Ein grosser Ruf eilt diesem zierlichen Mann voraus. Richard Maxwell (46) sei «Amerikas wahrscheinlich wichtigster Theatermacher», schreibt die Berliner «taz».

Mr. Maxwell habe sich als eine der seltenen Stimmen «sui generis» im experimentellen Theater etabliert, schreibt die «New York Times». «Maxwells eigenwillige Annäherung ans Theater haben ihm einen Obie Award und Kultstatus in seinem Heimatland Amerika eingebracht», schreibt die «Financial Times».

«Oh, Sie haben mich erkannt», sagt Richard Maxwell erstaunt bei unserer Begegnung in Basel. Seine Bescheidenheit ist echt. Er erwartet nicht, erkannt zu werden, und er stellt zunächst selbst interessierte Fragen zur Mediensituation in Basel. Grosse Worte über die eigene Arbeit zu verlieren, ist nicht sein Ding. Aber auf Fragen versucht er ernsthaft, Antworten zu finden.

Ja keine falschen Gefühle spielen!

«Ich habe nicht das Bedürfnis, etwas zu beweisen», sagt Maxwell: «Ich weiss, was ich mag, doch es gibt für das Theater keine klaren Rezepte, die immer gleich funktionieren.» Maxwell weiss auch, was er nicht mag: starre Regeln und Ideologien.

Und er ist sehr skeptisch gegenüber Emotionen auf der Bühne: «Schauspieler zeigen dem Publikum oft all diese verschiedenen Gefühle, aber es ist nicht klar, warum sie das tun.» Ihm sei, als ob sie alle bei einer Täuschung mitmachten - oft ohne sich auf etwas zu beziehen, das wirklich wichtig sei.

Maxwell hat sich lange auf einen dem US-Mainstream entgegengesetzten Stil spezialisiert. Kritiker sprechen von «Anti-Theater». Denn seine Stücke sind bekannt dafür, dass die Schauspieler kaum eine Regung zeigen.

«Wenn die Phrase ‹Oh my God› von ein und derselben Schauspielerin mit ein und demselben Tonfall gesprochen wird, egal, ob sie auf ein Gespräch über Kinofilme oder den tödlichen Autounfall ihres Freundes reagiert, spätestens dann weiss man, dass man sich in einem Richard Maxwell-Stück befindet», beschreibt es die Zeitschrift «Theater Heute».

Der Autor, Regisseur und Musiker spricht lieber von «real acting» statt «fake acting». Im Vordergrund steht für ihn, dass alles auf der Bühne im Moment entsteht. Es ist nur ein Spiel. Doch dadurch steht alles auf dem Spiel, jedes Mal von Neuem. Dazu gehört für Maxwell, dass die Energie, die zwischen den Schauspielern und dem Publikum entsteht, in das Stück einfliesst. Der Autor, Regisseur und Musiker verlangt von seinen Leuten grosse Aufmerksamkeit für den Augenblick.

In seinen jüngsten Regiearbeiten setzen Maxwell und seine Truppe, die New York City Players, wieder stärker auf Emotionen. «Die Schauspieler sollen ihre Gefühle zeigen, sofern sie welche spüren.»

Was passiert, wenn das neue Experiment darin besteht, das alte aufzuheben - worin unterscheidet sich dann Avantgarde noch vom Konventionellen? Das frage ich Maxwells Schauspieler nach einer Probe. Diese winken ab: «Wir kennen Richard seit vielen Jahren und vertrauen ihm voll und ganz; solche Diskussionen interessieren uns wenig.»

Gary Wilmes von Homeland dabei

Im Stück «Isolde», das Maxwell für das Theater Basel geschrieben hat, sind Gefühle das Hauptthema. Isolde, eine Schauspielerin, hat ihr Erinnerungsvermögen verloren; auch einstige Gefühle vermag sie nicht mehr abzurufen. Nun kann sie sich ihren Text nicht mehr merken, geschweige denn spielen.

Was tut eine Schauspielerin in dieser existenziell bedrohlichen Situation? Wenn sie Isolde heisst, beginnt sie eine Affäre. Ihr «Tristan» ist Architekt, ein Künstlertyp und damit ein Gegenpol zu ihrem Ehemann, einem Baumeister.

Isolde wird in Basel dreifach besetzt: von Maxwells Ehefrau Tory Vazques, von der Schauspielerin Zoe Hutmacher des Basler Ensembles sowie von Agata Wilewska, Opernsängerin am Theater Basel.

Der prominenteste der weiteren Darsteller ist Gary Wilmes (als Architekt Massimo); er ist TV-Serienfans als Psychiater in «Homeland» bekannt. Die Partitur für die Musik hat der bekannte Baselbieter Komponist Daniel Ott geschrieben.

Die Truppe nach Basel geholt hat Stephanie Gräve, stellvertretende Künstlerische Direktorin am Theater Basel. Sie hat schon früher in Bonn mit Maxwell zusammengearbeitet.

So kommt es zu diesem dreifach ungewohnten Auftakt der Schauspielsaison am Theater Basel: Ein Gastregisseur inszeniert auf der kleinen Bühne in englischer Sprache (mit Untertiteln). Auch dies: ein Experiment.