Kunstgeschichte

Sie grast sich durch die Epochen: Kuh ist auch Kunst

Für die Kunstgeschichte ist sie Nebensache – aber sie bewegt sich durch alle Epochen, angefangen in den Höhlen von Lascaux.

In der Schweiz wurde eben eine neue Tierkategorie erfunden: die Hornkuh. Zoologisch wohl keine exakte Bezeichnung, aber es geht ja um Emotionen des Menschen gegenüber einem Tier, das seit Jahrtausenden zu seiner Entourage gehört – und das landwirtschaftlich wie kulturgeschichtlich keine unwichtige Rolle gespielt hat. Nicht aber in der Kunst, ist man im ersten Moment versucht zu sagen.

Wenn Tiere in der Kunst eine Hauptrolle spielen, sind es Hunde, Katzen und Pferde. Haustiere eben, die den Menschen nahe sind, die sie bei der Jagd begleiten oder die bei Schlachten und Denkmälern erst für die Grösse von Fürsten und Generälen sorgen. Daneben ist das zoologische Repertoire breit, aber selten von zentraler Bedeutung. Drachen und Affen sind im Mittelalter Lieblinge von Bildhauern, weltberühmt ist der kleine aquarellierte Feldhase von Albrecht Dürer von 1502, skurril anmutend sein Holzschnitt eines Nashorns mit seinem ornamentierten Panzer. Aber wo bleibt die Kuh, diese treue, dienende Begleiterin und Ernährerin des Menschen seit seiner Sesshaftigkeit als Bauer?

Am Anfang war der Stier

Wer sucht, der findet. Schon vor der bäuerischen Symbiose mit dem Rindvieh. Die Darstellungen in den Höhlen von Lascaux datieren in die Zeit um 15 000 bis 36 000 vor Christus. Dabei von Kuh zu sprechen, ist wissenschaftlich gewagt, waren das doch Auerochsen und Wisente, die wilden Verwandten unserer Milchproduzentinnen, die man als Fleischlieferanten jagte.

Nach der Steinzeit kommt in der Kunst schnell einmal die Antike – und mit ihr Gott Zeus, der sich in einen Stier verwandelt und auf seinem Rücken die schöne Europa nach Kreta entführt. Stierdarstellungen und bekränzte Stierköpfe (sogenannte Bukranien) haben sich als steinerne Relikte oder in Mosaiken erhalten. Die Kühe mussten hintanstehen.

Womit wir beim Punkt wären, um die zoologische Nomenklatur zu klären: Das Rind meint alle Rindviecher, der Stier (auf Mundart Muni) ist das erwachsene männliche Tier, der Ochse sein kastrierter Geschlechtsgenosse. Er machte Kunst-Karriere bei Darstellungen von Christi Geburt: Der gutmütige Schaffer der Rinderfamilie gehört zusammen mit den Schafen zum Inventar des Stalls von Bethlehem. Die Kuh ist das erwachsene Muttertier, vor der ersten Geburt heisst sie Rind oder Färse, in der frühen Kindheit gilt Kalb für beide Geschlechter, den Teenagern sagen die Schweizer Bauern meist Fresserli.

Was der Stier und der Minotaurus, der Stiermensch, für die Antike und für potente moderne Cracks wie Picasso oder Dürrenmatt waren, ist die Kuh für die Schweizer Volkskunst. Das liebste Sujet der Appenzeller Malerei ist bekanntlich die Alpfahrt. Da wird dem braven Nutztier ein Kränzchen gewunden, auch wenn es an den anderen Tagen des Jahres primär Milch liefern, früher Karren ziehen und manch eine Familie vor dem Verhungern retten musste. In die hohe Kunst hat es die Kuh kaum je geschafft, es sei denn als Staffage. Robert Zünd (1827–1909) liess Kuhherden als Symbole des friedlichen und fruchtbaren Landlebens gerne unter Eichen in der Umgebung von Luzern weiden, beobachtet von Reisenden oder entspannten Bauernkindern. Und bei Giovanni Segantini (1858–1899) bilden Kühe sowie Mutter-Kind-Darstellungen einen wichtigen Bestandteil und Kontrapunkt zum Alpen-Pathos.

Die Tierlimaler

In der Schweizer Kunstgeschichte darf ein Maler nicht unerwähnt bleiben, wenn es um Kühe geht: Rudolf Koller (1828–1905). Ja, der mit der Gotthardpost. Selbst auf diesem nationalen Helgen spielt eigentlich das erschreckte Kalb vor den wilden Pferden die liebevoll gemalte Hauptrolle, die Kühe agieren stoisch als Zuschauer. Der Metzgersohn Koller proträtierte die Kühe als Persönlichkeiten. Ein besonders schönes und selbstbewusstes Exemplar steht in einem Garten inmitten profaner Kabisköpfe. Um sein Haus am Zürihorn hielt Koller Kühe als Haustiere, damit er seine Modelle stets um sich hatte. Seine Abnehmer waren nicht die Bauern, sondern die Zürcher Bürgerfamilien, die damit der bäurischen Vergangenheit und der ländliche Unschuld frönten.

Koller gilt als der Schweizer «Tierlimaler», eine Spezialisierung, die man damals in ganz Europa kannte. Vor allem die englischen Künstler, die Hunde- oder Pferde-Porträts im Auftrag des englischen Adels malten, hatten ein fürstliches Auskommen. So verwundert es nicht, dass heutzutage der Engländer Pete Kilkenny mit seinen grellen, popartigen Kuhbildern auf Zeitungspapier an die Tradition anknüpft. Auf die Kuh gekommen ist er allerdings erst in Bayern.

Mit der Industrialisierung und dem Aufkommen der Moderne verschwand die Kuh aus dem Alltag der meisten Menschen – aber nicht aus der Kunst. Ihr Auftreten wird etwas seltener, aber umso grandioser. Mit seiner wildgaloppierenden «Gelben Kuh» hat der Expressionist Franz Marc 1911 das dynamischste und beeindruckendste Bildnis einer Kuh geschaffen. Dagegen wirkt das sanft gefilterte Kuh-Porträt (nach einer Fotografie) des aktuellen Malerstars Gerhard Richter fast blass.

Keine Antwort auf die Horn-Frage

Zwei Ergänzungen braucht es noch: Kühe, generell Rindviecher, sind zum einen natürlich nicht nur Thema der europäischen Kunstgeschichte oder gar ein Sonderfall Schweiz. Ob in China, Afrika oder bei den Urvölkern Amerikas: Bisons, Wasserbüffel, Kälber, Stiere und Kühe gehören zum Menschen und wurden so quasi naturgegeben auch Kunst. In Indien gelten Rinder gar als heilig, auch wenn man es den mageren, streunenden Tiere selten ansieht.

Zweitens: Hinweise auf die bemalte Kuh-Invasion auf Zürichs Bahnhofstrasse, auf die Lila-Milka-Schoggi-Kuh, den spanischen Osborne-Stier oder die rote, lachende Werbeträgerin für Streichkäse fehlen in diesem Artikel. Sie mögen lustig sein und zur Kulturgeschichte gehören, aber nicht in die Kategorie Kunst.

Zur Diskussion, ob Kühe mit oder ohne Hörner glücklicher sind, dafür liefert die Kunst keine Antwort. Ausser vielleicht in der zeitgenössischen Fotografie sind hornlose Kühe wie auch Fragen um tiergerechte Stallungen, Methangas-Produktion, Mutterkuhhaltung oder Hochleistungs-Milchlieferantinnen in der Kunst kein Thema. Dieser Mist wird anderweitig geführt.

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