«Ohne die Japaner wäre Hip-Hop zweifelsohne tot», sagt der französische Tänzer, Choreograf und Produzent Bruce Ykanji und mag mit dieser Aussage bei manchem für Stirnrunzeln sorgen. Mit dem ostasiatischen Inselstaat verbindet man gemeinhin formelle Teezeremonien, Höflichkeit und Zurückhaltung, nicht aber laute Musik, Rap und Breakdance.

Tatsächlich verfügt das Land aber über eine lebendige Hip-Hop-Kultur, die, entstanden in den 1980er-Jahren, als die Musik der Gettos von New York begann, die Welt zu erobern, eigene Stile und Formen hervorgebracht hat. «Dass es in Japan eine Hip-Hop-Szene gibt, die sich eigenständig und unabhängig weiterentwickelt, inspiriert von der uralten Tradition der Kampfkünste, hat mich überrascht und fasziniert», erzählt Isabella Spirig, die künstlerische Leiterin des Migros-Kulturprozent-Tanzfestivals Steps.

Diese Faszination war Ausgangspunkt des von Steps initiierten Projekts «Koukansuru», dessen Name – «Austausch» auf Japanisch – Programm ist und das Leitmotiv der
14. Ausgabe des grössten Festivals für zeitgenössischen Tanz in der Schweiz widerspiegelt.

(Quelle: youtube/Steps Tanzfestival)

Koukansuru in Aktion

Westen trifft auf Osten

Mit «Koukansuru» bringt der französische Hip-Hop-Produzent Bruce Ykanji zwei japanische Formationen, Mortal Combat und Former Aktion, mit seiner eigenen Crew Juste Debout zusammen. Jede der drei Formationen trägt ihre eigene Handschrift: Juste Debout Compagnie spielen mit Pantomime und Stepptanz. Former Aktion zeichnen sich durch energiegeladenes Popping aus, bei dem die Tänzer ihre Muskeln im Takt der Musik an- und entspannen, wodurch ihre Bewegungen mechanisch wirken und an Roboter erinnern.

Mortal Combat gelten mit ihrem akrobatischen Breakdance als erfolgreichste B-Boy-Gruppe Japans. Auf die einzelnen Auftritte folgt der gemeinsame; die Nationen verständigen sich über die gemeinsame Sprache des Tanzes, agieren und reagieren, inspirieren sich gegenseitig, tauschen sich aus. «Neues entsteht immer da, wo man sich neugierig aufeinander einlässt», so Isabella Spirig.

Dass auch Kinder und Jugendliche dem zeitgenössischen Tanz offen begegnen, ist der künstlerischen Leiterin des Tanzfestivals Steps ein Anliegen. Seit zehn Jahren bringen Tanzpädagogen mit professionellen Tanzschaffenden im Auftrag des Migros Kulturprozent Tanz in Schweizer Klassenzimmer. Nachdem das Augenmerk die letzten Jahre auf Schüler der Unter- und Mittelstufen lag, richtet sich die Tanzvermittlung mit Hip-Hop-Workshops und Schulvorstellungen von «Koukansuru» nun an die Oberstufe.

«Selbst der coolste Jugendliche kann sich dem Groove nicht entziehen», erklärt Isabella Spirig schmunzelnd die Wahl von Hip-Hop für die Vermittlung: «Ausserdem hat mich mein Team aufgefordert, etwas Neues vorzuschlagen anstelle von Improdans.»

Neue Tanzsprachen

Neue Wege gehen auch viele der internationalen Tanzcompagnien, die während dreier Wochen durch die Schweiz touren. Der indische Choreograf Mandeep Raikhy etwa, wenn er in seinem Debüt «Inhabited Geometry» mit klassischen Bharatanatyam seiner Heimat und zeitgenössischen europäischen vermeintlich gegensätzliche Tanzsprachen verwebt und so ein neues, eigenes Vokabular der Bewegung schafft.

Symbiosen entstehen nicht nur zwischen verschiedenen Stilen, sondern auch zwischen verschiedenen Kunstsparten: Mourad Merzoukis «Yo Gee Ti» beispielsweise ist ein Zusammenspiel von textilen und organischen Stoffen, von Strick des taiwanesischen Modeschöpfers Johan Ku und Körpern der französischen Compagnie Käfig.

Das Tanzfestival Steps vereint in seinem Programm Grenzgänger der Sparten und Kulturen, die sich allesamt auf hohem künstlerischen Niveau bewegen, sei es im Hip-Hop, klassischen Ballett, Tango oder zeitgenössischem Tanz.