. In der Biografie fragte er sich, wo sein neuer Platz sei und merkte: «Ich musste feststellen, dass ich nirgendwo gebraucht wurde.» Er passt nicht ins Reality-TV und nicht in Castingshows. Ein Versuch bei das «Supertalent» und «Gottschalk Live» sind gescheitert. Gottschalk nennt seine Misserfolge ebenso beim Namen wie seine Erfolge; Selbstverblendung kann man ihm nicht vorwerfen. Liest man diese Kapitel, sieht man einen alternden Mann vor sich, der nach seinem Platz in einer Welt sucht.

Doch dieser Eindruck bestätigt sich an seinem Auftritt in Zürich nicht. Seine Energie und Freude am Auftritt sind noch da. Während er in der Biografie seine Frage nach der Zukunft offen lässt, äussert er sich am Auftritt schon konkreter. «Ja, es ist jetzt die Zeit – nicht um bewusst zu verkleinern – aber um die Dinge zu machen, die mir Spass machen und die man mir auch noch abnimmt. Ich habe gemerkt, dass es ein wesentlich grösserer Erfolgsgarant ist, wenn ich bei mir bin und die Leute merken, dass ich Spass habe, als wenn ich versuche, auf ein Format aufzusteigen, das man mir als jung, knackig und modern verspricht.» Der Ausstieg aus «Wetten dass...?» hat Gottschalk aus der rosaroten Wolke geholt, doch die Dosis Realität hat ihn nicht zum Absturz, sondern zur Neuausrichtung gebracht – Gottschalks Show geht weiter, nur vielleicht kleiner.

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