«Der ruhige Amerikaner»

Sinnbild der US-Aussenpolitik – warum dieses Buch Roger Köppel geprägt hat

SVP-Nationalrat Roger Köppel (53).HO

SVP-Nationalrat Roger Köppel (53).HO

Politiker-Serie 7/20 – Ein Buch, das mich geprägt hat. Heute: Roger Köppel. Der SVP-Nationalrat stellt «The Quiet American» vor.

Eigentlich lese ich kaum Romane, eher Sachbücher. Brillante Romane aber hinterlassen deutlichere Spuren. Ein Buch, das bei mir eingeschlagen hat, war «Der menschliche Makel» des kürzlich verstorbenen US-Schriftstellers Philip Roth. Ich las es erstmals vor über 15 Jahren, doch die Botschaft blieb: Roth sezierte als einer der Ersten auf diesem Niveau den Wahnsinn der politischen Korrektheit, diese als Anstand getarnte Heuchelei von Leuten, die sich über andere stellen wollen, indem sie sie moralisch herabsetzen, anschwärzen. Genial.

Ganz anders, aber ebenso aufwühlend war der Roman «Der stille Amerikaner» von Graham Greene, den ich im letzten Sommer verschlang: Das Buch von 1955, die Ereignisse, die den Rahmen bilden, sind längst vorbei, doch ich glaube, es sind nicht viel bessere Bücher geschrieben worden, die uns erklären, wie die Amerikaner sind und wie sie funktionieren.

Natürlich, solche Pauschalaussagen sind verboten, «die Amerikaner» gibt es nicht, aber es gibt sie eben doch, eine Art Wesenskern, eine Kollektivpersönlichkeit, an der sich alle irgendwie orientieren, die in vielen drinsteckt. Das schält Greene heraus in einer Geschichte, die in der vietnamesischen Metropole Saigon handelt. Vietnam war damals eine Hauptkampfzone der Supermächte. Noch waren die Franzosen als Kolonialherren da, aber in den letzten Zügen. Von den Kommunisten unterstützt wurden die Nordvietnamesen unter Ho Chi Minh. Dagegen rückten die ersten Amerikaner an, als Befreier, wie sie sich sahen, als Wohltäter, blütenrein und ganz anders als die Franzosen, die man als Kolonialisten verabscheute, denen sich die Amerikaner moralisch überlegen wähnten.

Subtile Lebenslügen

In diesem Klima schwüler politischer Exotik, an den Rändern brennt es bereits, treffen die beiden Hauptfiguren aufeinander. Der eine ist Pyle, US-Sonnyboy mit Pfadfinderlächeln, Charmebolzen, College-Idealist und CIA-Agent. Der andere ist der Ich-Erzähler Fowler, Brite, alternd, ein Zyniker mit wundem Herz, Amerikahasser, Zeitungskorrespondent. Er verachtet das pausbäckige Moralgetue der Amerikaner, das er für aufgesetzt und für verlogen hält.

Pyle steht für die Übernahme Vietnams durch die Amerikaner. Fowler verkörpert das abfaulende Europa, die sich zurückziehenden, verdrängten, abservierten, alten, schwach, morsch und mürbe gewordenen Kolonialmächte. Die Inbesitznahme des Landes durch die USA vollzieht sich umfassend, nicht nur politisch. Sie wird in diesem Roman auch erotisch-sexuell vollstreckt. Pyle spannt Fowler dessen wunderschöne vietnamesische Freundin aus. Wie er das tut, liefert für Greene ein Psychogramm der neuen Supermacht.

Pyle zieht den Akt des Ausspannens nicht als feindselige Handlung gegen Fowler durch, sondern in aller Liebenswürdigkeit und Offenheit, mit einem gesprächstherapeutischen Einfühlungsvermögen, das den Gehörnten schonungsvoll behandelt haben will. Pyle tut so, als ob er Rücksicht nehmen würde, verhält sich überaus zuvorkommend. Pyle will ihm die Entwendung seiner Frau als zwingende Handlung im allseitigen Interesse verkaufen. Dadurch erschwert er es Fowler, Aggressionen zu entwickeln, seinen Nebenbuhler zu hassen. Was den Verlassenen nur um so hasserfüllter macht.

Unschwer erkennt man hinter diesen Schilderungen Greenes eine Art Sinnbild der amerikanischen Aussenpolitik. Selbst wenn sie dich über den Tisch ziehen, wenn sie dir wegnehmen, was du liebst, wenn sie dein Land, deine Frauen erobern, wollen die Amerikaner die «good guys» sein, die Guten, die doch nur in deinem Interesse handeln, auch wenn sie dich dabei vergewaltigen und bestehlen. Die Amerikaner wollen nicht nur für Heldentaten geliebt werden, sondern auch dann, wenn sie sich wie Dreckskerle benehmen.

Das alles wäre unerträglich zu lesen, wenn Greene diese wehleidige Verlierersicht des Briten nicht mit bitterer Ironie und zynischer Distanz aufgeschrieben hätte. Es ist nicht nur so, dass dieser Pyle ein Ekel wäre und Fowler der Held. Das Buch deckt die Selbsttäuschungen und subtilen Lebenslügen auf allen Seiten auf. Am Schluss gibt es eine Art Happy End, das doch keines ist. Es verdichtet politische Konstellationen, Machtverhältnisse in einer menschlich-allzumenschlichen Geschichte. Wunderbar, spannend und kristallklar.

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