Die Valiasr-Strasse ist das Rückgrat Teherans. 19,3 Kilometer lang zieht sie sich durch die Hauptstadt der Islamischen Republik. Der von Platanen gesäumte Boulevard verbindet das Unverbindbare: die wohlhabenden Quartiere in Teherans Norden mit dem armen Süden, die Profiteure der Islamischen Republik mit den Verlierern, die Unterwelt mit den Ordnungshütern, die Kleriker mit den Huren.

«Die Valiasr mit den unzähligen Strassen, die von ihr abzweigen, ist ein Mikrokosmos der Stadt», schreibt Ramita Navai in ihrem Buch «Stadt der Lügen», das jetzt erstmals auf Deutsch erschienen ist. Die preisgekrönte britisch-persische Journalistin zeichnet acht Teheraner-Biografien mikroskopisch nach. Aus ihnen entsteht das Bild einer Stadt, in der niemand ist, was er vorgibt, und alle eines gemein haben: permanentes Lügen. Sei es die Prostituierte Leyla, zu deren Kunden ein hoher Kleriker gehört. Oder Morteza, das homosexuelle Mitglied der islamischen «Basidsch»-Miliz. Oder Somayeh, die konservative Ehefrau, die sich scheiden lässt.

Ramita Navai arbeitete von 2003 bis 2006 als Korrespondentin der Londoner «The Times» in Teheran. Sie bezeichnet das Buch als einen Liebesbrief an ihre Mutterstadt. Teheran erwiderte Navais Liebe nicht immer. Die Behörden entzogen ihr zeitweise die Arbeitsbewilligung als Journalistin. In dieser Zeit begannen ihre Recherchen für «Stadt der Lügen». Die Biografien ihrer Protagonisten mögen unglaublich klingen, sie sind aber real. Zwar musste Navai Namen und biografische Details ändern, um ihre Quellen nicht in Gefahr zu bringen. Und zum Teil verschmolzen mehrere reale Personen zu einer einzigen literarischen. Doch «Stadt der Lügen» ist wahrhaftig.

Vieles in «Stadt der Lügen» kontrastiert mit dem, was wir über Teheran zu wissen glauben. Ja, der düstere, aggressive Gottesstaat zeigt sich auch in Navais Geschichten. Zum Beispiel in jener von Morteza, der der paramilitärischen Freiwilligen-Miliz «Basidsch» angehört, die dem Regime treu ergeben ist. Und während der Niederschlagung der Studentenproteste 2009 unter den Demonstranten wütete. Doch Navai zeigt in der Geschichte auch auf, wie viele gerade ärmere Teheraner ihre Kinder nicht aus ideologischer Überzeugung zu den «Basidsch» schicken, sondern weil sie auf vergünstigte Ferienlager und Schwimmbadeintritte schielen. Diese feinen Nuancen lassen das Regime der Ajatollahs nichts von ihrem Schrecken einbüssen. Mit erbarmungsloser Unverhältnismässigkeit vernichtet der Sicherheitsapparat selbst bedeutungslose Kritiker. «Ein Sündenbock ist dem Regime immer willkommen, ihn aufzuspüren, ist der bevorzugte Zeitvertreib gelangweilter, sadistischer Bürokraten», schreibt Navai. Das Regime befand selbst einen Blogger, dessen Seite von gerade einmal 12 Personen gelesen wurde, als bedeutend genug, um ihn zu Tode zu foltern.

Strasse des Wandels

Derzeit deutet wenig auf ein baldiges Ende der Islamischen Republik hin. Doch die Valiasr-Strasse, das Rückgrat Teherans, lehrt eines: Irgendwann kommt der Wandel immer. Der Boulevard wechselte seinen Namen mit jeder neuen Machtergreifung. Erbaut von Schah Reza Pahlevi, hiess sie zuerst Pahlevi-Strasse. Unter Premierminister Mossadegh hiess die Strasse Anfang der 50er-Jahre Mossadegh-Strasse. Erst seit der islamischen Revolution 1979 ist sie nach einem schiitischen Imam benannt. Aber auch das wird sich irgendwann ändern.

Stadt der Lügen – Liebe, Sex und Tod in Teheran. Ramita Navai: Kein & Aber. 352 Seiten.