Theater Neumarkt

Sibylle Berg langweilt in Zürich kurzweilig

Der Mann (Marcus Kiepe), das arme Wesen.

Der Mann (Marcus Kiepe), das arme Wesen.

2014 schrieb Sibylle Berg das «Stück des Jahres». Nun zeigt die Vielgelobte in Zürich ein neues Theater – und führt auch noch Regie.

Ein paar schöne Sätze gabs. Das schon. Etwa der: «Frau: Erstaunlich, wie viel Zeit übrig bleibt, wenn man nicht mehr durch Dinge wie eine Partnersuche abgelenkt wird.» Oder auch der: «Frau: Wohin mit den sogenannten Gefühlen, wenn die heterosexuellen möglichen Partner sich verweigern oder eine Leberzirrhose haben?» Und ja, das rasante Vorspiel mit Villa im Jura, Makler und möglichem Hauskäufer versprach viel. Ganz zu schweigen von den Erwartungen ans Ganze, an «How to sell a murder House – ein getanztes Immobilienportfolio». Nichts weniger als eine Uraufführung eines Schauspiels der grossen Sibylle Berg im kleinen Theater Neumarkt! Nicht nur das: Die feuilletonbejubelte, in Zürich lebende 53-jährige deutsche Schriftstellerin führte auch noch Regie.

Die Fassade des noch vor einem Jahr wegen Publikumsschwund von den Medien fast zu Tode geprügelten Zürcher Theaters glänzte am Donnerstag denn auch so schön wie anno dazumal in legendären Zeiten. Oben im Foyer war die Luft kurz vor Vorstellungsbeginn geistreich-fiebrig kulturgeschwängert und so beglückend verheissungsvoll, wie sie es im Schauspielhaus nie sein wird.

Der Gefoulte schiesst Penalty

Trotz Euphorie gab es schon auch Bedenken. Das ungeschriebene Fussballgesetz, dass der Gefoulte nicht selbst den Penalty schiessen soll, existiert nämlich auch im Theater: Der Autor sollte sein Stück nicht selbst in Szene setzen, der Komponist sein Werk nicht selbst dirigieren. Wenn es bloss nicht so reizvoll wäre …

Und so schien es dann eben im Vorspiel noch, als wären das nicht nur geschriebene Worte und Sätze der Berg, nein, es tönte so sprudelnd lustvoll, als spräche Berg sie höchst selbst. Aber kaum daran Gefallen gefunden, erkannte man, dass in diesen Dialogen keine Entwicklung lag. Es war alsbald immer «nur» Sibylle Berg: Berg auf dem Papier und Berg im Mund. Es wurde wie in guten alten Theaterzeiten ein heiliger Text vorgeführt.

Mit Ballettmusik gings los, die zwei Protagonisten tanzten oder torkelten auf die Bühne, das erste Spässchen, die Dame fiel über den Bühnenrand hinaus. Die zwei Schauspieler Caroline Peters und Marcus Kiepe machten das bestens – wobei es Peters einfacher hatte, gab sie doch trotz mehrmaligem Rollenwechsel fünfmal den selben Typ Frau: selbstsicher, überlegen, überspannt. Kiepe hingegen schlüpfte virtuos von der Rolle des angeberischen, bald in die des geschlagenen, ja winselnden Hundes.

Es geht vorbei

Frau und Mann erfüllten auch die szenischen Anforderungen, schliesslich war das Rundherum flott arrangiert: Da gabs viel Schwung, klischeefreie Gesten, Symbolik, Video, Musik und auch einen (leider mit dem Rhythmus hadernden) Sprechchor. Alles war wohldosiert, nie wurde das Wort bedrängt. Und so lauschte man denn den vier Szenen mit Prolog und Finale – erlebte viermal die Variation «Frau und Mann können es nicht miteinander, da Mann es nicht kann». Männer, so erzählts die Berg, erdrosseln sich nämlich dauernd bei autoerotischen Spielen im Schrank, verschwinden im Internet oder verenden an gebrochenem Herzen. Irgendwann hat jeder Zuschauer das dann begriffen.

Ob der Längen kürzen hätte man das Stück allerdings nicht können, denn nach 70 Minuten war das Spiel sowieso aus. Und wir erinnerten uns an einen anderen schönen Berg-Satz aus «How to sell a murder House»: «Mann: Wird es sehr traurig werden? Frau: Ja, Aber die gute Nachricht: Es geht vorbei.»

How to sell a murder House: Theater Neumarkt, Zürich, 10-mal bis 21. November.

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