Besser gehts nicht. Alles redet dieser Tage über das Schauspielhaus Zürich, vom «Blick am Abend» bis zum Zürcher Gemeinderat: Dumm nur, geht es dabei nicht um Kunst, sondern um die Engstirnigkeit der Theatermacher, will man doch verhindern, dass eine Spar-Filiale ins leere Lokal neben dem Schauspielhaus einzieht. Die Angst vor einer Horde Pouletsalat-Esser ist riesig.

Im Foyer roch es am Samstagabend allerdings nicht nach Öl und Essig, sondern da wehte der süsse Duft des Ereignisses – alles, von Schriftsteller Adolf Muschg bis Politiker Gerhard Pfister, war da. Nichts Geringeres als die Schweizer Erstaufführung eines im Oktober 2014 uraufgeführten Stücks von Sibylle Berg stand an, von jener 53-jährigen in Zürich lebenden Autorin, die im Deutschen Feuilleton dauerpräsent ist. Oder war das bloss auf Twitter?

Sibylle Berg – unsere Echowand

Alle lieben Berg, da sie eine Autorin ist, die der Gegenwart den Puls nimmt. Sie reflektiert das Mediengeheul und ist zu einer Angst und Schrecken einjagenden Echowand des Zeitgeists geworden: «Wehe, da sagt jemand etwas Dummes, dann werde ich es ihm genussvoll um die Ohren schlagen!», scheint auf ihrer Fahne zu stehen.

«Migration», «Homophobie, «kapitalistische Zwangsindividualisierung», «Gentrifizierung von Wohnvierteln» oder «Volkspartei» sind die Schlagworte, die in «Viel gut essen» dem Pfauen-Publikum um die Ohren fliegen. Und einmal mehr ist der weisse, heterosexuelle, gutbürgerliche Mann der (Anti-)Held. Er hält seine «Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!»-Wut-und-Angst-Predigt so lange, bis ihm die Menschen folgen.

Vorerst redet er über sein so strahlendes Leben hinweg und wie er von Siegerseite auf die Verliererseite gerät, wie er von Abteilungsleiterin Hüdüc ent- und von Ehefrau Claudia verlassen wird und wie in seiner Nachbarschaft ein schwules Paar zu laut klassische Musik hört. Dem Verlierer bleiben eine Prostituierte und die Tränen. Er kann sich nicht eingestehen, dass er versagt hat, das vor ihm stehende Heer der Feindesbilder ist zu mächtig.

So kunst- und reizvoll Bergs Wort-Beilschläge auch sind, der Text an sich erscheint als blosse Aneinanderreihung von sprachwitzigen Kolumnen: Grandios das Funkeln von Nebensätzchen, betörend das Donnern der Pointe. Immer wieder gibts einen neuen Anlauf, ein neues Anrennen – bis zum gut getimten Knallerchen. Darüber wird viel gelacht, zu schön ist es, sich am Stammtischgeplärr zu erfreuen. Doch all das reicht zu nicht mehr als 70 Theater-Minuten – Repetitionen inklusive.

Passend für die Hauptbühne?

Danach fragt man sich besorgt: Gehört solcherlei aufgepeppter Glossenzauber auf die Hauptbühne des Schauspielhauses – oder wäre er in der Schiffbau-Box vielleicht besser aufgehoben? Wir wundern uns jedenfalls nicht, dass der «Pfauen» in der Saison 2014/15 halb leer blieb, nur dank bestens besuchtem Kindertheater eine Auslastung von gerade mal 55 Prozent erreichte.

Bergs Theatertext ist handlungsfrei, ohne Hinweise auf ein Bühnenspiel – so gleicht er den mäandrischen Wortgewittern der Sprachamazone Elfriede Jelinek (*1946). Da gibt es mitunter auch einfach «nur» 50 Seiten Text, der sich dann allerdings klug konstruiert überschlägt und mit aller Gewalt in die Köpfe kracht. Und kluge Regisseure entdeckten darin verborgene Handlungen.

Regisseur Sebastian Nübling will oder kann mit «Viel gut essen» nicht so weit gehen. Er kommt über eine abwechslungsreiche Rezitation dieses sanft von deutschen auf Schweizer Verhältnisse angepassten politischen Kabaretts nicht hinaus.

Eine hinreissende und tiefsinnige, den Abend rettende Idee hatte er allerdings. Er lässt das Stück von drei als Männer verkleideten Frauen sprechen: So erhält Bergs einseitiges Hämmern eine Ausweitung, der Text kriegt quasi weiche Züge. Und wie Hilke Altefrohne, Henrike Johanna Jörissen und Lena Schwarz in der Maske zu Männern wurden, ist famos! Schade nur, hält ihre Sprechkunst nicht mit ihrer Spielkunst mit: Rezitieren sie den Text zu zweit oder dritt im Chor, stolpern sie spätestens nach dem dritten Satz. Und so wollen denn die Worte nie zu Klang werden, können keine Kraft entwickeln.

Es gibt akustischen Ersatz. Das Trio formiert sich zur Rockband, covert Europe und lässt deren 1986er-Hit «The Final Countdown» krachen, ehe unser Frau-Mann zur Masse wird und als Volkspartei à la Pegida auf die Strasse geht.

Viel gut essen: Schauspielhaus Zürich, 12-mal bis 2. April.