«Grrrrrl»

Sie zeigen im Theater Roxy, wie Frau im Stehen pinkelt

Sie schrecken nicht zurück vor den Geheimnissen des weiblichen Geschlechts (v.l.): Marielle Schavan, Anna Fries, Laura Naumann und Sophia Schroth.

Sie schrecken nicht zurück vor den Geheimnissen des weiblichen Geschlechts (v.l.): Marielle Schavan, Anna Fries, Laura Naumann und Sophia Schroth.

Am Mittwoch hat das Stück «Grrrrrl» des Berliner Künstlerinnenkollektivs Henrike Iglesias Premiere. Die vier «Bad Girls» demonstrieren im Stück, warum Frausein noch immer ein Stigma ist.

Die Frau und das Böse, darum soll es in dem Stück «Grrrrrl» gehen: «Hexenverbrennung», «Wissen», «Medizin». Vier Wochen vor der Premiere suchen die Künstlerinnen von Henrike Iglesias Anna Fries, Sophia Schroth, Marielle Schavan und Laura Naumann noch nach der Bedeutung des Bösen. Wir sitzen in der Küche des Theaters Roxy, alle vier an einem Tisch, alle die Beine überschlagen. Während sie mit den Händen gestikulieren und argumentieren, sprudeln die Worte, aber sie bleiben nicht hängen, sie fallen zu Boden und unter den Tisch. Das Böse bleibt vage.

«Natürlich sind wir Feministinnen», sagen sie. «Du etwa nicht?» Ein seltsames Gefühl, wenn die Frage direkt gestellt wird. An der Feministin klebt ein zweifelhafter Ruf: Männerhass, Körperbehaarung und Feuchtgebiete. Popkultur trifft Forschung trifft Altachtundsechziger. Alles furchtbar kompliziert heute, aber darum geht es den Frauen nicht. Sondern eben um das Böse.

Sie haben viel zu erzählen. Da sind etwa Erfahrungen aus der Kindheit. Die eigene Meinung und damit die feministische Haltung klar und deutlich äussern? Kam gar nicht gut an. Das Umfeld reagierte irritiert, die Mädchen schwiegen. Feminismus ist immer noch nicht Mainstream und war es während ihrer Jugend erst recht nicht.

Der Empörung Luft machen

Heute sitzen aber keine verstummten Kinder am Tisch, sondern vier selbstbewusste Frauen. Sie haben Henrike Iglesias erschaffen, um auf der Bühne ihrer Empörung Luft zu machen. Sie sagen: Eine Frau bekomme heute zwei Möglichkeiten vermittelt, Hausfrau oder Karrierefrau. Eine Zukunft in Schwarzweiss. Dazwischen liegt ein riesiger Graubereich. Und wer will schon graue Maus sein?

Wenn wir schon beim Äusseren sind: Immer schön sexy bleiben! «Genau das heisst es immer und überall. Und das nervt», sagt Laura Naumann. Zum Trotz griffen die Henrikes tief in die Klischeekiste und zauberten schwarze Ganzkörperstrapsen in Lackoptik hervor, die zu ihrer Corporate Identitiy wurden.

Fehlt noch der ironische Kunstgriff. Der nennt sich Collage und präsentiert sich so: Aus einem Musikvideo von Taylor Swift schnipselt Henrike die Frauenkörper aus und setzt ihre eigenen vier Köpfe drauf. Schon ist der Internetauftritt parat.

Und dann ist da noch dieses Video: «Wusstest du, dass Frau auch im Stehen pinkeln kann?» Sie fanden es lustig, dass diese Tatsache vielen Frauen offenbar fremd sei. Das Kollektiv drehte ein Video als Trailer für das aktuelle Stück. Es zeigt gespreizte Frauenbeine, nackt. Dazwischen eine brennende Kerze, die sie mit ihrem Urinstrahl auslöschen. Bad, bad Girl. Es interessiert die vier Frauen, was passiert, wenn das schöne Geschlecht Grenzen übertritt. Wenn es Dinge tut, die es nicht tun soll. Wenn es bad ist. Böse.

Und da ist es ja wieder, dieses Böse. Jemand hat das Wort unter dem Tisch hervorgeholt. Wieder wirft das Kollektiv damit aber mehr Fragen auf, als es Antworten gibt. Was heisst denn nun «böse»? An diesem Wort haften gleichzeitig ein theologisches Mysterium und eine Tonne moralischer, philosophischer, sozialer Gewichte, die es wieder ins Vage unter den Küchentisch ziehen.

«Reden wir doch mal über Frauengeheimnisse», sagt Sophia Schroth. Vaginalpilz zum Beispiel. Oder Periodenblut. Diese Themen gelten immer noch als Tabu. Vor einem Jahr postete eine Frau ein Bild auf der Fotoplattform «Instagram»: Es zeigte sie von hinten in hellgrauer Trainerhose, am Gesäss ein sichtbarer Fleck Blut. Die Plattformwächter löschten das Bild umgehend und lösten damit einen Sturm der Entrüstung aus.

Keine Tabus mehr

Frausein als Tabu? «Ja, Frausein ist immer noch ein Stigma», sagt Sophia Schroth. Und das will das Kollektiv ändern. Mit dem Stück «Grrrrrl» wollen die Performerinnen Denkanstösse liefern, wie wir Frauen in Zukunft unsere Geheimnisse artikulieren könnten. Vokabular ist ja genügend da. Man muss es nur aus dem Vagen unter dem Küchentisch dieser Gesellschaft hervorkramen.

Mit ihrer Performance ist es wie mit einem Kind. Der Akt der Zeugung ist aufregend. Was später daraus wird, ist ungewiss. Im Fall von Henrike Iglesias ist aber eines sicher: Es wird ein Mädchen.

Die Premiere am Mittwochabend ist ausverkauft, weitere Daten: 29.4., 30.4., 2.5., jeweils um 20 Uhr; 1.5. um 18 Uhr.

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