Es ist Krieg – und keiner schaut hin. Nicht unbedingt aus Gleichgültigkeit. Es ist viel mehr Überforderung angesichts der Hölle, die sich vor unseren in Wohlstand gebetteten Seelen auftut. Und vielleicht auch Überdruss, zieht sich der Krieg doch als schaurige Konstante durch die Menschheitsgeschichte. Trotzdem ist wegschauen keine Strategie. Wir Menschen sind noch weit vom Frieden entfernt. Derzeit führen wir 20 Kriege und 160 bewaffnete Konflikte.

1982 hielt ein relativ überschaubarer und nur drei Monate dauernder Krieg die Welt in Atem. Margaret Thatcher hatte die Armee des Vereinigten Königreichs losgeschickt, um die von der argentinischen Armee besetzten Falklandinseln zurückzuerobern.

Das schreibt sich aus historischer Sicht so leicht, weil der Trugschluss entsteht, dass Staaten gegeneinander gekämpft haben. Es waren jedoch Menschen, Soldaten, die sich auf dem Feld gegenüber standen. Diesen Soldaten aus dem Falklandkrieg hat die argentinische Regisseurin Lola Arias einen Theaterabend gewidmet. «Campo Minado/Minenfeld» wird derzeit weltweit von Bühne zu Bühne gereicht. Das Theaterfestival hat das Stück nach Basel geladen.

Auge in Auge

Drei Jahre lang haben Arias und ihre Mitarbeiterinnen über den Falklandkrieg recherchiert, über 70 Soldaten interviewt, eine Videoinstallation realisiert und dann ein Stück. Für dieses wurden drei argentinische und drei britische Soldaten gecastet. Nun stehen sie sich 36 Jahre nach dem Krieg gegenüber und erzählen ihre Geschichten. Bei den Proben hatten sie festgestellt, dass sie sich auf der Insel nur 800 Meter gegenübergestanden sind.

Alleine die Tatsache, diese Männer für dieses Projekt zu Gewinnen, ist eine beachtliche Leistung. Arias hat es aber auch geschafft, mit diesen Laiendarstellern einen vielschichtigen, wuchtigen und berührenden Theaterabend zu gestalten. In einer Art Filmstudio treten die Ex-Soldaten vor die Kamera.

Die drei Argentinier wurden damals als junge Männer von der Militärjunta per Los in den Krieg geschickt. Zwei Briten wurden freiwillig Mitglieder der Royal Marines. Der Exot in diesem Setting ist der Mann aus Nepal. Schon sein Grossvater und sein Vater haben bei den legendären Gurkhas gekämpft. Das Erkennungszeichen dieser Söldner ist das Khukuri, ein gekrümmtes Messer, das sie im Nahkampf einsetzen.

In kurzen, gekonnt geschnittenen Szenen erzählen die Soldaten von ihrer Rekrutierung, der Reise auf die Insel, dem Warten auf die Schlacht, dem Sinken eines Kriegsschiffes, dem Tod ihrer Kameraden, den Schreien der Verletzten, ihrer Rückkehr in die Heimat, wo niemand mehr Notiz von ihnen nahm.

Die Zuschauer werden Zeugen eines kleinen Theaterwunders. Diese Männer versuchen, vor unseren Augen ihre Traumata und Ängste zu verarbeiten - und reichen sich dabei gegenseitig die Hand.

In einer Schlüsselszene sitzt der eine Marine, heute als Psychologe arbeitend, seinem ehemaligen Feind gegenüber. Dieser erzählt ihm, wie er versuchte, seine versteinerte Seele mit Alkohol und Kokain zu retten.

Traumatisiert sind sie alle, ausser der Gurkha, der immer noch lächelnd mit seinem Säbel tanzt. Die anderen fünf machen gemeinsam Musik. Ihre Rockband ist der irrwitzige Höhepunkt des Abends. Im Stroboskop-Gewitter schmettern sie zum Ende die Frage ins Publikum: «Have you ever been to war? Have you ever killed anybody?»

Soldat bleibt Soldat

Diese erstaunliche Zusammenkunft zeigt, wie Theater als kollektiver Akt die Geister der Geschichte bannen und befrieden kann. Das Basler Publikum dankte es den Männern mit Standing Ovations. Das komplexe Stück aber einfach als Antikriegs-Pamphlet zu lesen, greift zu kurz.

Beim anschliessenden Publikumsgespräch fragte eine Zuschauerin die Marines, ob sie ihre Söhne zur Armee schicken würden. «Ich würde es ihm sicher nicht verbieten», sagt der eine. «Ich würd ihm jedoch die Logistiktruppe empfehlen.» Und der zweite: «Es geht mir nicht darum, dass es keine Soldaten mehr gibt. Wir leben in einer Welt, in der es diese braucht. Ich bereue nicht, einer gewesen zu sein. Ich plädiere jedoch dafür, dass die Gesellschaft die Soldaten anders sieht und ihnen Wertschätzung entgegenbringt.»

Der Gurkha, der mittlerweile Sicherheitskräfte ausbildet, erklärt: «Der beste Kampf ist der, der nicht stattfindet. Krieg wird nicht von uns Soldaten angezettelt, sondern von Präsidenten, die ihn dann im Fernsehen anschauen. Dabei haben sie in ihrem Kampf versagt. Dem Kampf am Verhandlungstisch.»
Vielleicht sollten wir zur Überwindung des Krieges etwas mehr auf die Soldaten hören. Sie sind die Experten.