Marco Guetg

Die Rezensionsexemplare zu Hugo Loetschers neuestem Buch waren längst verschickt und die ersten Besprechungen bereits publiziert, dann kam gestern die Nachricht: «Hugo Loetscher ist gestorben». Kam die Meldung überraschend? Nicht ganz. Denn wer immer sich in den letzten Tagen um ein Interview bemühte, wurde vom Diogenes-Verlag über den labilen Gesundheitszustand des bald 80-Jährigen informiert: Hugo Loetscher habe eine schwere Operation hinter sich und müsse sich schonen.

Jetzt ist einer der grossen deutschsprachigen Autoren der Nachkriegszeit tot. Was bleibt? Erinnerungen an einen quirligeloquenten Menschen. Und ein Werk - und dabei vor allem an dieses letzte, autobiografisch gefärbte Buch, dessen Titel das Ende vorweg nimmt.

Er lautet: «War meine Zeit meine Zeit». Kein Zweifel: Es ist eine Frage. Doch Hugo Loetscher setzte kein Fragezeichen. Ja, seine Zeit war seine Zeit und seine Zeit ist vorbei. Und wenn wir mit diesem Wissen Loetschers viele Motive aufnehmende Lebens-Bilanz erneut Revue passieren lassen, fällt einem ein wiederkehrendes und inzwischen geradezu programmatisches Motiv auf. Loetschers Weg führt ihn von seinem Wohnort Zürich-Aussersihl an die Sihl, von der Sihl in die Welt; und wenn er von der Welt zurückkehrt, ist da immer auch der Friedhof Sihlfeld.

Hugo Loetscher wurde am 22. Dezember 1929 in Zürich geboren. Er studierte Politische Wissenschaften, Wirtschaftsgeschichte, Soziologie und Literatur in Zürich und Paris und war in der Studentenbewegung aktiv. Nach seiner Promotion in Paris war er Literaturkritiker bei der «Weltwoche» und der «Neuen Zürcher Zeitung»; von 1958 bis 1962 arbeitete er als literarischer Redaktor der Zeitschrift «Du» und leitete die von ihm begründete Beilage «Das Wort.»

Was erstaunt: Hugo Loetscher hat sich vor allem als Prosaautor und Verfasser von literarischen Reportagen einen Namen gemacht. Erstmals als Autor in Erscheinung getreten ist er jedoch als Dramatiker: mit «Schichtwechsel», 1960 am Zürcher Schauspielhaus uraufgeführt. Es war ein Flop.

Hugo Loetscher galt als Kosmopolit. Ein schönes Attribut für einen Schweizer. Und das war er auch. Andererseits war er auch sehr sesshaft. Seit Jahrzehnten wohnte er an der Storchengasse in Zürich, auf zwei Etagen und inmitten von Tausenden nach Sprachen und Ländern geordneten Büchern.

Seine Weltläufigkeit verdankte Loetscher übrigens dem Schweizer Fernsehen. 1965 drehte er einen Dokumentarfilm über Salazars Regime in Portugal. Kurz vor der Ausstrahlung wurde er abgesetzt, weil der von Loetscher verfasste Begleittext politisch Anstoss erregte. Sein Text zeigte politisch Wirkung. Loetscher erhielt ein Einreiseverbot für Portugal. Diese Strafe nutzte er kreativ. Inzwischen der portugiesischen Sprache mächtig, bereiste Loetscher jene Länder, die historisch mit Portugal verbandelt waren, schrieb viel beachtete Reportagen - aber auch «Wunderwelt» (1979) ein brasilianisches Märchen.

Es folgten regelmässige Aufenthalte in Lateinamerika, ab 1976 gings in den Fernen Osten und nach Südostasien. 1979/80 erfolgte eine Tätigkeit als «Writer in residence» an der University of Southern California - Resultat dieses Aufenthaltes ist das Buch «Herbst in der grossen Orange».

Loetschers Werk umfasst zahlreiche Essays und Romane. Zu seinem bekanntesten Werken zählen «Abwässer» (1963), «Der Immune» (1975), «Der Waschküchenschlüssel» (1983), der Essayband «Lesen statt klettern » (2003) oder «Der Buckel» (2002). Sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, so etwa 1992 mit dem grossen Schiller-Preis der Schweizerischen Schillerstiftung.

«Ein Staunen darüber, was dem Menschen alles zum Thema Mensch einfiel», habe ihn, so schrieb Hugo Loetscher, auf seinen Entdeckungsreisen in die Provinzen der Welt und der Seele begleitet. Dass einer in dieser Welt, in der zu vieles zu vielen selbstverständlich ist, des Staunens - und Schreibens - nicht müde geworden ist, das hat auch uns Loetscher-Lesern den Blick geschärft. Dafür sind wir ihm dankbar.