Der Theaternachwuchs kann im Aargau nur schwer Wurzeln schlagen. Hochschulausbildungen gibt es hier keine, und auch Stadttheater mit festen Ensembles muss man ausserhalb der Kantonsgrenzen suchen. Die Jungen gehen weg. Für Peter-Jakob Kelting, Leiter des Tuchlaube-Theaters in Aarau, ein Problem. Sollte 2019 in der Alten Reithalle tatsächlich die Aargauer Mehrspartenbühne Oxer eröffnet werden, braucht es Künstler, die sie bespielen.

Um Bühnennachwuchs kümmert sich deshalb jetzt «First Steps»: Jedes Jahr erhalten zwei junge Theatergruppen mit Aargauer Wurzeln die Gelegenheit, während einer zweiwöchigen Residenz ihre Ideen auszuprobieren. Die Tuchlaube stellt bei der Weiterentwicklung des Projekts technisches Equipment zur Verfügung, berät dramaturgisch und kümmert sich um die Organisation. Am Schluss steht eine von der Tuchlaube koproduzierte Arbeit. 50 000 Franken fliessen pro Jahr für «First Steps» aus dem Etat der Tuchlaube, den das Aargauer Kuratorium zu diesem Zweck aufgestockt hat.

Produktive Vernetzung

Eine Ausschreibung mit Wettbewerb gab es nicht. Der Tuchlaube-Leiter wählte die ersten Teilnehmer selber aus und setzt auf produktive Vernetzung. So brachte er das Frauenkollektiv «Frühstück aus der Szene» (Frads) mit der Autorin Daniela Janjic zusammen. In den letzten zwei Wochen haben Frads während der Residenzphase im Forum Schlossplatz Aarau den Brauch «Wurzelzeit» erfunden. «Wir wollen herausfinden, wie Traditionen funktionieren», umschreibt das Aarauer Frads-Mitglied Ruth Huber das gemeinsame Vorhaben.

Die insgesamt vier Gruppen haben für ihre Projekte intensiv im Aargau recherchiert. Auch die Gruppe Gee Gee Express, der das Aarauer Szenart-Mitglied Jonas Egloff angehört. In ihrem Stück «Save the World» erfährt die Realität digitaler Datenmassen eine radikale Zuspitzung. Die Annahme: Die Welt findet Platz auf einer Festplatte – und kann jederzeit rebootet werden. Von welchen Teilen Aaraus sollte man eine Sicherheitskopie machen? Das Stück gibt Antworten bei der Eröffnung der Tuchlaube-Herbstsaison 2014 zum Thema «Zukünfte».

Die in den Niederlanden ausgebildete Choreografin und Performerin Cornelia Hanselmann aus Staufen wollte im März von Aargauer Kindergartenkindern wissen, was für sie Einsamkeit bedeutet. Ihr Kindertanztheater «Der einsame Kopf» konfrontiert die jungen Menschen in einer comicartigen Bildsprache mit ihren eigenen Fantasiewelten.

Auch die Kooperation zwischen der Kölliker Figurenspielerin Tine Beutel, dem Musiker Marco Käppeli und der in London arbeitenden Tänzerin Irène Wernli kam in Aarau zustande. In «La peur qui danse» fühlen die drei der Angst auf den Puls. «Sie hat uns ein wenig verängstigt, die Angst», sagt Irène Wernli über das riesige Feld der Phobien, das die Gruppe in der Residenz im Februar erst einmal einkreisen musste.

Auch wenn die Arbeit im Aargau reizvoll ist. Alle vier Gruppen hoffen, nach der Uraufführung in Aarau mit ihren Produktionen auch schweizweit aufzutreten. Die Tuchlaube wird sie dabei unterstützen.

Öffentliche Probe von «Wurzelzeit» der Gruppe Frads: So, 29. September, 14.15 Uhr im Forum Schlossplatz in Aarau. Uraufführung: 12. Februar 2014 im Theater Tuchlaube. www.tuchlaube.ch