Ballett
Spektakuläres Wasserballett in Zürich: Für «Le Sacre du printemps» wird die Bühne geflutet

Marco Goecke und Edward Clug sind zwei aufregende Choreografen: Ihre Strawinsky-Werke tanzt jetztdas Zürcher Ballett

Elisabeth Feller
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Der Choreograf Edward Clug setzt für seine Version von «Le Sacre du printemps» die Bühne unter Wasser. Gregory Batardon

Der Choreograf Edward Clug setzt für seine Version von «Le Sacre du printemps» die Bühne unter Wasser. Gregory Batardon

Liebend gerne wäre man bei den Pariser Uraufführungen von «Petruschka» (1911) und «Le Sacre du printemps» (1913) dabei gewesen. Igor Strawinsky hatte für die beiden Ballette eine Musik geschrieben, die die Musikwelt aus den Angeln hob. Choreografen träumen von diesen Blockbustern – wohl wissend, dass über «Petruschka» der Schattenwurf von Vaslav Nijinskys Rollenporträt liegt. In Zürich hat Ballettdirektor Christian Spuck «Petruschka» und «Sacre» zwei Choreografen anvertraut, deren Handschriften aufregend unterschiedlich sind: Marco Goecke und Edward Clug.

Wie viel Nijinsky hat in Goeckes «Petruschka» hineingespielt? Viel, mutmasst man, denn Goecke hat sich jüngst in seinem Ballett «Nijinsky» mit dem von Einsamkeit und Wahnsinn umflorten Jahrhunderttänzer auseinandergesetzt.

Rasantes Tempo noch beschleunigt

Einsamkeit durchzieht in unerwarteter Heftigkeit auch den Zürcher «Petruschka». Nicht, dass der Choreograf viel «machte» oder interpretierte. Er verlässt sich auf einer kargen Bühne ganz auf den Tanz. Von der im Libretto evozierten Jahrmarktwelt bleibt nichts übrig; der Fokus liegt auf den vom Zauberer (Christopher Parker) zum Leben erweckten Puppen Petruschka (William Moore), Ballerina (Katja Wünsche) und Mohr (Tigran Mkrtchyan) sowie den Schaulustigen. Ihnen allen eignet Goecke zu, was seinen Stil unverwechselbar macht: Bebende Körper, fliegende Hände, zitternde Finger und schwingende Arme. Die Synchronität der Arm- und Fussbewegungen ist ebenso atemberaubend wie die Beschleunigung des eh schon rasanten Tempos. Oft setzt Goecke auf kurze Begegnungen, noch wichtiger sind ihm aber Soli. Tänzer, die ausgesetzt sind in der Weite des nachtschwarzen Raumes – das lässt einen frieren. Gerade dann, als Petruschka (von William Moore grossartig getanzt) sein dezent clowneskes Gesicht so verzieht, dass die Qualen des verschmähten Liebhabers einfahren. Diese Momentaufnahme zeigt die empfindsame Seite von einem, der am Ende wieder die angestammte Rolle der lustigen Person einnimmt. «Ich glaube, mir geht es heute gut», sagt Petruschka – und sinkt tot zu Boden.

Wie Marco Goecke, beschreitet auch Edward Clug in «Le Sacre du printemps» neue Wege. In seiner Version der rituellen Opferung einer Jungfrau für ein fruchtbares Erntejahr versammeln sich eher lustlos wirkende, kalkig-weisse Frauen und Männer in fleischfarbenen Trikots. Hass bauen sie gar nicht erst auf, um ein Opfer (Katja Wünsche) zu definieren: Denn dieses setzt sich, wie absichtslos, früh von der Gemeinschaft ab und signalisiert damit: «Ich bin die Auserwählte.» Niemand traut ihr, weshalb sich eine Frau nach der anderen auf den Boden legt und von der Gruppe ins Abseits geschleift wird. Aber jede Frau kehrt wieder in den Kreis zurück, bis Unerwartetes geschieht: Von oben stürzt Wasser auf die Bühne, was diese glitschig und unberechenbar macht. Klitschnass schubsen die Tänzer ihre Kolleginnen so an, dass diese über die volle Länge der Bühne gleiten. Das wirkt spielerisch, ja sogar ausgelassen. Beinahe geht vergessen, dass das Opfer darauf wartet, endlich getötet zu werden. Erneut prasselt Wasser auf die Bühne. Diesmal wird es jedoch als Mittel zum reinigenden Ritual verstanden. Von nun an kann sich alles erneuern; vorausgesetzt, eine Frau wird getötet, was dann eher beiläufig geschieht.

Hindoyan lässt es leuchten

Wie immer man Clugs «Sacre» interpretieren will: Seine Version ist spektakulär – gerade, weil das Wasser ein gedrosseltes Tempo und ein anderes Bewegungsvokabular verlangt. Der vermeintliche Verlust wird durch anderes aufgewogen: Aufstampfen, Sprünge an Ort und Stelle oder hohe Wurffiguren. Dass der Zürcher Strawinsky-Abend zum Gesamtkunstwerk wird, verdankt sich primär einer exzellenten Compagnie, deren Vielseitigkeit schlichtweg staunen lässt. Musikalisch glänzend unterstützt wird sie von der Philharmonia Zürich unter Domingo Hindoyan, der die Strawinsky-Partituren mit ihren klanglichen Verschattungen und ihrer rhythmischen Verve wunderbar leuchten lässt.

Strawinsky-Abend Zürcher Opernhaus, Vorstellungen bis Dezember 2016.