Gastkommentar
Theater und Literatur sind nicht vereinbar?

Nachdem bereits vor einigen Tagen ein Artikel zum Thema Theater und Literatur erschienen ist, reagiert Theaterregisseurin Ursina Greuel nun darauf. Die Baslerin bezieht sich in ihrem Kommentar nun auf die Äusserungen von Melinda Nadj Abonji.

Ursina Greuel
Merken
Drucken
Teilen
Ursina Greuel: Das Theater Basel hat versucht, den Erfolg einer Buchpreisträgerin mit dem Erfolg eines jungen Regisseurs zu potenzieren, dessen Name allenfalls für eine kraftvolle Bildersprache steht, aber sicher nicht für die lustvolle Auseinandersetzung mit geformter Sprache. (Symbolbild)

Ursina Greuel: Das Theater Basel hat versucht, den Erfolg einer Buchpreisträgerin mit dem Erfolg eines jungen Regisseurs zu potenzieren, dessen Name allenfalls für eine kraftvolle Bildersprache steht, aber sicher nicht für die lustvolle Auseinandersetzung mit geformter Sprache. (Symbolbild)

Keystone

In dem Artikel von Susanna Petrin vom 30. Mai, den sie nach einem Gespräch mit der Autorin Melinda Nadj Abonji geschrieben hat, wird die Vereinbarkeit von Literatur und Theater infrage gestellt.

Aus der gescheiterten Zusammenarbeit am Theater Basel zieht die Autorin Melinda Nadj Abonji ein generelles Fazit, das mich – als Regisseurin – zu einer Erwiderung nötigt: Literatur und Theater sind nicht zwei «Pole», die es zusammenzubringen gilt! Es sind vielmehr zwei Künste, die seit Jahrhunderten aufs Engste miteinander verbunden sind und immer wieder eine gemeinsame Kraft zu erzeugen vermögen.

Das erfordert vom Theater die Lust am Umgang mit Literatur; die Lust an der Reibung mit dramaturgischen Erzählweisen, die auch mal sperrig sein können; die Ausdauer in der Auseinandersetzung mit Sätzen, die den Schauspielern nicht widerstandslos im Mund liegen, erfordert Respekt und Interesse. Ich habe in meiner Stadttheatervergangenheit oft erlebt, dass von Autoren sorgfältig komponierte Texte von Regisseuren kurzsichtig und mutwillig abgeändert wurden, da sie angeblich «nicht funktionierten». Welcher Regisseur hat schon den Mut zuzugeben, dass er zu einem Text keinen Zugang findet? Viel eher versucht er den Text durch routinierte Eingriffe zu «retten». Wenn ein Theater nun einer Autorin einen Auftrag gibt, um sich mit einer Buchpreisträgerin zu schmücken, nicht aber bereit ist, sich auf das Resultat einzulassen, stellt es sich selber ein Bein und – schlimmer noch – der ganzen zeitgenössischen Dramatik.

Das Theater Basel hat versucht, den Erfolg einer Buchpreisträgerin mit dem Erfolg eines jungen Regisseurs zu potenzieren, dessen Name allenfalls für eine kraftvolle Bildersprache steht, aber sicher nicht für die lustvolle Auseinandersetzung mit geformter Sprache. Das zeugt von einer Spielplanung, die wenig Interesse hat an eigenwilliger künstlerischer Arbeit und in erster Linie auf den Werbeeffekt schielt. Das kann nicht gut gehen.

Bleibt zu hoffen, dass der künftige künstlerische Leiter des Theater Basel, Andreas Beck, der zeitgenössischen Dramatik wieder eine Bühne gibt, mit einem künstlerischen Personal, das den Herausforderungen gewachsen ist.

Ursina Greuel ist Theaterregisseurin und lebt in Basel.