Slash

Slash: Gitarrenheld auf Soloflug

Früher ist Slash auf unzähligen Alben anderer Künstler als Gast aufgetreten. Jetzt dreht er den Spiess um und präsentiert das Soloalbum «Slash».

Hanspeter Künzler

Ruhm hat er wahrlich nicht mehr nötig, dieser Slash. An der Seite von Axl Rose verkaufte er mit GunsN'Roses mehr als einhundert Millionen Alben und prägte den Stil einer endlosen Schlange von Nachahmern. In den letzten paar Jahren hat er auch mit Velvet Revolver (zu den Mitgliedern gehörten die alten Guns-N'-Roses-Kollegen Duff McKagan und Matt Sorum) wieder mächtig und kassenfreundlich gerockt. Die ehrenwerte amerikanische Zeitschrift «Time» hat ihn hinter Hendrix zum zweitbesten Gitarristen aller Zeiten ernannt.

Löwenmähne, Zaubererhut und Sonnenbrille sind zu einem ikonenhaften Bild geworden, das jeder Freund des harten Rock sogleich erkennt. Selbst Musikfans, die spektakulären Gitarren-Soli und Lautsprechern, die auf Lautstärke elf eingestellt sind, keine Freude abgewinnen können, müssen Slash Bewunderung zollen: Kaum ein Artgenosse hat das klassische Sex-&-Drugs-&-Rock-'n'-Roll-Leben mit grösserem Gusto genossen als er und es dabei mit gesundem Verstand, unverminderter Spielfreude und vor allem unversehrten Fähigkeiten zum reifen Alter von 44 Jahren gebracht.

Kaum weniger bemerkenswert ist die Tatsache, dass er nie der Versuchung nachgegeben hat, sich das klassische Status-Symbol der virtuoseren Vertreter seiner Zunft zuzulegen - ein Soloalbum. Bis jetzt. «Slash» heisst dieses, ganz wie sein Schöpfer. Das Cover ziert ein grinsender Totenkopf - mit Sonnenbrille und Slash-Hut.

Warum hält der Meister gerade den jetzigen Moment für den richtigen, zum Soloflug anzusetzen? Es ist die erste Frage ins Telefon, an dessen anderem Leitungsende sich Los Angeles und der Gitarrist persönlich befinden. «Ich habe mir nie überlegt, ob es der rechte Moment sei», tönt es zurück. «Es war einfach vom Gefühl her der Zeitpunkt gekommen, in dem ich ein Projekt durchführen musste, bei dem ganz allein ich das Sagen hatte. Achtundzwanzig Jahre als Mitglied von Bands - das ist eine Menge Bandmeetings und Kompromisse.»

Nicht erst jetzt war in seinem Musikerkopf eine andere Idee herangereift: eines Tages, so hatte er sich vorgenommen, würde er ein Album aufnehmen, auf dem nicht er der Gast war, sondern alle anderen. Dieser Moment war nun gekommen. Velvet Revolver hatten sich mit dem unberechenbaren Sänger Scott Weiland zerstritten, da nahm sich Slash eine Auszeit und fing an, auf eigene Faust Lieder zu schreiben. Zuerst sei immer das Lied gekommen, berichtet er. Erst nachher habe er sich überlegt, welche Stimme am besten dazu passe.

«Am Anfang waren es die Stimmen von Freunden. Als sie zu meiner Überraschung alle positiv reagierten, ging ich auch Sänger an, die ich noch nicht persönlich kannte.» Die Liste reicht nun von Chris Cornell über Iggy Pop und Ozzy Osbourne bis Ian Astbury, Adam Levine - und Black Eyed Pea Fergie. Mit Lemmy schliesst sich für Slash ein Bogen: Er verdiente sich seine ersten musikalischen Sporen bei einer Motörhead-Cover-Band ab. «Ich habe in diesem Jahr sehr viel gelernt über mich selber», sagt Slash. «Vor allem erkannte ich, wozu ich auf organisatorischer Ebene fähig bin, wenn ich nicht als Fünftel einer demokratischen Einheit operieren muss.»

Dabei war das Soloalbum bei weitem nicht seine einzige Beschäftigung. Bereits hat er mit Sänger Myles Kennedy eine neue Band zusammengestellt. Die Suche nach einem Weiland-Ersatz für Velvet Revolver gehe «im Stillen» auch weiter. Dazu beteiligt er sich weiterhin laufend bei Studio-Sessions - ein praktischer Einsatz sei besser als alles Üben. Zu guter Letzt hat er den Soundtrack für den Studiofilm «This Is Not a Movie» des mexikanischen Jungregisseurs Olallo Rubio fertiggestellt. «Im Herzen bin ich ein Hard-Rock-Typ, aber im Grunde bin ich sehr offen», sagt Slash. «Wer den Film sieht, hört einen Slash, wie er ihn noch nie gehört hat.»
Das erste Solowerk von Slash ist ein bemerkenswert vielseitiges und vergnügliches Album. Es ist ihm anzuspüren, dass am Anfang weder Eitelkeit noch vertragliche Verpflichtungen standen, sondern einzig und allein persönliches Bedürfnis.

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