Ein Archäologenteam der Universität New York widmete sich dieser anspruchsvollen Fragestellung und begab sich auf eine Spurensuche ins Jahr 70000 vor Christus. Zu dieser Zeit lebte in Europa der Neandertaler. Forschern galt er lan-ge als tumbes Wesen, das nur wenig kommunikativ und einfühlsam war. Zu Unrecht, behaupten nun die US-amerikanischen Wissenschafter. Ihren Untersuchungen zufolge war der Neandertaler durchaus empathiefähig. «Wenn wir uns über das Verhalten der Urmenschen Gedanken machen, neigen wir dazu, ihnen kriegerische und krude Eigenschaften zuzuschreiben», sagt Penny Spikins, Co-Autorin der Studie. Allerdings, fügt sie hinzu, hätten die Vorfahren des Menschen schon früh «positive Emotionen» wie Mitgefühl oder Gewissen entwickelt.

Was aber heisst Mitgefühl? Die Forscher definieren es als «mentalen Zustand, in dem wir uns befinden, wenn wir Leid des anderen erfahren oder ein Bedürfnis verspüren, jemanden zu umsorgen». Die emotionale Gemengelage ruft folglich ein altruistisches Bewusstsein hervor, dem anderen zur Seite zu stehen.

Knochenbrüche, taub und blind

So weit, so gut. Das Problem ist nur: Wie lässt sich diese Definition mit Blick auf die Vergangenheit prüfen? Kann man die Gefühle von Jahrtausenden alten Steinzeitmenschen wieder aufleben lassen? Um diese Fragen zu klären, suchten die Wissenschafter nach kranken oder invaliden Individuen, die vor Jahrtausenden die Erde bewohnten.

Fündig wurden sie schliesslich beim «Alten Mann von Shandidar». Dabei handelt es sich um einen Neandertaler, der vor über 70000 Jahren im heutigen Irak lebte und zahlreiche Knochenbrüche, vermutlich infolge von Stürzen, erlitt. Das gepeinigte Individuum, das überdies noch blind und taub war, erreichte trotz der Verletzungen das Alter von 30 Jahren. Ohne die Pflege seiner Kameraden wäre dies nicht möglich gewesen – der «Alte Mann» war dem Tode geweiht. Und tatsächlich gehen die Forscher davon aus, dass eine nahestehende Person oder Gruppe sich des lädierten Mannes annahm. Die logische Schlussfolgerung: Neandertaler mussten von gemeinnützigen Motiven geleitet gewesen sein. Anders liesse sich die Hilfsmassnahme nicht erklären – ein rein nutzenmaximierendes Wesen wäre dem darbenden Gefährten wohl nicht beigestanden.

Vor 6 Millionen Jahren, wo die Menschheitsgeschichte ihren Ursprung hat, bedienten sich Menschenaffen zur Artikulation von Gefühlen einfacher Zeichen. Sie ersannen Gesten, um ihre Artgenossen aufzuheitern oder zu trösten. Dann, vor 1,8 Millionen Jahren, ging der Homo erectus dazu über, Emotionen in konkrete Handlungen zu kanalisieren. Beispielsweise pflegte er Kranke, teilte seine Ressourcen mit Frau und Kindern und bestattete seine verstorbenen Verwandten. Bei der Gattung des Homo heidelbergensis nahmen Gefühle erstmals gruppenbildende Formen an: Man freute sich über den gemeinsamen Jagderfolg und setzte für das Kollektiv sein Leben auf Spiel. Und schliesslich, vor etwa 120000 Jahren, erweiterte sich die persönliche Nähebeziehung zu Fremden, Tieren und Gegenständen.

Hilfeleistung als reine Anpassung

Schritt für Schritt entstand so ein selbstloses Verhalten, das sich vom egoistischen Eigentrieb löste und die Grundlage für unser gesellschaftliches Zusammenleben schuf. «Altruismus ist ein essenzieller Bestandteil der Gesellschaftsorganisation», sagt Marie Besse, Archäologie-Professorin an der Universität Genf. Die Vorgehensweise der Kollegen hält sie für «mutig und interessant».

Andere Wissenschafter hegen dagegen Zweifel an der Studie. «Unsere heutige Gefühlswelt kann nicht einfach auf die damalige übertragen werden», kritisiert Jean-Jacques Hublin, Professor für Evolutionsbiologie an der Universität Leipzig. Die Rettung gefährdeter Genossen sei für ihn nicht Ausdruck von Moral, sondern «reines Anpassungsverhalten» – Kooperation erfolgte bloss um der Existenz willen. Mit Darwins Worten hiesse das: Überleben durch Anpassung.

Ob Gefühle nun altruistisch oder egoistisch motiviert sind, darüber wird die Wissenschaft weiter streiten. Fest steht, dass sie fast so alt wie die Menschheit sind.