Oper Zürich
Sopranstar ohne Allüren spielt Prostituierte Jenny

Die Deutsche Annette Dasch ist Sopranstar und dabei zu hundert Prozent allürenfrei. Als Prostituierte Jenny steht sie in Bertolt Brechts «Mahagonny» auf der Bühne der Oper Zürich.

Anna Kardos
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Annette Dasch macht aus Rollen Menschen.

Annette Dasch macht aus Rollen Menschen.

SEVERIN BIGLER

Echt. Das ist das Wort, das im Kopf aufleuchtet, wenn Annette Dasch vor einem steht. Sei es mit hochgetürmter Rokokoperücke und Mieder in einer Mozartoper, mit von Pfeilen durchbohrtem Rücken in Bayreuth oder mit pink Haar, knappem Fummel und einer Überdosis Lidschatten wie zurzeit auf der Bühne der Oper Zürich. Die Starsopranistin scheint eine Art Glaubwürdigkeits-Gen zu besitzen. Mag sie ihre Stimme in noch so artifiziell ausgezirkelte Koloraturen schicken, die kunstvollen Töne füllen sich bei ihr mit Leben, werden persönlich.

Vielleicht liegt das an Annette Daschs Kindheit als Pfadfinderin. Daran, dass sie einst genauso selbstverständlich im Schein des Lagerfeuers gesungen hat wie heute im Scheinwerferlicht. Ja, überhaupt hätten sie und ihre drei Geschwister die ganze Zeit gesungen. Womöglich liegt es aber auch daran, dass Daschs Vater Direktor des Jugendgefängnisses war und die Sängerin schon das Mädchen Bertolt Brechts berühmten Satz ganz natürlich mitbekam: Erst kommt das Fressen, und dann kommt die Moral. Mit der Oper «Mahagonny» desselben Bert Brecht steht sie auf der Bühne des Zürcher Opernhauses, in der Rolle der Jenny Hill.

Alles ist käuflich

«Meine Tochter mag diese Jenny überhaupt nicht, weil sie die Hinrichtung ihres Geliebten einfach so hinnimmt.» Das sind die ersten Worte, welche die Sopranistin zur Begrüssung sagt. Und schon ist man mittendrin, in den Themen rund um Familienleben, das Verhältnis von Mann und Frau – und die aktuelle Produktion der Oper «Mahagonny», wo Liebe ein Pappenstiel ist, verglichen mit der harten Währung Dollar. In «Mahagonny» ist alles käuflich und alles erlaubt, nur eines nicht: kein Geld zu haben.

Während Brecht seinerzeit mit Theater die Welt umkrempeln wollte, findet Dasch, dass Oper heute etwas anderes vermag: «Oper berührt die Menschen in Schichten, an die sie selber nicht rankommen. Und das ist gesellschaftlich total relevant» – besonders, seit die Kirchen leerstünden und es ohnehin kaum Orte gebe, wo man sich begegnet, um sich kollektiv einer Sache zu widmen. «Das gibt es nur noch im Fussballstadion oder im Kaufhaus. Aber im Theater geschieht das mit Inhalten.»

Me not

Dass Brecht für Gleichberechtigung kämpfte, sie aber hinsichtlich der Beziehung Mann-Frau nicht eng zu nehmen schien und selbst als Regisseur gleichzeitig mit mehreren Frauen Beziehungen pflegte, erinnert an den aktuellen Aufschrei um die sexuellen Belästigungen in Hollywood. Gibt es solche Parallelen zwischen Kino und Oper? «Ganz ehrlich, so etwas ist mir nie passiert. Vielleicht bin ich nicht so der Opfertyp», meint die 1,80 m grosse Sopranistin. Möglicherweise ist die selbstbewusste 41-Jährige aber auch nie um klare Worte verlegen. Wie etwa auf die Frage, was sie dazu meint, wenn sie als Jenny säuseln muss: «Sagen Sie mir, wie Sie mich wünschen. Trag ich Wäsche, oder geh ich ohne?» Denn darauf zuckt Annette Dasch bloss mit den Schultern, «sie ist halt eine Nutte», und fügt im selben Atemzug hinzu: «In ‹Mahagonny› sind alle Frauen Nutten. Dafür sind die Männer Verbrecher.» Eher unmodern empfindet die Sängerin, in unserer Zeit Prostitution als etwas Schräges zu sehen. «Das ist deren Gewerbe. Punkt.»

Sie hat die Haare grün

Vielleicht spricht so, wer in Berlin aufgewachsen ist, sich in der Jugend die Haare grün gefärbt hat und auch mal auf dem Grünstreifen «pennte», wie die Sängerin sich ausdrückt. «Jugendliche Rebellion und Gesellschaftskritik gehörten irgendwie zusammen. Als Berlinerin war klar, dass man am 1. Mai demonstrieren ging.» Nach dem Mauerfall sei sie ständig nach Ostberlin ins Theater, wo man noch die ursprünglichen Inszenierungen von Brecht anschauen konnte. «Das war politisch. Da hat man sich als Jugendliche viel leichtergetan anzudocken.»

Rising Star mit TV-Show

Es war die Zeit, als Annette Dasch noch nicht wusste, ob sie wohl Klarinette studieren solle. Schliesslich landete sie beim Gesang – dann ging’s schnell: Im Jahr 2000 wurde sie beim MariaCallas-Wettbewerb, beim Robert-Schumann-Liedwettbewerb und beim Concours de Genève ausgezeichnet und zum Rising Star der Opernszene. Es folgten der Echo 2008 für das Album «Armida», Engagements in Salzburg und Bayreuth sowie die eigene TV-Show namens «Annettes Daschsalon», die vom ZDF Theaterkanal ausgestrahlt wurde.

Als der Theaterkanal aufgelöst wurde, mochte die Sängerin keinen neuen Sender anfragen. Da zur selben Zeit das erste ihrer zwei Kinder zur Welt kam, hatte der «Daschsalon» ohnehin Pause zugunsten des täglichen Waschsalons zu Hause. Denn Annette Dasch erklärt: «Ich wasche selbst, ich habe schliesslich keine Angestellten.» Alles andere aus dem Mund der Starsopranistin hätte einen erstaunt.

«Mahagonny» am Opernhaus Zürich, Premiere am 5. November um 19 Uhr. Weitere Vorstellungen am 9. und 14. 11. siehe: www.opernhaus.ch.