St. Galler Festspiele

St.Gallen setzt die Latte für die Opern-Open-Air-Konkurrenz hoch

Odabella (Mary Elisabeth Williams) schwört Rache.KEYSTONE

Odabella (Mary Elisabeth Williams) schwört Rache.KEYSTONE

Die St.Galler Festspiele beweisen, dass man openair nicht immer «Aida» spielen muss. Mit Verdis Frühwerk«Attila» gelingt ihnen ein Coup.

Erfreulich: Bereits auf halbem Weg nach Bregenz lacht unter freiem Himmel das Opernglück! Und das, obwohl die St. Galler Festspiele auf dem prachtvollen Klosterhof anstatt Arena-Dauerbrenner «Aida» erneut auf ein Frühwerk Giuseppe Verdis setzen. Noch mehr: Mit «Attila» hat man eine Oper ausgewählt, die selbst Opernfreunden kaum vertraut ist. Geschweige denn der Masse, die Freiluftopernspektakel anziehen sollen. Bei rund 1733 Plätzen ein gewagtes Spiel, zumal man gleich sieben Mal spielt.

Treues Publikum

Doch die St. Galler können sich «Attila» leisten, da ihr Publikum treu und die halbe Belegschaft sowieso fest am Theater angestellt ist: Folglich ist die Produktion zum Grossteil subventioniert. Davon können die anderen Schweizer Opern-Open-Air-Bühnen nur träumen. Manch eine wäre wohl auch froh, könnte sie das Niveau der St. Galler Produktion erreichen. Die Latte für die Konkurrenz in Solothurn, Avenches, Pfäffikon und Schinznach ist hoch gelegt; für einige, so viel Prognose sei gewagt, bereits zu hoch.

Regisseur und Bühnenbildner Stefano Poda lässt sich klugerweise nicht auf Experimente oder Aktualisierungen ein, kann dafür die Musik in prächtige Bilder setzen. Und endlich zieht ein Regisseur die Hauptprotagonistin der St. Galler Festspiele, die Fassade der Kathedrale, spektakulär ins Geschehen ein. Gleich doppelt. Einerseits in all ihrer Originalpracht, andererseits liegen die Kathedralentürme auf der eigentlichen Bühne in Trümmern. Wo Attila durchzieht, wächst nun mal kein Grün mehr: Mit Leichen ist die Erde übersät.

Den Hunnensturm überlebt hat Fürstentochter Odabella – ihr Wunsch nach Rache wird zur Obsession. Da können ihr Liebhaber Foresto und der grossspurige römische Feldherr Ezio nur noch staunen. Der Plot, angereichert mit einigen politischen Nebenschauplätzen, reichte Verdi, um ein feuriges Drama zu komponieren, das Poda durchaus in Schwung halten kann: Die Chormassen werden geschickt und rasch bewegt, die Protagonisten klug auf mehrere Spielebenen verteilt.

Grossartiges Dirigat

Noch besser als der Regisseur ist der italienische Dirigent Antonino Fogliani – auch wenn man das Orchester über die Verstärkungsanlage beleidigend schlecht hört. Aber wer versucht, dennoch in den Klang hineinzuhorchen, erlebt Erstaunliches. Fogliani bringt das Kunststück fertig, Attila aus dem Bühneninnern heraus zu erzählen. Jede noch so vermeintlich plumpe Begleitfigur erhält bei ihm Zug und Form, keine verträumte Kantilene wirkt zu breit oder zu dick – immer ist da Spannung und Leben im Spiel. Verdis dramaturgisch nicht eben geniales Frühwerk pulsiert, dass es eine Freude ist.

Kleiner Wermutstropfen

Darauf lässt es sich leicht singen. Alexander Vinogradov mag als Hunnenkönig Attila etwas gar schmächtig und jugendhaft wirken, sein Bassbariton wird im Laufe des Abends schnell schöner und sicherer. Luca Grassi (Ezio) steht ihm in nichts nach, derweil Tenor Bruno Ribeiro etwas gar brav seine Phrasen formt. Umso feuriger singt Mary Elisabeth Williams als Odabella: Sie ist perfekt für die Rolle der Kriegerin, die an Attila blutig Rache nimmt.

Schade nur, hat man in St. Gallen zu wenig Vertrauen in den natürlichen, unverstärkten Klang – oder zu wenig Geld für eine tolle Sound-Anlage ...

«Attila»: Klosterhof, St. Gallen, sechs Mal bis zum 5. Juli.

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