Es gibt Bücher, die mich verhöhnen, weil sie so tiefgründig sind und ich nur an der Oberfläche des Alltäglichen zu kratzen vermag.

Es gibt Bücher, die mich vom eigenen Leben abhalten.

Es gibt Bücher, die mich verzweifeln lassen an ihrer und meiner Melancholie.

Es gibt Bücher, die das menschlich Böse grausam schildern und mich verstören.

Und dann gibt es das Buch über «Die Geschichte eines leichten Lebens».

Auf den lieben Augustin gestossen bin ich durch den Rat eines Weggefährten, der mich begleitet und manchmal auch verstossen hat, wenn ich politisch nicht so tickte wie er. «Lies von Horst Wolfram Geissler ‹Der liebe Augustin›», empfahl er mir. Als ich das Buch gelesen und ihm geschrieben hatte, auf der Suche nach der Gelassenheit des Augustins zu sein, schrieb er zurück: «Bemühe dich nicht. Gelassenheit ist nicht in dir angelegt. Du wirst sie nicht finden und getrieben bleiben.»

Ein hartes Urteil

Und so lese ich den «Augustin» wieder und wieder; reise nach Lindau, der Stadt, die ihm zur Heimat wurde und die anno dazumal in einer alten Landschaft lag, in der es nur eines gab: Ruhe. «In allem lag sie, auch in den Menschen, eine biedere, handwerkliche Ruhe und Besinnlichkeit. Aber die Ruhe dieser Menschen war keineswegs schwer und kalt. Denn sie hatten zu ihr noch etwas, das in den letzten Jahren verschwunden ist: einen zufriedenen, zärtlichen, leichten Sinn – also sassen sie in ihrer bunten Welt wie besonnte Schmetterlinge auf einer Wiesenblume.»

Ja, würde ich Getriebene dem lieben Augustin in der Dammgasse in Lindau begegnen, dort wo noch heute sein winziges Haus steht, er würde mir sagen: «Es kann sich einer noch so gescheit anstellen: den Packen, den er mitbekommen hat, muss er halt auch tragen: aber schafft euch eine leichte Schulter an und legt ihn darauf, dann geht es schon.»

«Faul wie ein Kater»

Augustin Sumsers Start in die Welt tönt nicht nach einem leichten Leben. Sein Vater wurde 1777 beim Wildern erschossen, bevor der Junge geboren war, seine Mutter von einem Fuhrwerk überfahren, als Augustin im Alter von vier Jahren zum Gänsehirten wurde. Der Waisenknabe kam zu Bauern, danach zum Pfarrer Knöpfle nach Wasserburg, der sein Onkel war und der versuchte, aus dem Buben etwas Rechtes werden zu lassen. Jedoch: «Ehrgeiz hatte er nicht, aber einen recht gesunden Menschenverstand.» Und «faul wie ein Kater» war er, «dabei wunschlos, und also vollkommen glücklich, ohne zu wissen, dass er vielleicht seit der Erschaffung der Welt der einzige Mensch war, dem dies begegnete». Pfarrer Knöpfle starb, Augustin verliess das ungeliebte Priesterseminar, lernte in seinem Heimatort Mittenwald Instrumentenbauer – und die Liebe kennen durch eine englische Mylady, die ihm ihre Spieldose vermachte. Danach war es Augustin klar: Er wird Spieldosenmacher und die Liebe nicht verachten. Er kehrte von Mittenwald zurück an seinen geliebten Bodensee, mietete sich in der Dammgasse am Hafen bei Fischersleuten ein, baute Spieldosen, wenn ihm die Gulden ausgingen, gewann «dem Leben so leichtsinnig immer eine angenehme Seite ab», verliebte sich unsterblich in die Fürstäbtissin Friederike, die, kaum wurde ihre Liebe verraten, einem anderen zur Frau gegeben wurde. Der Gustl weinte über seine grosse Liebe.

Die Welt um ihn versank ein ums andere Mal im Krieg, auch Lindau geriet in den kriegerischen Strudel – und mit der Stadt der Gustl, der, er wusste kaum wie, in politischer Mission unterwegs, sogar Napoleon gegenüberstand.

Die Politik machte Augustin krank. Er kehrte nach Lindau zurück «fühlte das leise Atmen der Bäume und wartete auf seinen Frühling». Dieser kam, Susanne hiess er und Gustl fühlte, wie sie «ihn so ruhig und nachdenklich machte». Für wenige Jahre nur. «Vorgestern haben wir Susanne begraben», schrieb der liebe Augustin am 23. April 1815 in sein Tagebuch. «Wir sind so sehr glücklich gewesen.» Nicht mehr lange ging Augustin durch sein leichtes Leben; er starb an den Folgen eines Unfalls und seinen letzten Satz, «Mich hat das Leben grenzenlos verwöhnt», sagte er zu seiner grossen Liebe Friederike.