Mutter-Sohn-Beziehung

Sohn berühmter Psychologin: «Sich von Eltern zu befreien geht erst, wenn sie tot sind»

«Ich wurde zum Kunstschweizer gemacht»: Psychotherapeut Martin Miller (63).Emanuel Per Freudiger

«Ich wurde zum Kunstschweizer gemacht»: Psychotherapeut Martin Miller (63).Emanuel Per Freudiger

Martin Miller, der Sohn der berühmten Psychologin Alice Miller tritt aus deren Schatten und erzählt, wer sie wirklich war: Nämlich eine Frau, die ihr Kind nicht den Gestaltungsraum liess, die sie ihn ihrem berühmten Buch propagierte.

Herr Miller, wie ist es Ihnen ergangen, als Sie Ihr Buch «Das wahre Drama des begabten Kindes» zum ersten Mal in Händen hielten?

Martin Miller: Ich hab es erst unmittelbar vor einer Lesung vor 300 Leuten in Berlin bekommen. Da blieb keine Zeit, um gross zu fühlen, denn ich musste gleich daraus vorlesen. Das Interesse der Menschen hat mich für die doch lieblose Übergabe entschädigt.

Haben Sie mit der Veröffentlichung des Buches auch ein Stück Ihrer Lebensgeschichte abgeschlossen und das Trauma, das Sie jahrzehntelang geplagt hat, überwunden?

Ein Trauma kann auf diese Art nicht verarbeitet werden. Das wäre eine reine Symbolhandlung. Für mich ging aber eine Zeit im Untergrund, im Schatten, zu Ende. Ich hatte das Gefühl durch einen tiefen Canyon zu laufen und durch einen Bergsturz verschüttet worden zu sein. Ich verstehe dieses Bild so: Ich bin auf die Welt gekommen und wollte ins Leben. Doch unmittelbar nach der Geburt wurde ich durch meine Eltern emotional zugeschüttet. Mein bisheriges Leben bestand aus der Bemühung, mich aus dieser Geröllhalde zu befreien und an die frische Luft zu kommen. Der Abschluss dieses Buchs ist für mich der Beweis, dass ich es geschafft habe.

Ein verschüttetes Leben also?

Ich habe schon gesehen, wie es draussen ist. Und ich wollte auch immer raus. Es ist mir bewusst, dass ich einen langen Atem gebraucht habe, bis mir die Befreiung gelungen ist. So brutal es tönt: Manchmal geht das erst, wenn die Eltern tot sind. Alle meine Bemühungen wurden von meinen Eltern bis spät diskreditiert. Als ich Psychotherapeut geworden bin, fand mein Vater das völlig daneben. Dieser Beruf sei doch nichts wert. Nicht einmal fragte er, obs mir gefällt und was ich genau tue. Meine Mutter kritisierte und disqualifizierte mich im selben zunehmenden Ausmass, wie ich meinen eigenen Weg gegangen bin. Jeder Mensch hat den Drang, aus sich selbst heraus etwas zu machen. Er will sein Potenzial entwickeln. Auf welche Art auch immer. Solche Autonomiebemühungen können den Eltern – und generell allen Mächtigen – auch Angst machen. Das hat meine Mutter ja in ihren Büchern beschrieben. Tragisch ist, dass sie beim eigenen Kind dies nicht sah oder nicht sehen wollte. Jede meiner Autonomiebestrebungen wurde von meinen Eltern als Angriff wahrgenommen.

Waren Sie so etwas wie die Fallstudie Ihrer Mutter?

Eigentlich nein. Die Ambivalenz ist aber, dass mir ihre Theorie das Leben gerettet hat. Ich habe von meiner Mutter die Anleitung erhalten, um mich aus der Geröllhalde befreien zu können. Gleichzeitig musste ich erfahren, dass dies für alle gilt, nur nicht für mich. Das war der Grundkonflikt. Dass ich das Buch geschrieben habe, zeigt mir: Ich habe diese Auseinandersetzung gewonnen.

Dafür mussten Sie 63 Jahre alt werden.

Ja. Aber viel wichtiger: Ich habe den Beweis erbracht, dass die Theorie meiner Mutter, wonach Kinder aus Not die Erwartungen der Eltern auch dann noch erfüllen, wenn sie ihr Selbst verleugnen müssen, stimmt. Sie hat es nicht ertragen, dass ich dies in unserer Familie erkannt habe, und versuchte, dagegen anzukämpfen.

Hat Ihre Mutter denn Ihren Kampf wenigstens als Wissenschafterin zur Kenntnis genommen und analysiert?

Nein. Sie hat alles, was ich tat, abgelehnt.

Warum haben Sie den gleichen Beruf ergriffen? Sie hätten sich doch wenigstens in diesem Bereich völlig anders orientieren können.

Ich wurde Primarlehrer, weil sich meine Eltern weigerten, mir ein Studium zu finanzieren. Als meine Mutter 1979 mit ihrem ersten Buch «Das Drama des begabten Kindes» erfolgreich war, sagte sie zu mir, ich wäre ein sehr begabter Therapeut. Sie kenne niemanden, der so gut zuhören könne. Das war für mich sehr schmeichelhaft. Ich habe aber in meiner Naivität den Haken daran nicht erkannt: Sie brauchte eine Bezugsperson für ihre Arbeit. Es ging ihr nicht um mich, sondern um sich selbst. Ich hätte keine eigene Karriere haben dürfen. Sie wollte mich für sich, als Angestellten der Psychofirma Alice Miller. Ich habe mich instinktiv verweigert – und musste dann eine jahrzehntelange Verfolgung erdulden. Es war erschreckend zu erkennen, dass selbst ein Holocaust-Opfer menschenfeindliche Verhaltensweisen anwendet, wenn es Spitz auf Knopf geht.

Ist das nicht ein wenig weit hergeholt?

Meine Mutter musste sich vor den Nazis verstecken. Sie musste sich seelisch umbringen, indem sie ihre Identität aufgab. Von diesem Trauma hat sie sich nie erholt. Man weiss heute, dass die Tätererfahrung auch von den Opfern verinnerlicht wird. Ich habe gemerkt, wie ihre Bewunderung für meine Wertschätzung und mein Einfühlungsvermögen in Hass gegen mich umgeschlagen ist, als ich diese Eigenschaften als Therapeut auch anderen Menschen zur Verfügung gestellt habe. Sie hat im Krieg Verfolgung erlebt. Real. Ihr Verhalten mir gegenüber konnte ich mir nur so erklären. Sie hat mich verfolgt, was zu furchtbaren Konflikten geführt hat. Ich wurde zum Feind.

Sie haben die Erwartungen nicht erfüllt.

Nein. Es war mehr. Es geht um die kindlichen Wünsche meiner Mutter nach Geborgenheit. Ihr Trauma führte zu einer narzisstischen Störung. Das ist der tiefere Grund. Anders als ein Kind kann ein Erwachsener auf eine solche Verletzung oder Enttäuschung sehr brutal reagieren. Dies zeigt, wie richtig meine Mutter und auch die moderne Entwicklungspsychologie liegen. Der Schlüssel für ein normales Leben ist die frühkindliche Erfahrung von Zuneigung und Geborgenheit.

Sie haben zwei Alice Miller gekannt; die Mutter und die Wissenschafterin. Im Zuge Ihrer Recherchen für das Buch entdeckten Sie eine dritte Alice Miller.

Es gibt nicht drei Alice Miller. Das sind Facetten ein- und derselben Person. Meine Mutter hat diese Welten abgespalten. Ihre Leben von vor dem Krieg musste sie umbringen, um überleben zu können. Ihren Namen, ihr Jüdischsein, alles musste sie hinter sich lassen. Aber sie hat ihre durch die Nazis zerstörte Kinder- und Jugendwelt wenigstens symbolisch immer wieder hergestellt. Ich wusste zum Beispiel lange nicht, warum meine Eltern unbedingt Dienstpersonal haben mussten. Sie hatten ja praktisch kein Geld. Und warum hat man in Rapperswil sofort den Kontakt zur Provinz-High-Society gesucht, ist in Zürich umgehendst der Psychoanalytischen Gesellschaft beigetreten und hat überhaupt grossen Wert auf ein gesellschaftliches Leben gelegt? Weil meine Mutter in einem grossbürgerlichen Haushalt aufgewachsen ist.

Die Alice Miller aus ihrer Kindheit hat sie aber begraben gelassen.

Erst nach der Scheidung hat sie sich wieder dem Judentum angenähert. Sie nahm Kontakt zu ihrer Familie auf, reiste nach Israel. Ich aber wurde davon immer ausgeschlossen. Mir wurde kein Polnisch gelehrt, ich bekam vom Judentum nichts mit. Ich wurde zum Kunstschweizer gemacht. Erst im Zuge meiner Recherchen fand ich einen Zugang, allerdings fehlt mir der emotionale Bezug. Ich würde mir wünschen, dass eine jüdische Gemeinschaft Menschen wie mich aktiv aufnehmen würde, anstatt abzulehnen.

Ihr Vater war kein Jude. Gab das nie Probleme?

Nicht wegen des Judentums. Aber meine Mutter erklärte mir mal, dass der Vater gleich heisse wie ein polnischer Gestapo-Offizier, der meine Mutter erpresste. Stellen Sie sich das einmal vor: Der Krieg ging in dieser Ehe nie zu Ende.

Sie wurden nicht nur von der Mutter drangsaliert, sondern auch vom Vater geschlagen. Was war er für ein Typ?

Er war ein sehr unsicherer junger Mensch, wie er selbst zugegeben hat. Er lernte Alice Miller an der Uni in Polen kennen und wollte sie unbedingt. Er hat sich dabei wie ein Stalker verhalten. Sie war der Star, ihm intellektuell weit überlegen und lebenstauglicher. Darunter litt er. Und ich war dann später sein Opfer.

Bei der Verarbeitung solcher Lebensgeschichten gibt es die drei Phasen Anklage, Versöhnung, Verzeihung. In welcher stecken Sie?

In keiner. Zu Beginn war mein Buch als Anklageschrift konzipiert. Dann habe ich eine TV-Sendung gesehen, in der die zwei Söhne von alt Bundeskanzler Helmut Kohl auftraten, die in einem Buch mit ihrem Vater abrechnen. Mir wurde klar: Die haben ihre Geschichte überhaupt nicht verdaut. Sie argumentierten aus einer kindlichen, verletzten Position heraus. Da wusste ich: Das mache ich nicht. Ich will eine erwachsene Position einnehmen. Ich will nicht unterschwellig die Leser bitten, mich gegen die bösen Eltern in Schutz zu nehmen. Ich will sachlich und einordnend schildern, was der Knabe Martin Miller erlebt hat. Emotional bin ich immer noch der Betroffene, doch ich ermögliche den Lesern einen eigenen Zugang.

Ihre Mutter müsste sehr stolz sein auf Ihr Buch.

Theoretisch müsste Sie mir dankbar sein, dass dank meinem Buch ihre Theorie noch heute von praktischer Relevanz ist. Allerdings bin ich sicher, dass sie keine Freude hat. So stark verändert sie sich auch im Himmel nicht.

Das Buch ist da. Was nun?

Ich habe mir nun eine Plattform geschaffen, die mir den Kontakt mit der Öffentlichkeit ermöglicht. Dank meinem Auftauchen aus dem verschütteten Canyon habe ich die Möglichkeit, mich zu artikulieren und mein Wissen weiterzugeben. Das will ich nutzen.

Eigentlich hat Ihre Mutter ihr Ziel erreicht: Sie führen das Familienunternehmen weiter.

Auf diesen Gedanken wäre ich nicht gekommen. Aber es stimmt, ich habe meine Mutter abgelöst.

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