«Natürlich wegen mir!», ruft Stella Palino aus, als wäre es die dümmste Frage, die sie je gehört hat. Oder zumindest das hundertste Mal, dass sie erklären muss, warum sie tut, was sie tut. «Weil ich selber trans bin», sagt sie ohne Umschweife. Deshalb macht sie Theater, das die Grenzen zwischen Mann und Frau infrage stellt – und neu zieht.

In der gemütlichen UnvermeidBar gegenüber des Theater Palino in Baden, das die Theaterschaffende seit 35 Jahren betreibt, lässt es sich gut diskutieren: Über die Umgebung, Kunst, Geschlechter. «Täglich kommen in der Schweiz ein bis zwei intersexuelle Kinder zur Welt, die Natur ist also eine instabile Kategorie», sagt Stella Palino, die roten Lippenstift trägt und das lange, blonde Haar locker zusammengeklaubt und zu einer wild-romantischen Frisur gebunden hat. «Es ist lächerlich und ironisch, wie die Leute auf «Transsexualität» und Anderssexuelle reagieren, wenn mensch weiss, wie viele Leute diese willkürlichen Grenzen der Geschlechterrollen in privaten Räumen überschreiten und sich dabei erfreuen und berauschen», echauffiert sich die als Marc Brunner geborene Badener Künstlerin.

Eine Szene im Kommen

Sie muss es wissen: Seit Jahren kennt sie die Szene, in der Anderssexuelle verkehren. «Da sehe ich Männer, die am nächsten Tag in ihrem Anzug auf der Bank arbeiten gehen.» Sie selbst hat genug von diesem Versteckspiel: 1997 trat Marc Palino Brunner erstmals als Transvestit auf, 2010 outete sie sich als Transgenderperson, seit 2014 ist in ihrem Pass der Name Stella Brunner vermerkt. Sie wird nun als Frau wahrgenommen. «Geschlecht ist eine Frage der Identität. Die Körper, in denen wir geboren werden, ob sie biologisch gesehen männlich oder weiblich sind, müssen die sozialen Rollen von Mann und Frau nicht definieren.»

Darum geht es in ihrem neuesten Stück «Gender Mutiny». Der bezeichnende Titel (zu Deutsch: «Meuterei der Geschlechter») sagt bereits viel darüber, was man zu erwarten hat, wenn man am 1. und 2. April das Kurtheater besucht. Sehr humoristisch und doch künstlerisch feingliedrig tastet die Schauspielerin sich an die Frage nach Identität und gesellschaftlichem Geschlecht heran. Von Maren Gamper, die in Frankreich als Mitglied einer Kompagnie fungiert, am Flügel begleitet, zeigt Stella Palino die innere Zerrissenheit und Aufgewühltheit unerschrocken direkt, jedoch immer mit der nötigen Prise Feingefühl.

Nachzügler Schweiz

Stella Palino ist sich bewusst, dass ihr künstlerisches Schaffen umstritten ist. Kurz nach ihrem Outing wurden ihr die Beiträge an Kulturförderung gekürzt. Sie ist sich sicher, dass es sich dabei um eine Art von Gender-Diskriminierung handelt. «Kunst, die sich nicht in gängige Schemata pressen lässt, hat es schwer. Aber man sollte Kunst nicht nur unterstützen, weil sie erfolgsversprechend ist – sondern weil die Macher brennen für das, was sie tun.» Und das tut Stella Palino.

Auch der Regisseur von «Gender Mutiny», Xavier Mestres Emilio, bringt sich ins Gespräch ein. Auf Englisch erklärt der Spanier, wie es ihn schockiere, dass sie für diese Produktion nicht unterstützt werden. Dabei verlange Stella Palino gar nicht viel: «Kulturförderung muss nicht immer finanzieller Art sein; es wäre genauso wichtig, den Kunstschaffenden Wind in die Segel zu blasen mit Mut und Beistand.»

Die Thematik rufe in der Region oft negative Vorurteile hervor, erzählt die Theaterschaffende: «Man bewertete unser Projekt, schon bevor es produziert war.» Dabei sei der Gender-Diskurs im Gange, es werde nur zu wenig darauf eingegangen. «Die Leute verstehen nicht, dass dieses Thema hochaktuell ist – einfach leider nur im Verborgenen. Hier dauern die Prozesse eben länger. Die Bewegung der freien Geschlechterwahl kommt aus dem Untergrund; wie einst die Homosexualität.»

In «Gender Mutiny» werde sie am Ende ohne Kostüm-Hülle auf der Bühne stehen. «Ich will der Verletzlichkeit eine Stimme, einen Körper und eine Musik geben und laut werden gegen die Gewalt, mit der man uns zwingt, die uns vorgegebenen Rollen anzunehmen.» Stella Palino ist aber auch selbstkritisch. «Ich selbst muss mich manchmal auch rügen. Denn ich lebe oft jene Klischees, die das Patriarchat und der Neoliberalismus uns Frauen zugedacht haben; die Schminke, das blonde Haar, schlanker Körper, sexy Kleidung…»

Ihr neues Stück soll aber nicht zu einem glitzernden Travestie-Abend verkommen. Auf poetische Weise tastet sich «Gender Mutiny» kritisch und mit provokanten Mitteln an die Geschlechterrollen in der heutigen Gesellschaft heran.

Daten

Baden Freitag und Samstag, 1. und 2. April, jeweils 20 Uhr, Kurtheater.

Weitere Infos

http://kurtheater.ch/56-0-Detailansicht.html?id=4891

Tickets

https://tickets.vibus.de/00100071000000/shop/vstkalender.aspx