Melinda Nadj Abonji. Der sanfte, melodiöse Name passt gut zu dieser zarten, nachdenklichen Frau. Man kennt ihren Namen, seit die 45-jährige Zürcherin mit ungarisch-serbischen Wurzeln 2010 den Deutschen und den Schweizer Buchpreis für ihren Roman «Tauben fliegen auf» gewonnen hat. So kam auch das Theater Basel vor etwa einem Jahr darauf, die Prosaistin zu fragen, ob sie die Rolle der Hausautorin für die laufende Saison übernehmen wolle.

Abonji sagte Ja, obwohl sie Zweifel hatte: «Ich war immer sehr skeptisch gegenüber dem Theater», sagt sie, «ich habe den Eindruck, dass Theater und Literatur sich heute fast ausschliessen.» Wenn sie sich eine zeitgenössische Inszenierung anschaue, sei «alles andere viel wichtiger als die Sprache». Die Beschäftigung mit dem Text, mit den Stimmen werde an den Rand gedrängt als Folge des «ständigen, krampfhaften Versuchs, den einfachen Bühnenbrettern alle möglichen Medien, das heisst Bilder, unterzujubeln». Ausserdem würden starke Eingriffe in die Vorlage im sogenannten Regietheater fast zelebriert. «Ich bin dagegen der Meinung, dass ein guter Text in sich schon eine schlüssige Dramaturgie haben muss.»

Für sie ist der Versuch gescheitert

Ihre Skepsis habe sie von Anfang an offen formuliert. Die Theaterleitung war trotzdem an dieser Zusammenarbeit interessiert. Und auch Melinda Nadj Abonji fand es «reizvoll, diesen Versuch zu wagen». «Ich hatte Lust, meine bequeme, kritische Distanz aufzugeben und in eine Richtung zu gehen, in der alles Unerwartete passieren kann.»

Nun, ein Jahr danach und wenige Tage nach der Uraufführung ihres Textes «Schildkrötensoldat» am Theater Basel spricht sie von «einem Scheitern». Die Umsetzung des Stückes habe mit dem ursprünglichen Text nicht viel zu tun. Spätestens von dem Moment an, da der Regisseur Patrick Gusset aus ihrem Monolog eine veränderte Bühnenfassung mit Dialogen fertigte, seien ihre und seine Vorstellungen auseinandergegangen. «Ich kann seine Arbeit trotzdem respektieren», betont sie, es gebe darin auch Gelungenes, Schönes.

Melinda Nadj Abonji beschreibt in einem bilderreichen Monolog die Innenwelt eines jungen Mannes, der von seiner Umwelt hergerichtet wird. Die Eltern respektieren sein sanftes Wesen nicht, es widerspricht ihren Vorstellungen von Männlichkeit. Im Militär wird er von Vorgesetzten zu Handlungen gezwungen, die am Ende zum Tod eines Kumpanen führen – als Grundlage dient hier eine echte Begebenheit im Schweizer Militär.

Idee eines Puppentheaters

Ein Puppentheater hätte die Autorin sich vorstellen können oder einen Schauspieler, der mehr und mehr zur Puppe wird. «Es hätte mich interessiert, wie man das im Text angelegte Paradoxon – eine verstummte Figur erzählt – auf die Bühne bringen kann.

Regisseur Patrick Gusset dagegen hat sich dafür entschieden, den Text als Geschichte mit einer Handlung, starken Bildern und mehreren Personen zu inszenieren. «Ich wollte eine neue Wahrnehmungsebene eröffnen», sagt er. «90 Minuten reiner Text im Theater trägt schwer.» Dieses Werk sei für das ganze Team «eine grosse Herausforderung» gewesen, sagt Gusset. Er schliesst aus seiner ersten Erfahrung mit einer Hausautorin: «Wenn ein Autor oder eine Autorin ganz konkrete Vorstellungen haben, müssen sie ihren Text selbst inszenieren.» Diese Praxis ist in der Schweiz selten, in anderen Kulturen, etwa in Argentinien, jedoch geläufig.

Melinda Nadj Abonji interessiert «die Magie am Theater», nicht so sehr «der Einfallsreichtum eines Regisseurs». «Das magische Moment, das aus dem Innersten des Menschen kommt.» Doch im zeitgenössischen Theater sehe sie kaum jemanden auf der Bühne, der sie so tief berühre, dass sie denke: «Das vergesse ich nie mehr.» «Was heute im Theater verlorengeht, ist die Kraft des Menschen.»

Die Autorin wünschte sich mehr Wissen und Behutsamkeit mit dem Text. «Dieser ist für mich ein lebendiges, sehr körperliches Wesen.» Ein nächstes Mal würde sie «vertraglich klar festlegen, wie sie sich den Umgang mit dem eigenen Text wünscht».

Den Kern für das Stück «Schildkrötensoldat» hatte sie bereits geschrieben, als die Arbeit am Theater anfing. «Denn ich brauche viel Zeit für einen Text, ich kann keine Schnellschüsse liefern.» Dann habe sie aber noch einmal «wie eine Verrückte» daran gearbeitet. Als es im Februar allmählich an die konkrete Umsetzung ging, sei sie trotzdem überrumpelt worden vom rasanten Tempo. «Die Zeitlichkeit eines Betriebes, wie es das Stadttheater ist, hat mit der Zeitlichkeit einer Schriftstellerin nichts zu tun. Wenn der Regisseur und ich länger hätten zusammenarbeiten können, wäre es wohl nicht zu dieser Entfremdung gekommen.»

Gusset und Abonji haben sich nicht freiwillig zusammengetan, sondern wurden von der künstlerischen Leitung des Theaters zusammengebracht. Ein Regisseur, der bekannt ist für kraftvolle, dynamische Inszenierungen mit Jugendlichen ist auf eine behutsame Autorin getroffen, die «auf der Suche nach einem reduzierten Theater» ist, «in dem Äusserlichkeiten keine Rolle spielen». Zwei interessante Positionen, aber eine schwierige Ausgangslage. Gusset verteidigt jedoch das Konzept des Hausautors: «Es kann sehr fruchtbar sein, wenn sich ein Autor einige Monate mit einem Ort und einem Haus auseinandersetzt.» Frühere Hausautoren wie Gabriel Vetter und Beatrice Fleischlin hätten diese Möglichkeit viel intensiver genutzt. Ab Mitte 2015 wird mit Andreas Beck ein Spezialist für zeitgenössische Dramatik Theaterdirektor in Basel. Er wird sich des Zusammenspiels von lebenden Autoren und Theater intensiver annehmen. Und, wer weiss, die beiden Pole vielleicht einander näherbringen.