«Die Zeit rollt über die alten Schauspieler hinweg», beklagt sich Barbara Lotzmann. In der Literatur käme das Thema Altern häufig vor. «Doch im Theater tut man so, als gäbe es sie nicht, als gäbe es ihre Probleme nicht.» Heute mit Anfang achtzig würde die Schauspielerin auch mal ein Stück über Sterbehilfe begrüssen: «Soll man auf das Sterben warten oder zu einer Firma gehen, die einem das erlösende Medikament gibt?»

Lotzmanns Statement klingt wie ein Hilfeschrei. Sie spricht offensichtlich einen heiklen Punkt in der Branche an. Beispiel das Theater Basel: Hier ist es besonders augenfällig. Hier sucht man vergebens nach alten Schauspielerinnen und Schauspielern. Die meisten sind zwischen Anfang 30 und Anfang 40. Die ältesten gerade einmal Mitte 50. Er hätte gerne ein paar ältere Kollegen übernommen, als er 2015 die Direktion des Theaters Basel antrat, sagt Theaterdirektor Andreas Beck. «Aber es gab sie nicht.»

Er löste das Problem auf seine Weise. Beck verpflichtet punktuell ältere Gast-Schauspieler. So engagierte er Marlen Diekhoff als lebensmüde Alte in «die Unverheiratete». Doch warum hat er keine festen Künstler angestellt? Das sei nicht einfach: «Leider ist es so, dass die Dramatik weniger Rollen für Kolleginnen und Kollegen über 60 bereithält. Wenn ich eine Schauspielerin oder einen Schauspieler nach Basel locken und engagieren will, sollte ich möglichst mehr als ein, zwei kleine Rollen anbieten können. Zudem seien die Vorstellungen der Gagen nicht unbedingt ein Garant, sich fix zu binden; jüngere sehen das sportlicher.»

Nach älteren Schauspielern und passenden Rollen werde gar nicht erst gesucht, behauptet dagegen Barbara Lotzmann. Mit über 77 Jahren stand sie nach über einem halben Jahrhundert Berufstätigkeit, davon 29 am Theater Basel, zum letzten Mal auf der Bühne. Das war 2012. Mit ihr gingen auch Urs Bihler (*1944), Jörg Schröder (*1944) und Nikola Weisse (*1941). Als Ältester blieb Vincent Leittersdorf (*1957) zurück. Doch auch er ist vor einem Jahr unter Beck in aller Stille entlassen worden. Wobei man dem am Theater nicht so sagen darf: Vincent Leittersdorfs Vertrag ist nicht verlängert worden. Nach 18 Jahren im Ensemble.

Harsche Kritik aus Berlin

Unterstützung erhält Lotzmann von Claus Peymann. Der scheidende Intendant des Berliner Ensembles klagt über einen Jugendwahn an deutschen Bühnen. Sein Ensemble sei eines der letzten gut durchmischten. In Zukunft würden die Alten ganz fehlen, sagte der 79-Jährige kürzlich an einer Medienkonferenz. Laut Peymann eine tödliche Entwicklung, denn: «Die Symbiose zwischen den Alten und den Jungen, das ist das Herz eines Ensembles. Und das Herz ist ausgerissen.»

«Die Nicht-Verlängerungen, die ich aussprechen musste, hatten keine Altersgründe», sagt hingegen Beck. «Wichtig ist, egal, wie alt man ist, dass es eine grosse Lust und Neugier im Ensemble gibt auf neue, unbekannte und herausfordernde Begegnungen untereinander und unter den Regieteams.» Dass in Basel derzeit hervorragende Leute spielen, ist unbestritten. Bei der Altersfrage geht es aber um eine objektiv einfach messbare Feststellung, die nichts mit der Qualität des Ensembles zu tun hat.

Die künstlerische Bandbreite jedes Einzelnen ist weit. Der Rollen-Bandbreite und dem Erfahrungshorizont sind diesem altersmässig homogenen Ensemble allerdings natürliche Grenzen gesetzt. Runzelmaske und Perücke ersetzen nun mal keine Lebenserfahrung und echte Erlebnisse. Man kann dem 70-jährigen Abo-Publikum keine 40-Jährigen vorsetzen, die 70-Jährige spielen. «Dann fehlen die realen Hintergründe», sagt Nikola Weisse. Der Horizont werde kleiner, das sei ein Verlust. Leittersdorf fragt sich: «Gibt es bald nur noch 40-Jährige?» Es fehlten «die Artenvielfalt, die Vorbilder, die Vaterfiguren». Es drohe eine Verflachung: «Beim Essen würden Sie das sofort merken. Da will man auch die Tomaten, deren Wurzeln tief in die Erde gehen.»

Heute werde in Regisseuren und Projekten gedacht, beobachtet Weisse, alles scheint ständig neu erfindbar, jeder ersetzbar – «statt mal jemanden mitzureissen». Wenn man einen alten Schauspieler spielen lasse, «hat das eine Würde, ist das schön anzusehen». Etwa ein Siggi Schwientek am Schauspielhaus Zürich: Er wird geliebt da! Auch hier in Basel gehörten die Ältesten ausgesprochen zu den Publikumslieblingen.

«Jedes Regieteam besetzt zusammen mit der Leitung höchst subjektiv oder dem Anspruch des erdachten Kunstgriffs gemäss», schreibt Andreas Beck: «Würde man sich an die klassische Einteilung der Rollen halten, dann würden Frauen ihre beste Zeit zwischen 30 und 40, Männer zwischen 35 und 50 haben. Unser Damen-Ensemble entspricht diesen Vorgaben so ganz und gar nicht.» Früher sei man bei längeren Direktionszeiten mit den Spielerinnen und Spielern gealtert. «Und da war dann auch das Gretgen schon mal knapp 50.»

Barbara Lotzmann ist aber froh, dass sie nicht mehr dabei ist. Ihre Kondition würde für den heutigen Theaterstil gar nicht ausreichen: «Das ist ja teilweise richtiges Sporttheater», sagt sie. «Mehr Hopps- und Körper-Theater», beobachtet auch Nikola Weisse. Daneben irgendwo als Alte rumzusitzen, dazu habe sie auch keine Lust. Sie arbeitet seit einigen Jahren als freie Schauspielerin und ist glücklich dabei. Sie könne sich die Rollen gezielter auswählen.

Diese Saison spielte Weisse am Konzert Theater Bern die alte Dame. Es sei nicht einfach gewesen, einen männlichen Gegenpart im passenden Alter für sie zu finden, im Ensemble waren alle zu jung. Schliesslich habe man aber den in Bern lebenden Peter Jecklin dafür gewinnen können. Er ist 15 Jahre jünger.

Weinend und allein in Garderobe

Auch in Zürich sind vor allem alte Schauspielerinnen alles andere als üppig gesät. Ihre alte Dame wurde mit einer Anfangsfünfzigerin besetzt. «RegisseurInnen zeigen sich kreativer im Umgang mit dem Alter, indem jüngere Schauspielerinnen ‹ältere Rollen› übernehmen», schreibt die Pressesprecherin des Schauspielhauses.

Als Barbara Lotzmann nach 29 Jahren am Theater Basel in «Pension Schöller» ihren letzten Auftritt hatte, erhoffte sie sich eine schöne Verabschiedung. «Ein paar Blümchen, ein paar hilflose Sätze». Sie sass allein in der Garderobe. Sie wartete. Sie weinte. Niemand kam.