Es geht immer um die story», sagt Marco Grob, eindringlich. Im Café Gryffe in Olten hat er seinen ersten doppelten Espresso bestellt, es ist halb neun Uhr morgens, weitere werden folgen. Der 52-Jährige sieht übernächtigt aus. Eine Grillparty gestern bei Freunden, «ich bin erst um Viertel nach vier ins Bett gekommen», sagt er. Dennoch ist er voll da, Schlaf ist Nebensache, alles für die Geschichte. Alles.

Marco Grob, Sie organisieren das International Photo Festival Olten, das vom 25. bis 27. August stattfindet. Was erwartet die Besucher?

Das Festival eröffnet mit einer dreitägigen Pop-up-Ausstellung im Kunstmuseum Olten. Top-Fotografen wie Nick Ut, Dan Winters oder Nasa-Astronaut Shane Kimbrough zeigen hier ihre bekanntesten Bilder. In einer Reihe von Vorträgen erzählen sie von ihrem Schaffen, was auch für Nicht-Fotointeressierte inspirierend ist. Die Portfolio Reviews sind eine Gelegenheit für Nachwuchsfotografen, ihre Arbeiten von den Besten ihres Fachs beurteilen zu lassen. Ausserdem finden Seminare und Workshops statt.

Wodurch unterscheidet sich die Veranstaltung von anderen Fotofestivals?

Die vielen hochkarätigen Referenten machen es einzigartig. Das Festival will einen Einblick geben in die Geschichten dieser Fotografen und Bildchefs: Was sie erleben, was sie antreibt, was sie inspiriert. Die Vario Bar in Olten wird die Schaltzentrale des Festivals sein, hier wird man sich auch bei einem Bier mit ihnen unterhalten können.

Nur 4 der 16 Referenten sind Frauen.

Wir wollten mehr Frauen haben, aber das Problem war, dass alle im Einsatz sind. Glücklicherweise konnten wir Samantha Stark, Celeste Sloman, Eman Mohammed und Magdalena Herrera gewinnen. Es hat ein grosser Wandel stattgefunden im Fotojournalismus. In den letzten Jahren hat der Anteil an Fotografinnen extrem zugenommen. Sie haben Zugang zu anderen Themen und erzählen diese auch anders. Es ist wichtig, dass die Welt nicht nur von Männern erzählt wird.

In Ihren Worten: Es geht immer um die Story. Was ist Ihre Story?

Ich hatte dieses absolute Lebensglück. Mit 13 rief ich bei (der Event-Firma) Good News an und fragte, ob ich für sie als Stagehand arbeiten kann. Zweieinhalb Jahre lang pilgerte ich dann an den Wochenenden an Konzerte nach Zürich, Basel und Bern. Ich habe etwa Queen beim Soundcheck im Hallenstadion erlebt. Da siehst du Leute hart arbeiten, die ausgewiesen gut sind; die lieben, was sie tun, und dafür bezahlt werden. Absolute passion. Das ist ein zentrales Thema in meinem Leben: Leidenschaft. Und die Frage: Was ist dein Motiv? Tust du es wegen fame und glory oder weil du es absolut liebst?

Lassen Sie uns von fame reden. Sie gelten selbst als Starfotograf.

Starfotograf ist so ein deutschsprachiger Begriff ... Was die Stars betrifft, stehe ich lieber auf der anderen Seite. Es gibt nur noch ganz wenige Menschen, die mich in der ersten Minute umhauen. Idole von früher wie Jimmy Page von Led Zeppelin oder die Beatles, die Rolling Stones. Da denkst du dann beim gemeinsamen Mittagessen, huere Siech, das ist ein Beatle ...

Wie ist es, mit diesen Leuten zu arbeiten?

Wenn der fame-Faktor wegfällt, tritt der Mensch ins Zentrum. Die Jungs vom Film sind zum Beispiel extrem entspannt. Bei Politikern ist das anders, die lösen bei mir einen Abwehrmechanismus aus. Warum streben sie nach Macht? Da gehen bei mir alle Alarmsignale an. Macht ist nicht sexy. Da lasse ich mich nicht abholen, auch wenn einer ein super Charmeur ist wie Bill Clinton.

Wie erlebten Sie die Begegnung mit Donald Trump?

Bizarr! Das erste Mal fotografierte ich ihn vor fünf Jahren. Da war er eine TV personality und zeigte noch wenig politische Ambitionen. Er führte uns bei sich zu Hause im Trump Tower herum. Meine Assistentin meinte zu mir, ist ihm ein Zahn abgebrochen? Trump hatte ein Tic Tac im Mund, es hatte dieselbe schneeweisse Farbe wie sein Gebiss. Und dann nahm er es in die Hand und warf es bei sich im Büro auf den Boden. Das ist das Geile an diesem Job: Du kriegst einen Einblick in den kleinen, miesen Scheiss von solchen Leuten. Wie soll einer ein Land repräsentieren, der sich selbst nicht repräsentieren kann?

Sie porträtieren prominente Persönlichkeiten. Eigentlich wollten Sie aber selbst Rockstar werden.

Bei einem Soundcheck mit Eddie Van Halen im Hallenstadion musste ich einsehen, dass ich nie Musiker werde. Aber am selben Ort merkte ich, dass ich da Zugang habe zu was ziemlich Geilem. Zu was Verbotenem. Bis heute ist mir am liebsten die Tür zu dem Raum, in den du fast nicht reinkommst.

Sie sind hineingekommen. Leben Sie den American Dream?

Meine Karriere ist so nur in den USA möglich gewesen. Auch wenn es dort einen Haufen Dinge gibt, die ich nicht toll finde. Die USA sind ein komplexes Land. Aber die Leute haben dort an mich geglaubt, als ich es selbst nicht tat. Die Bildchefin Kira Pollack vertraute mir ein Cover-Shooting für das «Time Magazine» an, obwohl ich das nie zuvor gemacht hatte. Zum ersten Mal hatte ich ein Umfeld, das mir zurief: Flieg! Träume haben eine extreme potenzielle Energie.

Für Ihren Traum mussten Sie sich anfangs finanziell durchschlagen.

In meinen schlimmsten Zeiten, die wirtschaftlich der Horror waren, wurde mir klar: Hätte ich das gewusst, ich hätte es trotzdem nicht anders machen wollen. Ich bin jedes Mal happy, wenn ich arbeite. Das ist ein Geschenk.

Gibt es ein Erlebnis in Ihrer Karriere, das Sie besonders geprägt hat?

Das Verrückte an meinem Leben ist, dass sich viele Kreise geschlossen haben. Das Erste, woran ich mich erinnere, ist die Mondlandung. Das verrauchte Wohnzimmer einer Vierzimmerwohnung in Olten, die Erwachsenen tragen Krawatten, weil es was zu feiern gibt. Jahre später sitze ich in der Mission Control in Houston. Ich rieche den Rauch von einer Million Zigaretten, die hier gequalmt wurden, sitze im Stuhl, wo Nasa-Flugdirektor Gene Kranz sass. Dieser Raum war die Verbindung zu den Männern im All. Ich habe geheult wie ein kleiner Junge. Ich bin dankbar, dass ich solche Momente erleben darf.

Sie sehen in Ihrem Beruf Dinge, die andere nie zu Gesicht bekommen.

Ich führe ein komisches Leben. Manchmal denke ich im Nachhinein: Shit, was hast du da gerade erlebt ... Ich meine, hey ... ich bin working class Olten.

Vor 15 Jahren wanderten Sie über Südafrika in die USA aus. Wie ist heute Ihr Verhältnis zur Schweiz?

Die Schweiz ist traumfeindlicher als andere Länder. Wobei ich in den letzten Jahren auch gemerkt habe, dass dieses Gefühl viel mit mir selbst zu tun hat. Heute habe ich Frieden geschlossen mit der Schweiz. Wenn ich in Europa arbeite, bin ich zwischendurch immer wieder in Olten. Hier kann ich mich ganz fallen lassen. Da wird es auch mal ein Glas Wein mehr und da zünde ich mir auch mal eine Zigarette an.

Welche Rolle spielen eigentlich Drogen in Ihrer Branche?

Die beste Droge ist ein klarer Kopf! Ich weiss, dass Drogen in der Mode-Fotografie ein Thema sind. Aber in meinem Umfeld gab es das nie. Alkohol und Drogen sagen mir nichts. Dafür tue ich das, was ich tue, wie ein Junkie. Bei mir ist alles immer zu viel: Ich habe zu fest gern, ich rege mich zu fest auf. Exzessiv entspricht mir. Du musst ja auch irre sein, wenn du mit 42 nach New York emigrierst.

Sie leben seit 2008 in New York. Fühlen Sie sich in der Stadt zu Hause?

Heimatgefühle habe ich an verschiedenen Orten: New York, Olten, London, Kapstadt, LA, Berlin. Das sind alles Orte, wo ich Freunde habe. Im Grunde fühle ich mich da zu Hause, wo ich was trinken gehe und man mich mit Namen anspricht. Als ich am Sonntagabend spät in Zürich landete, fuhr ich schnurstracks weiter zur Vario Bar (in Olten). Ich hoffte, dass sie noch auf sei. War sie natürlich.

Was kostet ein Shooting bei Ihnen?

Viel.

Wie viel?

Viel.

Okay …

Der Preis passt sich auch der Situation an. Wenn ein Magazin knapp bei Kasse ist, kann es vorkommen, dass du die Produktion eines Editorials aus der eigenen Tasche bezahlst. Wenn die Aufgabe stimmt, tust du das. Wenn ich nach Hause komme, werde ich den Schauspieler Steve Buscemi für das «Empire Magazine» in London aufnehmen. Die haben absolut keine Kohle, aber ich sagte: Hey, yeah! Das ist ja auch jedes Mal eine Chance, etwas gut zu machen. Es ist schon ein Unterschied, ob du was für dich im Kämmerlein tust oder ob du Hunderttausende damit erreichst.

Ein Wort zu Ihrem Stil, bitte.

Immer, wenn ich dachte: «Ich weiss, wer du bist, ich habe da eine Idee», ist es in die Hose gegangen. Du musst die Grösse entwickeln, die Dinge sein zu lassen. Dich rauszuhalten.
Hat sich Ihre Art zu fotografieren über die Jahre verändert?
Ja, klar. Heute experimentiere ich viel mehr als früher. Man muss sich immer wieder neu erfinden.

Um den Zeitgeist zu treffen?

Den Zeitgeist musst du selbst bestimmen. Hier in der Schweiz heisst es: Wir finden dich gut, aber mach es doch bitte so und so. Mein Mentor (Disney-Studios-Marketingdirektor) John Sabel lehrte mich: Demand it! Das ist der Unterschied zwischen der Arbeitsweise drüben und hier. Wenn dich die Fotografie-Koryphäe Richard Avedon anruft, dann hängt es an dir. Dann musst du den Raum füllen.

Wie?

Der Erfolg kommt bei mir immer dann, wenn ich von Beginn weg am Abgrund operiere. Sobald ich spüre, dass es mich in die Mitte zieht, reisse ich mich wieder zurück. Die comfort zone ist meine horror zone. Ich möchte die Grenze, an der ich anfange, mich unwohl zu fühlen, immer weiter raustreiben. Das bringt eine Fülle, du spürst das Leben viel unmittelbarer. Mit 20 war ich viel ängstlicher als heute.

Wo stehen Sie heute?

Ich habe viel Geduld gelernt in den letzten Jahren. Aber ich habe immer noch nicht den Mut, den ich gerne hätte. Ich möchte jedes Jahr zurückblicken können und etwas gemacht haben, was mich umhaut. Trotzdem gibt es viele Jahre, an die ich mich nicht erinnere. Das ist scheisse. Je älter du wirst, desto weniger Zeit hast du. Dann solltest du erst richtig Gas geben.

Dabei sind Sie schon heute 280 Tage im Jahr unterwegs.

Ja. Ich möchte die Erfahrungen auf diesem Planeten ausreizen. Ich habe die schönsten, aber auch die schlimmsten Orte auf dieser Welt gesehen. Ich fotografiere ja nicht nur celebrities. Was wir hier haben in der Schweiz, das ist nicht normal. Ich habe Leute gesehen, denen nichts mehr blieb ausser ihr Leben, und sie krochen vorwärts auf allen vieren. Und da will ich jammern in meinem Elfenbeinturm. Ich versuche, dieses Privileg jedes Mal mit der Kamera in der Hand zu rechtfertigen.

Letztes Jahr ist Ihr erster Bildband erschienen. Was bedeutet er Ihnen?

Hinter jedem der Bilder steht eine Reise und eine Geschichte. Das sind zwei, drei, vier Millionen Flugmeilen hinter diesen Bildern. Wir mussten zueinander schauen, wenn jemand im Team Brechdurchfall hatte, wenn wir in Kabul unterwegs waren ... Wir produzierten das Fotoalbum zu unserem Leben.

Ich sehe, warum Sie sich als «Junkie» bezeichnen.

In meiner Position bist du Zeitzeuge, du hast einen Logenplatz aufs Weltgeschehen. Du arbeitest mit Leuten zusammen, bevor diese überhaupt ins Rampenlicht getreten sind. Und die Kamera ist auch ein Türöffner. U2 spielten in LA ein ausverkauftes Konzert, wo ich unbedingt hinwollte. Ich zeigte meinen «Time»-Badge. Die Tür ging auf. Ich habe mich gefreut wie ein Kind.