Schauspielhaus Zürich

Theater oder Konzert? Ein Vergnügen am Rande des Scheiterns

Ruedi Häusermann unternimmt in der Box des Schiffbaus zusammen mit Pianisten, Schauspielern und einem Chor eine musiktheatralische Reise durch seine Neukompositionen für Klaviere.

Ruedi Häusermann unternimmt in der Box des Schiffbaus zusammen mit Pianisten, Schauspielern und einem Chor eine musiktheatralische Reise durch seine Neukompositionen für Klaviere.

Ruedi Häusermann denkt am Schauspielhaus Zürich über das Abschweifen der Gedanken beim Hören der Musik nach. Ein abenteuerliche Gang durchs Nichts.

Diese Kritik ist keine Empfehlung und schon gar keine Warnung. Sie erzählt vom grossartigen Nichts, im Wissen, dass daraus rein gar nichts werden kann. Diese Kritik verteilt somit auch keine Bewertungssterne. Es könnten die maximal fünf, ja 83 sein, egal, Sie wüssten dennoch nicht, wie Ihnen bei «piano forte», dem neuen Abend des Ruedi Häusermann, in der Box des Zürcher Schiffbaus geschieht. Der Lenzburger liebt die Mikro-Momente des Lebens, spielt sie aus gegen die leinwandgrossen Ereignisse – und lässt sie dann beim imaginären Vorhangfall alle beide mitsamt dem Saallicht im dunklen Theaterschlund verschwinden.

Häusermann ist ein Wiederholungsfanatiker. Doch wer meint zu wissen, was er in «piano forte» zu sehen kriegt, da auch hier die Bühnenbilder tanzen, ein Wandtelefon seinen Geist nicht aufgeben will, irrt sich gewaltig.

Es ist ein famoses Kreuz mit diesen Häusermann-Abenden, von denen keiner etwas erwarten sollte. Schon gar keine Pause. In «piano forte», so Häusermann, könne man sich von Wahrnehmungen überraschen lassen, die man nicht kenne: Bald ists ein Krachen von tausend Bohrern, bald ein Summen aus Soubretten-Mund.

Häusermann setzt seine köstlichen Belanglosigkeiten einmal mehr sorgfältigst aneinander, irgendwo lampt da auch ein roter Faden aus einem Hosensack heraus, der dann auch gleich eine Handlung aufblitzen lässt, die bei einer kleinen Liftfahrt ins Nichts, in sich zusammenfällt. Doch keine Angst, irgendein Leiterchen zur nächsten Episode steht schon bereit, bisweilen brechen dann zwar gleich die Stiegen ein, aber mit federleichtem Hängen und Würgen rettet sich der rote Faden durch 75 Minuten «piano forte» hindurch. Und so bestaunt man durchs Band die variantenreichen Klänge als Begleitung der überflüssigen Worte.

Aber Vorsicht! Die Musik ist Hauptakteurin des Abends, doch an ihr kann sich keiner Festhalten, sie handelt nämlich von . . . nichts. An vier Klavieren wird akrobatisiert und musiziert, weitere Flügel kommen und gehen, fallen auch mal in ihre Einzelteile zusammen.

Klingender Pudding

Die Klaviermusik plätschert und klimpert und steigert sich mitsamt allen menschlichen Regungen und Äusserungen zu immer tollkühneren Akkorden. Diese Klangwolke schleicht so tief ins Ohr, dass sich ein Unwohlsein bemerkbar macht, sobald sie, die Wolke, versummt. Kein Wunder, wird alsbald eine Hymne auf die Macht der Pause gesungen, wird doch ein Mahnmal der Entschleunigung enthüllt und somit dem Nichts eine Form gegeben.

Und bevor wir nun abschliessend sagen, dass gerade diese Häusermann-Worte seine eigene Kunst auf den Punkt bringen, müsste man wohl noch kurz sagen, was er denn diesmal auf die Bühne gebracht hat. Nach dem Programmheft zu schliessen, unternimmt Häusermann zusammen mit vier Pianisten (dem Kukurz Quartett), vier Schauspielern und einem zwölfköpfigen Chor eine musiktheatralische Reise durch seine Neukompositionen für Klaviere. Und vielleicht ist das Ganze auch bloss eine Konzert-Fantasie: die halbtraumartigen Gedanken, die einem beim Abschweifen während eines Konzertes durch den Kopf gehen können. Ein Konzert geht an der langen Leine spazieren. Häusermann versteht die Kunst, eine solche Tollkühnheit auf der Bühne in Szene zu setzen.

Wir vergnügen uns am Rande des Scheiterns, sind wir doch gegen das Abschweifen der Gedanken beim Besuch eines Ruedi-Häusermann-Abends nicht versichert. Ist das Licht mal aus, tropft am rechten Bühnenrand ein Wasserhahn weiter in seiner kleinbürgerlichen Melancholie bis ans Ende der grossen Theatertage.

piano forte: 14-mal bis 11. Februar, Schauspielhaus Zürich: Box, Schiffbau.

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