Zuerst verschwinden wir von der Erdoberfläche, dann verschwinden auch die wenigen Spuren, die wir zeitlebens hinterlassen haben, und schliesslich setzt bei den Nachkommen das ein, was der österreichische Dramatiker und Erzähler Arthur Schnitzler einmal so treffend beschrieben hat: «Erinnerungsfälschung – das ist die ohnmächtige Rache, die unser Gedächtnis an der Unwiderruflichkeit allen Geschehens nimmt.»

Diesem von Schnitzler formulierten Widerspruch von Erinnerung und Authentizität setzt sich der in Zürich geborene Autor, Publizist und Dozent Dante Andrea Franzetti ganz offen aus: Seine literarische Suche nach seinen familiären Wurzeln, vor allem nach dem italienischen Grossvater, einem schwer arbeitenden Maurer mit schwieligen Händen und lächelnden Augen, beginnt er mit erinnerten, aufflackernden Momentaufnahmen aus seiner Kindheit. Diese bruchstückhaften Kapitel – oder besser: Kapitelchen – tragen Titel wie «Die Fotografie», «Die Lazertenjagd» und «Der Dachboden» und erzählen atmosphärisch und hemmungslos subjektiv von heissen Sommern in italienischen Dörfern, verbotenen Abenteuerspielen und ambitionierten Eidechsenjagden.

Fragmentarische Erzählweise

Im zweiten Teil des Romans wechselt die Erzählhaltung überraschend in die Du-Form. Der Autor stellt sich nun imaginierend vor, wie das Leben des Grossvaters verlaufen sein könnte: «Ich habe eine bestimmte Vorstellung von dir, von dieser Vorstellung will ich ausgehen und sehen, welche Geschichten zu dir passen.» Sich am dünnen roten Faden der Grossvater-Biografie entlang hangelnd, hält Franzetti zeithistorische Ereignisse, etwa das Aufkommen des Faschismus, in zugespitzten Episoden fest. Dabei erinnert seine fragmentarische Erzählweise stark an die künstlerische Stilrichtung des Pointillismus: Verketten sich dort die einzelnen Farbtupfen zu einem Raster, das sich im fertigen Bild zu einer harmonischen Form schliesst, fügen sich hier die verschiedenen Erzählsplitter zu einer sehr plastischen Figur zusammen.

Am Ende des Romans, bevor der Grossvater wie «ein schwarzer Punkt in der schwarzen Nacht» verschwindet, ist er uns Lesern noch einmal für kurze Zeit quicklebendig geworden.

Dante Andrea Franzetti Der Grossvater, Lenos, 124 S., Fr. 15.–.