Nachruf

Sie sprengte die Grenzen der Grammatik

Sarah Kirsch (1935–2013). HO

Sarah Kirsch (1935–2013). HO

Sarah Kirschs Lyrik musste nie laut werden, um stark zu sein. Wie heute bekannt wurde, ist die Autorin nach kurzer, schwerer Krankheit am 5. Mai gestorben.

Das Schwarz-Weiss gedruckter Buchstaben war ihre Welt – ohne dass ihre Welt je schwarz-weiss wirkte. Dafür war Sarah Kirschs Sicht auf die Dinge zu differenziert, ihre Herangehensweise zu unpathetisch – ob sie nun über das Leben, die Natur oder über die Liebe schrieb. 2001 notierte sie etwa: «Liebe ist wie der Mond. Wenn sie nicht zunimmt, nimmt sie ab.» Doch was sie im nächsten Satz am Himmel beschreibt, ist nicht etwa der romantische Mond, sondern ein Ballon.

Das Pathos vom Sockel schubsen

Nicht nur die Liebe, auch andere grosse Themen wie Politik oder das Leben befreite die Lyrikerin von jeglichem pathetischem Überbau, wenn sie sie in ihren Texten auf Nichtigkeiten prallen liess, beispielsweise im selben Atemzug Terrorismus und das schöne Nachmittagslicht vor ihrem Fenster beschreibt.

Sie schätze die Grenzerfahrungen, die die raue norddeutsche Natur biete, erklärte sie in einem ihrer seltenen Interviews: «Wenn der Wind ungebremst ankommt, stellt sich schnell die nötige Demut ein.» Vielleicht war es aber auch ihre Biografie, die ihr eine so differenzierte Sichtweise gelehrt hatte.

1935 in Limlingerode (Thüringen) geboren, wuchs Sarah Kirsch in der DDR auf und studierte zunächst Biologie. Als sie 23-jährig (damals noch als Ingrid Hella Irmelinde Bernstein) den Lyriker Rainer Kirsch kennenlernte, verliebte sie sich gleich doppelt. Einerseits in den Mann, andererseits in die Lyrik. Nach acht Jahren war mit Rainer Kirsch Schluss. Doch die Liebe zum Schreiben blieb der Autorin ein Leben lang.

1960 nahm sie den Vornamen Sarah an, um an die Opfer des Holocaust zu gemahnen. Ihr erstes eigenständiges Werk «Landaufenthalt» erschien 1967. Und bald schon hatte Kirsch mit dem DDR-Regime zu kämpfen, da sie in ihren Texten verdeckt Kritik übte. Als sie 1976 zudem offen gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestierte, wurde sie aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen. 1977 siedelte die Lyrikerin mit ihrem Sohn nach Westberlin um.

Denken ohne Grenzen

Schon zuvor hatte sie jede vorgeschriebene Sicht auf die Welt konsequent verweigert. Ob sie wohl deshalb die Grenzen der Grammatik gerne sprengte und den Inhalt ihrer Gedichte weder der Interpunktion noch den Zeilenenden der Verse anpasste? So wirkt ihre Lyrik manchmal überbordend – und dabei doch leise und konzentriert.

Ihre Liebesgedichte trugen ihr 1973 den Heinrich-Heine-Preis ein, zahlreiche weitere Preise folgten. 1996 erhielt sie gar die renommierteste deutsche Literaturauszeichnung, den Büchner-Preis. Wie gestern bekannt wurde, starb Sarah Kirsch im Alter von 78 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit bereits am 5. Mai 2013 in Heide (Holstein).

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