Die Bibel der Hindus, der «Mahabharata», sei dermassen reich an Geschichten, dass kein Mensch alle kennen könne, sagt Marjolijn van Heemstra im Stück «Mahabharata», einem der herzerwärmendsten am laufenden internationalen Theaterfestival in Zürich. Man glaubt es der Religionswissenschafterin und Performerin gerne, nicht nur wegen des kniehohen Bücherstapels neben dem Sofa, das lediglich einem Achtzehntel dieses Mythenepos entspreche.

Auch das Treffen der freien Theaterliebhaber, das Theater-Spektakel, ist so reich an Vorstellungen, Speisen, Begegnungen und Eindrücken, dass kein Besucher alle erleben kann. Kommt hinzu, dass beim magischen Echtzeit-Medium Theater keine Vorstellung, nicht einmal desselben Stücks, gleich ist wie die nächste. Manche Spektakel-Besucher haben ganze Bündel an Eintritten erstanden, wie Lose. Nieten hatte es bisher keine darunter, doch einige Karten brachten besonders viel Glück.

Standing Ovation für «Julia»

Das stärkste von bisher neun gesehenen Stücken ist die zeitgenössische brasilianische Version von August Strindbergs «Fräulein Julie». Die junge Schauspielerin Julia Bernat spielt «Julia» mit ihrer ganzen jugendlichen Kraft und emotionalen Hingabe. Frivol, selbstbewusst und fröhlich verführt sie als weisse, verwöhnte Tochter aus reichem Haus den farbigen Chauffeur des Vaters. Noch während des hautnah gefilmten Liebesakts – den man alsbald nicht mehr so nennen kann – kippt ihre Macht in Ohnmacht, unterwirft sie der ihr sozial unterlegene Mann körperlich und alsbald seelisch.

Für einmal wirken live übertragene Videobilder nicht aufgesetzt oder ablenkend, sondern ziehen hinein in die laue Sommernacht im und um ein herrschaftliches Anwesen in Brasilien; sie verstärken die Mimik, die Gefühle des Paars. Nicht einmal die zahlreichen ironischen Brechungen der Tragödie – direkte Anreden ans Publikum, Cut-Rufe des Filmenden oder Julia, die auf ihre Facebook-Seite «first day theaterspektakel» schreibt – vermindern die Intensität des Spiels. Am Ende rennt Julia aus dem Theater in den Zürichsee, kommt tropfend zurück («es ist kalt, was ist das für ein Sommer?») und muss sich schliesslich doch dem Ende Strindbergs beugen, dem Freitod ihrer Figur. Das Publikum steht auf, Standing Ovations, in Amerika fast alltäglich, in Zürich ein Ausnahmekompliment. Diese «Julia» (Regie: Christiane Jatahy) hat es verdient.

Viel einfacher gebaut ist «Mahabharata», doch auch deshalb besticht dieses Zwei-Personen-Stück – ebenso wie durch seine Mischung aus Ehrlichkeit, Selbstironie, Leichtigkeit und heiligem Ernst. 1989 sassen zwei neunjährige Kinder – und mit ihnen Tausende von Menschen weltweit – mit der Familie vor dem Fernseher. Marjolijn van Heemstra in Holland, Satchit Nikhil Puranik in Indien. Sie sahen Peter Brooks’ fünfstündige Verfilmung des Hindu-Epos. Die Botschaft, dass Unterschiede und Zwiste unter den Menschen überwunden werden können, beeindruckte die beiden zutiefst. Rund 20 Jahre später treffen sich die Kinder von einst und entdecken zufällig ihre Liebe zum selben Film. Sie schauen ihn noch mal gemeinsam und stellen erstaunt fest: «Der Film hat sich verändert.» Was ist passiert? Gibt es noch Hoffnung für die Idee der Weltgemeinde?

Das ungleiche Paar sucht Antworten bei einstigen Verehrern und Gegnern des Films und bei sich selber. Es lässt sich nicht abschrecken, auch wenn im konservativen Distrikt Pune eine Tomate im Haar der zu leicht bekleideten Europäerin landet. Das Publikum bekommt Kürzestzusammenfassungen des Epos und einer Theorie der Gewalt, dazu so manche weitere wunderbare oder traurige Geschichte sowie die Hoffnung, dass es eine Chance gibt, obschon der eingereiste Schauspieler Satchit Nikhil Puranik in Holland amtssprachlich als «Alien» gilt, trotz Fremdenhass, trotz ihn schürenden Rechtspopulisten.

Das verrückteste Orchester

Es lohnt sich nach diesen beiden Stück-Favoriten Ausschau zu halten, vielleicht sind sie ja wieder mal zu Gast in der Gegend. Gut gefallen haben auch die Musiker des kanadischen L’Orchestre d’Hommes-Orchestres, die so ziemlich aus jedem Flohmarkt-Gegenstand ein Instrument basteln. Sogar am eigenen Körper wird munter tonlich experimentiert. Mit guten Ergebnissen.

Klug sind die Begegnungen der israelischen Regisseurin Ofira Henig mit Menschen, die sie faszinieren, etwa Heinrich Heine, Federico García Lorca oder Kriegsfotograf Robert Capa. Welch schöne Idee, dass man im fiktiven Raum auch jene treffen kann, die schon längst tot sind. Die Regisseurin wählte in ««Geh mir aus der Sonne» Figuren, die wie sie in politisch bedenklichen Zeiten gegen den Strom schwimmen – bis auf Leni Riefenstahl, mit der sie eine offene Rechnung zu begleichen hat. Auch ein Palästinenser tritt auf, der sich gleichzeitig über das stereotype Casting als Palästinenser mockiert – und, wie alle, schlicht eine gute Geschichte zu erzählen hat.

Essen und Kunst im Hoch

«Wir suchen Künstlerinnen und Künstler, die faszinierende Geschichten erzählen», sagte der künstlerische Leiter Sandro Lunin zum Festivalauftakt. Das ist dieses Jahr bereits vielfach auf gutem Niveau gelungen. Hinzu kam ein für die Atmosphäre massgebliches Wetterhoch, das nun allerdings zusammenzubrechen droht.

Das Essen und die Kunst dagegen versprechen, oben zu bleiben: Mehrfach empfohlen wurde «Cirque Aïtal» (noch bis morgen); voll Witz und warmem Charme ist das Blind Summit Theatre (vier Abende ab Donnerstag). Weiterhin lädt Stefan Kaegi mit «Remote Zurich» zum populären Spaziergang ein, bei dem eine Computerstimme namens Julia eine «Horde» Zuschauer führt. Das ist ganz nett. Der Rest ist neue Theaterlose ziehen, neues Glück.

Theater-Spektakel, bis 1. September, www.theaterspektakel.ch