Thom Luz

Wie Thom Lutz mit dem Händetrockner gegen zu viel Pathos vorgeht

Mathias Weibel und die drei neuen «Wertherinnen» Vera von Gunten, Joanna Kapsch und Cathrin Störmer an der Glasharmonika. Simon Hallström

Mathias Weibel und die drei neuen «Wertherinnen» Vera von Gunten, Joanna Kapsch und Cathrin Störmer an der Glasharmonika. Simon Hallström

Theater Regisseur Thom Luz treibt dem jungen Werther in Basel das Leiden gründlich aus. Mehr noch: Indem er die klassische Geschichte eines unglücklich Liebenden rückwärts erzählt,mündet diese nun seit 240 Jahren zum ersten Mal in einem Happy End.

Ein «one track mind» hat, in wessen Kopf sich alles fortwährend nur noch um eines dreht. Ein Hauptsymptom des Verliebtseins. Goethes Werther leidet daran. Vom Augenblick an, da er Lotte begegnet, verengt sich sein offener Blick auf die Welt zunehmend. Nichts anderes ist ihm mehr Genuss. Es gibt nur noch eines für ihn: Lotte, Lotte, Lotte. Und wenn er sie nicht haben kann, dann geht gar nichts mehr. Werther erschiesst sich.
Wie befreiend ist es, dass der Zürcher Regisseur Thom Luz den Werther 240 Jahre nach Erscheinen von Goethes Briefroman «Die Leiden des Jungen Werther» aus diesem Tunnel wieder herausholt, Schritt für Schritt. Seine und Dramaturg Martin Wiggers neue Inszenierungam Theater Basel fusst auf der wunderbaren Idee, Werthers Geschichte, diesen Modellfall einer unglücklichen Liebe, rückwärts zu erzählen. «I am a story backwards told», lautet die Fussnote zum Stück.

Luz nervte die Selbstverliebtheit

Überhaupt wird der Text gründlich dekonstruiert, ironisiert und abgeklopft. Wie Staubklumpen von einem Teppich, so schütteln die drei Schauspielerinnen (Vera von Gunten, Joanna Kapsch und, am überzeugendsten, Cathrin Störmer), die Werthers Texte auszugsweise sprechen, als allererstes die vielen Ichs, Achs und Ohs raus. Indem jede von Ihnen Dutzende dieser Worte und Halbsätze aneinandergereiht ausspricht; eine Art sprachlicher Exorzismus. Dieses selbstverliebte «Ich, ich, ich», sei ihm beim Werther gewaltig auf den Wecker gegangen, verriet Luz der NZZ vor der Premiere von Samstag.

Der Narzissmus gehört zum Verliebtsein, der Liebende ergötzt sich am Blick des anderen auf sich selbst. Auch das hat Goethe schön beobachtet: «Wie ich mich selbst anbete, seitdem sie mich liebt!», schreibt sein junger Werther. Der junge Luz (30) will ihm Selbstverliebtheit und Pathos abgewöhnen. Kommt eine der Schauspielerinnen bei den Monologen mal in Fahrt, so hält eine andere ihre Hände in einen Trockner - und schon unterbindet das ordinäre Blasgeräusch aus dem Vorhof öffentlicher Toiletten jeden Anflug von Romantik. Auch das Knirschen einer zertretenen Packung Maizena kann ähnlich irritierend unterbrechen.

Regisseur Luz, selbst auch Sänger und Gitarrist der Band «My Heart Belongs to Cecilia Winter», beweist bei der Wahl all seiner Geräusch erzeugenden Mittel Fantasie. Nicht nur die Musiker (Martin Bliggenstorfer, Mathias Weibel), auch die Schauspielerinnen bedienen allerlei Instrumente, vor allem die wundersame Glasharmonika, die nur mit benetzten Fingern gespielt werden kann. Dieses 1761 von Benjamin Franklin erfundene «Hydrocrystallophon» sei nie wirklich populär geworden, heisst es im Programmheft, «weil sich hartnäckig das Gerücht hielt, sein Klang würde Spieler und Zuhörer in den Wahnsinn treiben.»

Spiele mit Rauch

Zum Schall gesellt sich der Rauch. In immer neuen Formen bringen ihn zwei Männer auf die Bühne: schneiden ihn aus grossen, weissen Plastiksäcken, halten mit einer Wand dagegen oder, der schönste Effekt, lassen ihn als runde Rauchkringel durch den Zuschauerraum wabern. Wie Riesenquallen der Lüfte.

Gleichzeitig verflüchtigen sich Werthers Qualen. Gleich einer Zwiebel, die Schicht um Schicht zusammengesetzt wird, macht Luz ihn wieder ganz und lässt die Tränen versiegen. Die lange minimal gehaltene Musik wird immer dichter, lauter, melodiöser - bis zum Höhepunkt hin, Werthers erstem, noch sorglos verliebtem Abend mit Lotte.

Bei allen schönen Einfällen und Momenten: Streckenweise wirkt der Abend auch etwas monoton und gar gefühllos, Tonfall und Tempo der Schauspielerinnen variieren wenig. Vielleicht hat Luz den Text etwas gar gründlich abgetrocknet.
Theater Basel. Die Leiden des Jungen Werther. Vorstellungen: www.theater-basel.ch. Und die Kaserne Basel nimmt ab Mittwoch an drei Abenden ein älteres Stück desselben Regisseurs wieder auf: «There must be some kind of way out here». Daten und Uhrzeiten unter: www.kaserne-basel.ch

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