«Kein anderes Bild im Kunstmuseum Basel habe ich so oft vertraut und gleichzeitig forschend angeschaut. Zum ersten Mal gesehen habe ich es während meiner Ausbildung zur Zeichenlehrerin. Es hat mich als eines der ganz wenigen Bilder von Malerinnen im Museum fasziniert. Die Abschluss-Prüfung in Kunstgeschichte fand auch im Museum statt und alle bekamen ein Bild zugeteilt, um darüber zu referieren. Mein Dozent Werner Jehle hat glücklicherweise für mich dieses Bild von Paula Modersohn-Becker ausgewählt.

Ein Jahr vor ihrem frühen Tod hat Paula Modersohn-Becker das Bild gemalt. Sich als Malerin 1906 als Halbakt darzustellen, brauchte Mut. Sich in dieser unbeschönigenden Art zu malen, ist provokativ. Sie zeigt uns den Blick der Malerin, sie orientiert sich nicht an gängigen ästhetischen Vorbildern. Sie zeigt sich uns naturverbunden mit Pflanzen und Schmetterlingen.

Ihre Lippen sind rot, der Kopf ist leicht geneigt, ihre Augen schauen uns offen und direkt an. Sie wirkt zugleich selbstsicher und zurückhaltend. Auch das Licht und die Farben wirken auf den ersten Blick zurückhaltend, aber ein inneres Glühen dringt durch die Farbe hindurch. Es entsteht der Eindruck von grossem innerem Reichtum, von Leiblichkeit im Körper und Gedankenfülle im Kopf, der etwas blauer und rosafarbener gemalt ist als der Körper.

Als Ganzes erscheint das Bild etwas distanziert. Hält Paula Modersohn-Becker durch die ocker-grünliche Bernsteinkette etwas in sich gefangen? Darf das innere Glühen ganz sichtbar werden, kann sie als Malerin, die immer wieder ihren Mann verlässt, um in Paris zu leben und zu malen, sich selbst so entfalten, wie sie es gerne möchte?

Paula Modersohn-Becker ist revolutionär ihren eigenen Weg als Malerin gegangen. ‹Es ist gut, sich aus Verhältnissen zu lösen, die einem die Luft nehmen›, sagte sie 1901. Das Bild ‹Selbstbildnis als Halbakt mit Bernsteinkette II› zeigt uns eine Frau ohne Mode, ohne Korsett, ohne starken Mann an ihrer Seite. Es zeigt uns eine moderne Frau, lächelnd, neugierig, kritisch, selbstständig denkend, mit zurückhaltender Erotik unter der oberflächlich gesehen ‹unschönen› Darstellung.

Durch die Reduktion aufs Wesentliche und die übersteigerte Farbgebung hat Paula Modersohn-Becker mit ihrem mutigen Selbstbildnis als Halbakt die innere Schönheit der Menschen hervorgebracht.»