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Sieben Höhepunkte des Literaturfestivals

Am Literaturfestival lassen sich die Veranstalter einiges einfallen...

Am Literaturfestival lassen sich die Veranstalter einiges einfallen...

Das Basler Literaturfestival findet vom 11. bis 13. November statt. Besucher haben die Wahl zwischen über 100 Veranstaltungen an rund 30 Spielorten. Wir stellen sieben Highlights vor.

Nicht nur die Lebewesen auf diesem Planeten machen eine Evolution durch. Auch die Lesungen. Unter dem Titel «Evolution im Wasserglas» stellt das internationale Literaturfestival «Buch Basel» vier der fittesten Formen vor, die das Überleben der Gattung sichern sollten.

Selbst Lyrik, neu für ein junges Publikum frisch gemacht, ziehe «dreistellige Besucherzahlen an», sagte Mariann Bühler, die Kuratorin dieses Programmteils, am Mittwoch an der Pressekonferenz.

Sogar ohne diese revolutionäre Reihe: Das hiesige Literaturfestival experimentiert schon seit Jahren mit Orten und Formen. Wo wurde nicht schon überall gelesen: von der Fähre bis zum Veloladen. Was wurde nicht schon alles probiert. Und wird immer noch.

Getragen werden die verschiedensten Literaturanlässe von lokalen und internationalen Schriftstellergrössen, auch von Musikern, sogar von ein paar Kabarettisten und Philosophen.

Bald ist es wieder soweit: Vom 11. bis 13. November finden über 100 Veranstaltungen an rund 30 Spielorten statt. Das gesamte Programm finden Sie hier.

Was das Wasserglas sprengt

Wie wirkt ein Text, wenn wir nicht einmal an einer Lesung sehen und hören, wer ihn geschrieben hat? Bei der Reihe «books without covers» lesen grundsätzlich Schauspieler Texte. Die eigentliche Verfasserin oder der Verfasser sitzt unter dem Publikum – und gibt sich erst am Ende zu erkennen. Diese Reihe hat viel Erfolg in Berlin. Zum ersten Mal wird sie nun auch in Basel ausprobiert – als eine von drei besonders erfolgreichen neuen Formaten.
Via www.lesereihen.org tauschen Organisatoren sich international über ihre Reihen aus. Daraus fürs Festival ausgewählt wurden zudem «Dilettanten und Genies» – etablierte und Nachwuchs-Autoren kommen zusammen. Sowie «meine drei lyrischen ichs» – Lyrik kombiniert mit Kunst . In Basel werden am 12. November die Lyriker Felix Schiller, Patrick Savolainen und Simone Lappert in einem von der Künstlerin Anuk Miladinović gestalteten Raum im Ausstellungsraum Klingental auftreten.

Orient trifft Okzident

Wer über die Fiktion etwas über die kulturelle Essenz des Orients lernen möchte, der lese Mathias Énards Roman «Kompass». Es scheint fast so, als habe der Autor möglichst viel von seinem Wissen über die Literatur, die Geschichte, die Musik, die Drogen, ja das Wesen des Orients in eine Rahmenhandlung von Liebe und Tod gepresst. Damaskus, Aleppo, Palmyra: Der Autor, oder zumindest seine Figur, waren da, wo heute kaum einer mehr hinkann. 2015 bekam der französische Autor dafür den Prix Goncourt, den wichtigsten Literaturpreis seines Landes. Am 12. November ist Mathias Énard im Volkshaus anwesend, wenn Schauspieler Thomas Sarbacher aus seinem Roman liest und Moderator Peter Burri ihn dazu befragt.

Für die Liebe

Sie gehört derzeit zu den gefragtesten Frauen unserer Zeit: Carolin Emcke – Kriegsreporterin, Publizistin, Friedenspreisträgerin. «Gegen den Hass» heisst ihr neuer Essay. Das ist es, wogegen sie seit Jahren schreibend ankämpft: gegen Hass, Vorurteile, Fanatismus und Populismus. Man würde sie gerne seitenlang zitieren. Denn wer aktuell die klügsten Argumente gegen all das Böse und für die Möglichkeit der Veränderung zum Guten sucht, wird bei ihr fündig. «Menschenrechte sind kein Nullsummenspiel. Niemand verliert sein Rechte, wenn sie allen zugesichert werden», sagt sie. Oder: «Seit wann ist es denn eine Qualität, einen Exhibitionismus der Kaltherzigkeit zu praktizieren.» Oder, ermutigend: «Wir können die Verkrustungen wieder aufbrechen, die Strukturen, die uns beengen (...) und miteinander suchen nach neuen, anderen Formen.»

Emcke geht es spürbar nicht um sich selber – es geht ihr um die Sache. Und sie hat sich die Legitimität, die moralische Integrität, über all diese Zeitfragen zu sprechen, hart verdient: Auf ihren Recherchereisen in Kriegsgebieten setzte sie jahrelang immer wieder ihr Leben aufs Spiel. Das Literaturfestival Basel hat es geschafft, sie am Freitag, 11. November, für einen Abend zu bekommen.

Was ist Heimat?

In unserer globalisierten Welt ist nicht mehr so klar, was Heimat ist. Für Rechtspopulisten eine Art Kampfbegriff, der verteidigt werden muss. Für Humanisten etwas, das viele Flüchtlinge durch Krieg oder andere grosse Not verlieren. Heimat ist verhandelbar, kann man vielleicht sagen. Am Literaturfestival wird Heimat vielfach verhandelt: Das Thema ist ein ergiebiger Schwerpunkt der diesjährigen Ausgabe.

So haben sich bereits im Vorfeld Schülerinnen und Schüler von vier Gymnasialklassen mit ihrer Herkunft beschäftigt – recherchierend, schreibend. Zur Seite standen ihnen fünf Autorinnen und Autoren. An den Tagen kurz vor dem Festival werden die Resultate präsentiert und diskutiert. Am Festival selber werden Autoren verschiedenster Herkunft vom Zurücklassen von Heimat und dem Ankommen in eine neue erzählen. Hinzu kommen Diskussionen mit Philosophen, Kabarettisten (Gabriel Vetter und Harald Schmidt) sowie zum Auftakt eine mit Bundesrätin Simonetta Sommaruga, als Justizministerin hauptverantwortlich für die schweizerische Asyl- und Flüchtlingspolitik. Sie wird am 11. November um 20 Uhr mit Zeit-Redaktor Matthias Daum über den Zustand der Schweizer Demokratie in Zeiten der Masseneinwanderungsinitiative reden.

Schweizer Buchpreis

Am 13. 11. um 11 beginnt der öffentliche und eintrittsfreie Festakt im Foyer des Theaters Basel, bis um 12 dürfte bekannt sein, wer ihn gewonnen hat: den wichtigsten Literaturpreis des Landes, den Schweizer Buchpreis. Nominiert sind, in alphabetischer Reihenfolge: Sacha Batthyany mit «Und was hat das mit mir zu tun?», Christoph Höhtker mit «Alles sehen», Christian Kracht mit «Die Toten», Charles Lewinsky mit «Andersen» sowie Michelle Steinbeck mit «Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch». Der Hauptpreis ist mit 30 000 Franken dotiert – alle weiteren Nominierten erhalten 2500 Franken.
Die Werke der Basler Autorin und der vier Autoren kann man zuvor alle an individuellen Lesungen verteilt auf die vorherigen zwei Festivaltage kennenlernen. Wer am Festakt nicht persönlich in Basel anwesend sein kann, hat die Möglichkeit, sich die Live-Übertragung auf Radio SRF 2 anzuhören.

Der ausgestellte Autor

Anders als in Amsterdam stellen sich in Basel die Autorinnen und Autoren ins Schaufenster. Wie in Amsterdam sollen sie den Appetit der Passanten anregen: Auf Literatur. Bereits gestern, als Vorgeschmack auf das eigentliche Festival, haben diese Schaufensterlesungen in ausgewählten Geschäften der Innenstadt begonnen. Der erste, der es wagte, war Frédéric Zwicker, der gestern Vormittag zwischen Fielmann-Brillen aus seinem Début «Hier können Sie im Kreis gehen» las. Schon bald lockte er eine Traube von Passanten vors Fenster; so manche konnten sich schwer von der Lesung lösen, als es um das rege Sexleben des potentesten Heiminsassen ging. Dabei ist Zwickers Roman eine fein beobachtete und humorvolle Studie über die letzte Phase im Leben. Am 11. November wird er noch mal im Kleinbasler Fenster von Manor lesen.

Der vielgespielte Dramatiker

«An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts überquerte ein einzelner Wolf kurz nach Sonnenaufgang den zugefrorenen Grenzfluss zwischen Deutschland und Polen.» So beginnt Roland Schimmelpfennigs erster Roman, der heisst, wie er beginnt: «An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts». Und er besticht durch klare, kalte Prosa. Sowie seine Dialoge. Denn mit Dialogen kennt Schimmelpfennig sich schon sehr lange aus, gilt als einer der interessantesten, meistgespielten zeitgenössischen Dramatiker.

Der Intendant des Theaters Basel, Andreas Beck, hat Schimmelpfennig sehr früh entdeckt – noch als Leiter des Schauspielhauses Wien. Anfang Jahr wurde dann auch in Basel seine Neufassung von Euripides «Die Bacchen» gespielt, nächsten Mai wird sein «Idomeneus» dran sein. Nun kann man dem Dramaturgen persönlich begegnen: Am 12. November liest und erzählt Roland Schimmelpfennig um 14 Uhr im Refektorium des Museums Kleines Klingental.

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Autor

Susanna Petrin

Susanna Petrin

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