Ende Jahr hätte der 60-jährige Jon Lord bei seinem Auftritt im Rahmen der Migros-Kulturprozent-Classics sein Auftragswerk «The Mountain» aufführen sollen. Doch aus dem Konzert für Band und Orchester im Luzerner KKL wird nichts: Ex-Deep-Purple-Keyboarder Lord ist an Bauchspeichelkrebs erkrankt.

Jon Lord

Jon Lord

Jon Lord, leider wird vorläufig nichts mit Ihrem Konzert im KKL.

Jon Lord: Ja, und ich bedaure das sehr. Ich nehme mir derzeit eine Konzert-Auszeit und will meinen Krebs bekämpfen. Aber natürlich werde ich weiterhin Musik komponieren – das ist jetzt auch Teil meiner Therapie. Das «Mountain»-Projekt ist vorerst einmal aufgeschoben. Es stand auch anderweitig unter einem ungünstigen Stern: Ich wollte eigentlich Steve Lee mitbringen, aber von seinem tragischen Töff-Unfall haben Sie ja gehört...

...ja, heute vor einem Jahr, am 5. Oktober 2010 kam er bei einer Töff-Tour in den USA ums Leben.

Tragisch und traurig! Der einstige Gotthard-Sänger hat an meiner Seite schon 2009 in der Zürcher Tonhalle und im Luzerner KKL gesungen, das Nota-Bene-Orchester begleitete uns. Ich war ergriffen bei seinem Gesang zu «Child in Time», einem meiner Lieblingslieder von Deep Purple. Ich spielte den Song auch auf meiner letzten Tour in einer Orchesterversion. Dieses Lied hat immer noch eine innere Kraft und eine Botschaft, über Krieg, über Gut und Böse. Das macht mich sehr stolz! Und Steve sang ihn damals brillant – was für ein toller Sänger er war! Gotthard werden Mühe haben, ihn zu ersetzen.

Kannten Sie Steve Lee schon vorher?

2002 bin ich bei Deep Purple ausgestiegen, zuvor waren wir mit Gotthard auf gemeinsamer Tournee, 1998/1999. Ich erlebte ihn schon damals als sehr sympathischen Mann mit guten Manieren.

Steve Lee war wie Sie auch ein Whiskey-Liebhaber.

Genau, aber einer, der beim Trinken nie zu singen anfing. Steve war immer sehr professionell. Er war ein Mann mit einem guten Herzen und einer kraftvollen Stimme. Was für ein Verlust, wirklich! Als wir 2009 nach dem Tonhalle-Auftritt am nächsten Tag gemeinsam von Zürich nach Luzern fuhren, wollte er unbedingt das Auto chauffieren und zeigte mir den Weg übers Land – er wollte nicht die Autobahn nehmen. Wir hatten ein langes und intimes Gespräch: über unsere Leben, unsere Lieben und unseren Glauben. Etwas vom Eindrücklichsten, das er mir erzählte, war seine grosse Liebe zu Motorrädern.

Gerade diese Liebe musste ihn von uns nehmen.

Aber ich bin glücklich, ihn gekannt zu haben, er war ein guter Mann. Es hat mich gefreut, dass ich bei den Swiss Music Awards 2011 seiner Band Gotthard den Tribute Award überreichen durfte. Es war ein schöner Moment für einen guten Freund.

Wie siehts mit Ihren alten Mitstreitern von Deep Purple aus: Sind das auch immer noch Ihre Freunde?

Oh, ja, am meisten Kontakt habe ich mit dem Deep-Purple-Sänger Ian Gillan: Mit ihm habe ich vergangenen Herbst noch zusammengearbeitet. Bassist Roger Glover hat eine Schweizerin geheiratet und lebt heute in einem kleinen Dorf, nicht weit weg von Zürich. Mit 65 Jahren ist er unlängst wieder Vater geworden. Mit dem Purple-Drummer Ian Paice habe ich regen Kontakt, denn seine Frau ist die Schwester meiner Frau. Mit Gitarrist Ritchie Blackmore spreche ich ab und
an am Telefon. Das sind alles mittlerweile Freunde fürs Leben geworden.

Trotz des vielen Streits, der zur Trennung 1992 führte?

Genau, wir hatten zwar viele Auseinandersetzungen in unseren erfolgreichen Jahren, aber auch solche Erlebnisse muss man wie die Erfolge teilen. Beim Gang durch diese Hochs und Tiefs wird man zu Brüdern... Und wenn man auf ein Leben zurückblickt, da sind Unstimmigkeiten, auch wenn sie noch so heftig waren, nicht wirklich schlimm. Was ist das schon, verglichen mit einer Krebs-Erkrankung!