Diese Stimme: klar, schön formulierend, ansprechend, einnehmend. Sie wolle über Sprache im Allgemeinen und über Mundart im Speziellen mit mir sprechen, hatte die Anruferin gesagt. Erst nach einer Weile erwähnte sie beiläufig ihren Namen: Sylvia Sempert. «Aber das ist doch ...», fuhr es mir durch den Kopf.

Ja, es war sie, die unabdingbar zu meiner Kindheit gehörte. Sie, der ich vor dem Radio gebannt zuhörte: etwa, wenn sie «Guet Nacht-Gschichtli», «Neui Gschichte zum Vorläse», «Nils Holgersson» oder «Märli» erzählte. Weshalb «Märli» und nicht «Märchen»? Ganz einfach: weil Sylvia Sempert als jene, Schweizerdeutsch trefflichst ins Feld führende Erzählerin galt, die während Jahrzehnten die radiofonen Kinder- und Jugendstunden prägte.

«Heute kommt Sylvia Sempert»

Als Erwachsene bin ich ihr im Radio Studio Zürich öfter begegnet. Dort war sie eine unverzichtbare Konstante in der Programmplanung der für die Kinderstunden zuständigen Redaktion. «Heute kommt Sylvia Sempert» wurde damals zum geflügelten Wort. Verständlich. Denn, nahm Sylvia Sempert etwas in Angriff, wusste man im Studio: Das würde nicht nur wie am Schnürchen klappen, sondern allen lauterstes Glück bescheren.

Was war Sylvia Semperts Geheimnis? Ihre Liebe zur Sprache, die ihre Biografie wie ein Leitmotiv begleitete. Schon in ihrem Elternhaus wurde dem Wort Priorität eingeräumt. Nicht verwunderlich bei einem Vater wie Hans Bänninger, der für die Wortsendungen im Radio Studio Zürich verantwortlich zeichnete. Die Familie Bänninger übte jedoch nicht nur im eigenen Heim einen sorgsamen Umgang mit Wort und Sprache aus, sondern bekam ebensolches auch von Gästen geschenkt. Beispielsweise von einem Emigranten wie dem Schauspieler und Regisseur Kurt Horwitz, der zu den Säulen im illustren Schauspielhaus-Ensemble zählte. «Der Umgang mit den Grossen ihres Fachs hat mich geprägt», erzählte Sylvia Sempert. Auch deswegen wuchs ihre Liebe zum Wort – ihr Weg schien vorgezeichnet. Folgerichtig landete die gelernte Kindergärtnerin, die so leidenschaftlich gerne erzählte, eines Tages beim Radio und beglückte von da an Kinder und Erwachsene mit dem, was die Lust auf mehr weckte: Geschichten. Auf Mundart notabene, vielmehr auf: «Züritüütsch».

«Zwei», «zwee» und «zwo»

«Wenn ein Dialekt, dann muss es ein guter sein», betonte Sylvia Sempert. Dass sie das «Züritüütsche» nie ablegte zugunsten eines anderen Dialekts ist einer Konsequenz zu verdanken, die (sich) keine sprachlichen Saloppheiten gestattete. Wer Sylvia Sempert zuhörte, mochte nicht länger schnöde vom Dialekt reden. Hätte er das getan, wäre er von ihr unverzüglich auf Finessen hingewiesen worden, wie sie längst nicht (mehr) jeder intus hat. «Der Aargauer Dialekt», sagte die im Aargau lebende Autorin verschmitzt, «kennt für zwei das Wort ‹zwöi›. Das Zürichdeutsche hingegen pflegt eine dreifache Unterteilung.» Wirklich? «Aber ja. Es spricht von ‹zwei› Chind, ‹zwee› Manne und ‹zwo› Fraue.»

Ist Sylvia Sempert demnach ein Sprachgewissen? Das hätte sie von sich nie behauptet, aber sie war es. Ob bewusst oder unterschwellig spürte dies jede nachrückende Generation, die ihr zuhörte. Ihre Souplesse beim Schreiben und vor allem beim Erzählen von zeitlosen, herzerwärmenden Geschichten rief nach dem Festhalten auf Tonträgern. Diese erleben immer wieder eine Renaissance – selbst in Zeiten, die von optischen und akustischen Reizen überflutet sind.

Sylvia Sempert glaubte felsenfest an die Wirkung von Sprache. «Allerdings», betonte sie, «muss die Sensibilität hierfür schon sehr, sehr früh geweckt werden. Ein Kind soll spielerisch die Welt der Worte erkunden und ausloten dürfen.» Sie durfte das und wurde deshalb zu einer Autorin, die wusste: Mundartliches Schreiben findet stets im Austausch und Wechselspiel mit der Gegenwart statt. Sie selbst schätzte manche zeitgenössische Mundartautoren: Rudolf Hägni stand ihr besonders nahe. Nun, da Sylvia Semperts Stimme für immer verstummt ist, gehören ihm die letzten Worte:

«Nüd sälbander,

ganz elei

gaat zletscht jedes wider hei,

s bruucht kän Stäcke mee, kän Stab,

s Soorgepack leits frööli aab.

Znacht bim goldige Stärneschy

ziet si Seel in Himel y.»