«Endlager»

Sicher zu verwahren während einer Million Jahren

Breughel, der Turm zu Babel und der Kühlturm: Plakat für die Atomschutzinitiative 1979.

Breughel, der Turm zu Babel und der Kühlturm: Plakat für die Atomschutzinitiative 1979.

In Schaffhausen versucht eine Ausstellung uns mit den Folgen unseres kurzen Nuklearzeitalters zu konfrontieren. Es ist zugleich eine Reise durch die Zeit.

Machen wir zu Beginn ein Gedankenexperiment. Stellen Sie sich bitte eine Stunde vor – nein, wohl besser: 90 Minuten. OK? Wie fühlt sich das an? Nach nichts? Nichts Brauchbares jedenfalls? Mit der Vermutung, dass es wohl den meisten so gehen wird, liegt man wahrscheinlich nicht falsch. Wir können uns «Zeit» nicht vorstellen. Allenfalls als Metapher des Raums: eine Strecke zurücklegen oder ähnlich. Das Leben ist ja auch eine Reise – und nicht ein Spiel.

Spass beiseite. Ähnlich ist es den «Endlager»-Ausstellungsmachern in Schaffhausen ergangen. Auch wenn sie klarsichtig an ihr Projekt herangegangen sind. Eine Million Jahre. Die Rede ist – schon wieder – von einem «Planungs-Horizont». In einem solchen Zeit-Raum muss denken, wer die nuklearen Abfälle unserer Atomkraftwerke richtig versorgen will. So hat es der Gesetzgeber in Deutschland und der Schweiz vorgeschrieben. Eine Million ist – vor allem mal eine runde Zahl. Und völlig unvorstellbar, wenn man wirklich die Zeit meint, welche die Zahl angeben soll.

Wenn Geologie und Geschichte . . . 

Immerhin: In Schaffhausen hat mans versucht. Kurz vor Schluss des Ausstellungsrundgangs durchläuft man den Millionen-Jahr-Tunnel. Parallel wird gezeigt, was man von der Vergangenheit weiss und was man von der Zukunft zu erwarten hat. Vergangenheitsmässig kommt einem schon sehr schnell der Homo erectus entgegen. Wobei man beim Homo heidelbergensis (rund 200 000 Jahre) ja nicht mehr so sicher ist, wohin er gehört. Vor einer Million Jahren haben unsere Vorfahren, sofern sie es denn waren, denn der Homo sapiens betrat frühestens vor knapp 200 000 Jahren den Plan, noch Faustkeile zugespitzt. Mit anderen Worten: Der Geschichtshorizont unserer Gattung wird schon weit überschritten.

«Ein-schneidender» noch: Die Oberfläche, auf der die Homines erecti allenfalls wandelten, wurde durch Gletscher und Erosion bis in Tiefen von mehr als 100 Metern abrasiert, aufgefüllt, wieder abrasiert – den Rheinfall bei Schaffhausen gibt es erst rund 15 000 Jahre. Das Klima war immer wieder zum Teil extremen Schwankungen unterworfen. Seit rund 700 000 Jahren dauern die Zyklen rund 100 000 Jahre, zuvor war es hektischer. Wobei das Klima auch während Kälte- oder Wärmephasen, die ohnehin jeweils nur einige 10 000 Jahre dauern, ebenfalls ziemlich verrückt spielen kann. Und wie es in Zukunft sein wird, wissen wir angesichts unserer «modernen» Probleme mit der Definition des Klimawandels ohnehin nicht recht.

5 Millionen Jahre = 1 Treppenstufe

Wenn man die Ausstellung betritt, fängt man 250 Millionen Jahre «vor uns» an. Eine Treppenstufe im Aufgang entspricht 5 Millionen Jahren, das geht rasch. Umso mehr, als es da auch noch Lücken gibt. Ein paar Millionen Jahre, wo nichts passiert ist – oder wo man keine Zeugnisse hat, weil alles schon wieder weg ist. Ganz am Schluss winkt uns auch hier noch ein Australopithecinen-Weibchen zu.

Dann wird uns die Geschichte der Atomforschung gezeigt. Eine originelle Idee: die wichtigsten Köpfe mit ihren Publikationen. In 50 Jahren hat sich die Physik so verändert, dass wir nun in 1 Million Jahren denken müssen. Als Einstein und Szilard Präsident Roosevelt den Bau der Atombombe empfahlen, damit Hitler nicht womöglich der Einzige wäre, der die Waffe hätte, betrat die Menschheit das Atomzeitalter. Zuerst kriegerisch-brutal, dann zivil-euphorisch, und jetzt versucht sie wieder rauszukommen. An Hiroshima und Nagasaki wird sich bald niemand Lebender mehr erinnern.

Wie sollen wirs anschreiben?

Schriftsysteme kennen wir aus dem 4. Jahrtausend vor Christus. Was uns die Eiszeitjäger mit ihren Ritzungen auf Knochen mitteilen wollten, wissen wir nicht. Wie sollen wir die gefährliche Lagerstätte anschreiben, damit es in einigen 1000 Jahren noch klar ist? Keine Ahnung. Eine Art Nuklear-Stonehenge ist noch die ausgereifteste Idee. Eine Atompriesterschaft oder Tiere oder Pflanzen als lebende «Geigerzähler» gehören eher zu den skurrilen.

Museum zu Allerheiligen Schaffhausen. Baumgartenstrasse 6, Schaffhausen. Geöffnet: Di bis So von 11 bis 17 Uhr.

www.allerheiligen.ch

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