Stieg Larsson
Stieg Larssons Krimi-Trilogie: Eine schwedische Erfolgsgeschichte

Was ist das Geheimnis von Stieg Larssons erfolgreicher, kluger Krimi-Trilogie? Die geglückte Verfilmung des zweiten Teils, «Verdammnis», liefert den Schlüssel dazu. Der über zweistündige Thriller läuft ab heute im Kino.

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Stieg Larssons Verdammnis

Stieg Larssons Verdammnis

Daniela Janser

Als Pippi Langstrumpf des Computerzeitalters hat man sie bezeichnet, als Antiheldin und als tätowierte bisexuelle Anarchistin. Sicher ist: Die drahtige, verschlossene Computerhackerin Lisbeth Salander ist der unerwartete, aber unbestrittene Liebling der Bestseller-Trilogie des schwedischen Autors Stieg Larsson.

Dessen eigene Geschichte ist mittlerweile gut bekannt. Larsson war ein Journalist und bekennender Feminist und galt als führender Experte in Sachen Rechtsextremismus. Er starb 2004 mit 50 an den Folgen eines Herzinfarkts. Kurz vor seinem Tod hat er seine Krimi-Manuskripte als «Altersvorsorge» bei einem Verlag hinterlegt. Dazu soll er gesagt haben: «Jetzt muss sich Henning Mankell warm anziehen.» Mankell ist der Schöpfer der phänomenal erfolgreichen Wallander-Krimis.

Nicht bloss aufgrund der ähnlichen Namen liegt der Vergleich Wallander - Salander auf der Hand. Wie der zweite Teil der Trilogie, der heute unter dem Titel «Verdammnis» in den Kinos anläuft, zeigt, ist Lisbeth Salander ganz klar als Anti-Wallander konzipiert. Während der alte Wallander kaum weiss, wie man E-Mails abruft und angesichts eines Computers Schweissausbrüche kriegt, fühlt sich Salander nur an der Tastatur ihres MacBooks wirklich wohl. Und während der erste Teil, «Verblendung», den Journalisten Mikael Blomkvist (ein Alter Ego von Stieg Larsson) als Hauptfigur hatte, heisst der Star des zweiten Teils eindeutig Lisbeth Salander. In den Verfilmungen wird Salander von der kaum bekannten Noomi Rapace genial verkörpert.

«Verdammnis» ist auch eine Erkundung von Lisbeth Salanders Kindheit in einer kaputten Familie und in den Mühlen der staatlichen Psychiatrie. Blomkvists (Michael Nyqvist) Magazin «Millennium» plant eine Geschichte über Frauenhandel in Schweden und dessen brisante Verbindungen zu Politik, Polizei und Unterwelt. Doch noch bevor der Artikel erscheint, werden der zuständige Journalist und seine Freundin erschossen aufgefunden. Erste Spuren führen ausgerechnet zu Lisbeth Salander. Da diese schon als Minderjährige mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt gekommen ist und unter staatlicher Vormundschaft steht, ist ihre Schuld für die Polizei ein klarer Fall. Sie kann sich nur noch aus eigener Kraft, mit Hilfe ihrer Hackerfreunde und der widerwillig angenommenen Dienste von Blomkvist aus der Schlinge befreien. Dabei agiert Salander konsequent auf der dunklen Seite des Gesetzes.

Lisbeth Salander ist eine Datensammlerin mit absolutem Gerechtigkeitssinn und fotografischem Gedächtnis, eine Art Cyborg, aber mit sehr menschlicher Biografie und den damit verbundenen Traumata. «Verdammnis» wird so auch zu einem Lehrstück über die neuen Verletzlichkeiten, die unsere vernetzte Welt und die damit verbundene Veräusserung unserer geheimsten Daten schaffen. Öffne mir deinen Computer, und ich sage dir, wer du bist.

Hinter alledem verbirgt sich ein entscheidender Perspektivenwechsel: Wir sind als Leserinnen und Zuschauer nicht auf der Seite der ermittelnden Polizisten - obwohl mit Kriminalinspektor Bublanski eine charismatische Ermittlerfigur bereitstünde. Ebensowenig sind wir aber, wie etwa im amerikanischen Film noir, auf der Seite der Verbrecher. Stattdessen wurde in diesen Krimis eine dritte Sichtweise geschaffen: diejenige des ungleichen Ermittlerpaars Blomkvist und Salander.

Sie müssen nicht nur die Verbrecher zur Strecke bringen, sondern auch den zum Teil korrupten polizeilichen Ermittlern auf die Finger schauen. Daraus ergibt sich eine höchst komplexe Auslegeordnung, und man darf den Filmemachern (Regisseur Daniel Alfredson und Drehbuchautor Jonas Frykberg) gratulieren, dass sie es geschafft haben, das Buch so zusammenzustreichen, dass man erst gar nicht merkt, was alles fehlt. Auch atmosphärisch trifft der Film mit voller Wucht: Er ist dunkel und real, mit schillernden und doch bodenständigen Figuren. Nicht zuletzt lebt «Verdammnis» vom ältesten Krimimotor überhaupt: der Spannung, die während des gut zweistündigen Films keine Minute abflacht.

Dazu kommt noch etwas Grundsätzliches: Wie alle Bestseller geben die düsteren schwedischen Thriller gewissermassen eine Antwort auf unsere Zeit. Aber während die Wallander-Krimis in Kulturpessimismus versumpfen, Dan Brown in Verschwörungstheorien schwelgt und Harry Potter uns in Parallelwelten flüchten lässt, bleibt Stieg Larsson ganz auf dem Boden des Hier und Jetzt.

Die Aussenseiterin Salander ist zugleich Schreck- und Wunschfigur des Internetzeitalters, Blomkvists Magazin «Millennium» eine Wunscherfüllung, geboren aus der Medienkrise: Ein journalistisches Produkt, das finanziell unabhängigen, hartnäckigen Recherchejournalismus betreibt. All dies macht Larssons Krimis politisch schärfer und menschlich sensibler, als wir das von anderen Bestsellern gewohnt sind. Der Cliffhanger, mit dem «Verdammnis» endet, ist nur schwer zu schlucken. Zum Glück ist der Kinostart von «Vergebung», dem letzten Teil der Trilogie, bereits auf den 3. Juni angesetzt.
Verdammnis (SE 2009) 129 Min. Regie: Daniel Alfredson. Mit: Noomi Rapace, Michael Nyqvist.

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