«I’m a cuttlefish», sagt Sophie Jung, ein Sepia sei sie, eine Ordnung der Tintenfischfamilie. «Der Cuttlefish ist das erste virtuelle Tier.» Es habe ein Doppel-W als Auge, ein «double-u», ww, dazu komme das unsichtbare, dritte Auge auf der Stirn, also: www. Wer jetzt «cuttlefish» googelt, kann sich selbst davon überzeugen: Es ist ein Tiefseetier mit dem World Wide Web im Kopf, eingraviert als Linie zwischen den trägen Augen. Aber darauf muss man erst mal kommen. Und Sophie Jung kommt auf solche Sachen, es ist ihre spezielle Gabe.

Ihr Kopf ist auch ein www, eines, in dem die Synapsen hochtourig hin- und herhüpfen, um ständig neue, ungewohnte Verbindungen herzustellen. Ein Wort – sein Klang, sein Aussehen oder seine Bedeutung – führt zum nächsten, führt zu einer Geschichte, einer Idee, einem Lied, einer Erinnerung, einer Philosophie. Geschrieben oder performed.

Bringt Unerwartetes zusammen

Der Sepia, er ist Teil von Jungs erster Basler Live-Performance. Am Mittwochabend bei der Derniere wird sie dieses Tier zum letzten Mal darin einbauen, vielleicht, denn Sophie Jung improvisiert ziemlich frei. «Ich bin skeptisch gegenüber allem Absolutem, Definitivem», sagt sie. Ihre Kunst wünscht sie sich genauso in ständigem Wandel wie das Leben, die Dinge und Menschen um sie herum. «Ich möchte festgefahrene Zusammenhänge aufspalten und neue, unerwartete schaffen.» Solche Brücken könnten überall entstehen – «es gibt nichts, das so sein muss, wie es ist».

Ihre Texte oder Performances korrespondieren meist mit Objekten. Alltagsgegenstände kombiniert sie zu Skulpturen. Sie setzt einen Fächer auf ein leeres CD-Gestell. Ein Fächer ist auf Englisch ein Fan, ein Fan ist ein Liebhaber, zum Beispiel einer Musikband. Schon entspinnt sich daraus einer ihrer Texte (siehe unten). An der Oberfläche poetisch und leicht wie die drei Federn, die ebenfalls im CD-Gestell stecken. Im Kern geht es etwa in diesem Text aber auch um das Erwachsenwerden, die eigene Identität, die sich langsam entwickelt, die Geschichten, aus denen sich die eigene Geschichte hervorschält.

Sophie Jung ist jetzt Künstlerin. Ihr Name hat begonnen, in bekannten Kunstmagazinen wie «Frieze» aufzutauchen. Alles fängt an aufzugehen, Sinn zu machen; ein Werk ergibt das andere, eine Ausstellung die nächste. Im Moment arbeitet sie an einem Projekt mit ihrer Grossmutter Germaine Hoffmann, auch eine Künstlerin – eine lang heimliche, spät berufene, weil das früher ihrem Umfeld für eine Frau nicht schicklich schien. Bis kommenden Frühling hat sie rund 13 Ausstellungsprojekte in Aussicht, in mehreren Städten von ihrem Geburtsort Luxemburg über Wien bis Athen. Das war nicht immer so.

Eigentlich wäre Sophie Jung am liebsten Schauspielerin geworden. Doch die Angst, nicht gut genug zu sein, war zu gross. Ihr Vater ist der bekannte Schauspieler André Jung, unter Frank Baumbauer Ensemblemitglied am Theater Basel. «Ich wusste schon als Kind, dass er megagut ist», sagt die Tochter. Und der Vater habe sie und ihre Schwester, Marie Jung – sie ist trotzdem Schauspielerin geworden – eher gebremst als ermutigt. «Er wollte nicht, dass wir so Schauspielerkinder werden.»

Sophie Jung versuchte es mit einem Germanistik- und Anglistikstudium («die Seminararbeiten langweilten mich»), mit Kunstgeschichte («ich habe den Seminar-Raum nicht gefunden»), als Primarlehrerin («das war zu wenig seltsam»), als Fotografin an der Folkwangschule in Essen («aber die fanden, dass ich so seltsame Sachen mache»).

«Seltsam» ist ein Wort, das Sophie Jung oft braucht. Jetzt hat sie ihre eigene seltsame Kunstform entdeckt, eine, mit der sie ihre Passionen zusammenbringen kann: Skulptur, Text, Fotografie, Performance. Vor allem Performance. Ihr erster Auftritt als Performerin vor anderthalb Jahren in London war «der erfüllendste Moment in meinem Leben». Live, unter Druck, vor Leuten. «Wenn ich öffentlich auftrete, ob im Internet oder auf einer Bühne, fühle ich mich erst richtig bei mir.»

Sie hat keine Angst vor Schwäche. In London gibt sie sich in der Performance «Deep Impact» als unsichere, traurige Künstlerin, die krampfhaft versucht, coole «Post-Internet-Kunst» herzustellen. Sie erzählt von ihrem Freund, der, wie sich bald herausstellt, gar nicht ihr Freund ist. «Nichts davon ist wortwörtlich wahr», sagt Sophie Jung, «aber es ist doch emotional sehr nah bei mir.» Sie habe all die Unsicherheiten genommen, die sie habe und die man normalerweise verstecke, und habe diese «noch peinlicher, noch dreckiger gemacht». Die Zuschauer seien nach der Performance mitleidig zu ihr gekommen.

Der Cuttlefish hat seltsame, halb geöffnete Augen. In Sophie Jungs Gesicht fallen dagegen die etwas schiefen Vorderzähne auf. Eine kleine «Imperfektion», die schöne Menschen erst recht schön macht. Wir haben uns bei der Kaserne zum Gespräch getroffen; ums Eck ist die WG, in der sie mit Kollegen und ihrem langjährigen Freund lebt, einem Englischdozenten an der Uni Basel. Aber eigentlich lebt sie derzeit öfter in einer anderen WG, eine Künstlerkommune in London, seit zwei Jahren ihre zweite Heimat. Dort studiert sie an der Goldsmiths University, dort hat sie ihr Atelier und viel mehr Künstlerfreunde und Aufträge als in Basel. «In Basel existiere ich als Künstlerin nicht wirklich», sagt sie.

Ja keine tote Kunst

Andernorts durchaus. Jetzt, mit 31, da sich der Erfolg allmählich einstellt, will sie unbedingt bei sich bleiben, sich nicht beeinflussen lassen, ja nicht tun, «was sich gut verkauft». Sie denkt viel nach über die Entstehung von Kunst, den Kunstmarkt, den Widerspruch zwischen linken Künstleridealen und dem kapitalistischen Kunstmarkt. Der grösste Gräuel überhaupt ist für sie die Vorstellung, dass ihre Kunst «irgendwo herumsteht, tot ist».

Auch darum gefällt ihr die Performance so gut; damit gäbe es nie das Kunstwerk alleine, es bleibe stets ein wenig unfertig. So ist Sophie Jung auf verschlungenem Weg doch wieder da gelandet, wo sie von Anfang an hinwollte, sich aber am Anfang nicht hingetraut hatte: auf der Bühne.