Lee Chul-Soo
Seine Werke wurden zu Ikonen der Demokratiebewegung

Der koreanische Künstler Lee Chul-Soo wandelte sich vom politischen zum meditativen Künstler. Seine Holzschnitte sind ab Donnerstag in der Basler Galerie SoGung zu sehen.

Hoo Nam Seelmann
Merken
Drucken
Teilen
Der koreanische Künstler Lee Chul-Soo bei der Arbeit.

Der koreanische Künstler Lee Chul-Soo bei der Arbeit.

Ein Bio-Reisbauer, ein berühmter Holzschnittkünstler und ein Buddhist. Das ist der Südkoreaner Lee Chul-Soo, dessen Werke ab Donnerstag in Basel zu sehen sind. Dass seine Bilderwelt eine besondere Atmosphäre ausstrahlt, hängt mit seinem Lebensweg zusammen. Sein Schaffen weist zwei sehr distinkte Phasen auf, deren Spuren in seinen Werken deutlich zu sehen sind. So zeigen sie, wie Leben und Kunst eine innere Bindung eingehen und eng miteinander verwoben sind.

Lee wurde 1954 in Seoul geboren und studierte an der Kunstakademie. Auf der Suche nach eigenen Ausdruckmitteln stiess er schon früh auf den Holzschnitt. Die Kraft, die in den Maserungen des Holzes steckt, faszinierte ihn. Seine Hand hat sein Leben lang dieses Stück Natur bearbeitet, um Bilder zu schaffen. 1981 trat er zum ersten Mal mit seinen Werken in einer Einzelausstellung an die Öffentlichkeit und erregte sogleich grosse Aufmerksamkeit.

Erst aufwühlend, dann beruhigend

Korea war damals wirtschaftlich im Aufbruch, aber politisch höchst unruhig. Denn das Land wurde von der Militärdiktatur beherrscht, und Studenten demonstrierten für mehr Demokratie. Lees expressionistische, aufwühlende Holzschnitte begleiteten überall die Proteste. Die an Käthe Kollwitz erinnernden ausdrucksstarken, zur Solidarität aufrufenden Bilder stiegen so zur Ikone der Demokratiebewegung auf. Unverhofft stand er mit seiner Kunst inmitten der politischen Stürme. Künstler fühlten sich damals aufgerufen, sich politisch zu engagieren. Seine Werke zeigten, wie wirkmächtig Bilder sein können.

Eine grosse Wende in seinem Leben trat 1987 ein, als Lee mit seiner Familie von Seoul nach Jechon, einem kleinen Dorf im Süden Koreas, zog, wo er heute noch lebt. Vor vielen Jahren besuchte ich ihn dort, da ich Werke von ihm gesehen hatte, die anders als die früheren waren. Auf dem Spaziergang zwischen den Reisfeldern erzählte er vom Wandel seines Denkens und seiner Bilderwelt. Er habe sich um die Zeit des Wegzugs aus Seoul ganz dem Buddhismus zugewandt und wollte mit der Natur leben. Daher begann er mit biologischer Landwirtschaft, deren Erträge er weitgehend an Bedürftige verteilt.

Indem Lee Chul-Soo die Erde anfasst, ihren Duft einatmet und dem Rhythmus der Jahreszeiten folgt, begegnet er der Natur anders, konkreter in ihrer Lebendigkeit. Diese Nähe zur Natur spiegelt sich in seinen Bildern wider: In ihnen sind Bewegung, Laute, Wind und Gerüche. Sie sagen so in aller Schlichtheit, dass unser Leben von der Lebendigkeit der Natur abhängt. Im Frühling und Sommer bearbeitet er die Erde, und wenn die Ernte eingebracht ist, schafft er im Herbst und Winter seine Holzschnitte.

Ausschnitt aus Holzschnitt-Druck mit der Zeile: «Die Kinder werden bald nachkommen. Weht der Wind nicht zu heftig? Das ist nicht so schlimm. Sie sind doch noch kräftig.» (zVg)

Ausschnitt aus Holzschnitt-Druck mit der Zeile: «Die Kinder werden bald nachkommen. Weht der Wind nicht zu heftig? Das ist nicht so schlimm. Sie sind doch noch kräftig.» (zVg)

Seine Bilder veränderten sich entsprechend: Alles Dramatische und Aufwühlende verschwand aus ihnen. Sie wurden immer schlichter, leiser und buddhistischer. In einem Interview sagte Lee, er habe begonnen, sich Dingen zuzuwenden, die leise, warm und weich sind, aber ebenso auch jenen, die dem Hellen zustreben. Denn das ist das Prinzip des Lebens. Wichtig wurde für ihn, jenen gegenüber aufmerksam zu sein, die verborgen, verletzlich und randständig sind. Mit der neuen Aufmerksamkeit und Schlichtheit kamen Heiterkeit und Ruhe. Unaufdringlich und offen treten seine Bilder dem Betrachter entgegen und gewähren den Raum, gelassen zu schauen und darin zu verweilen.

Einfache Linien bringen Dynamik

Die derzeit zu sehenden Bilder sind alle nach 1990 entstanden. Sie besitzen eine grosse philosophische Tiefe und eigene Schönheit, die der weichen Atmosphäre wegen der Poesie gleicht. Faszinierend bleibt, wie Lee mit einfachen Linien und Punkten eine ungewöhnliche Dynamik von Leere und Fülle erzeugt und darin das Leben einzufangen weiss. Er bringt die leere Fläche zum Atmen, lässt die Figuren und die Landschaft lebendig werden. Seine Bilder zeigen, wie viel Dekoratives und Überflüssiges wir mit uns schleppen, und wie sehr dies unseren Blick auf uns und die Dinge um uns herum verstellt.

Betrachtet man seine Werke, lösen sich das Harte und das Schwere in uns auf, und der Blick weitet sich. Man fühlt sich leicht und luftig. Die Gelassenheit und Ruhe, die seine Bilder ausstrahlen, machen deren Betrachtung zu einem meditativen Ereignis. Lee schrieb einmal, dass ein Same, der nicht in sich ruht, nicht keimen kann.

Lee Chul-Soo versieht seine Holzschnitte stets mit einem kurzen Text oder einigen Gedichtzeilen. Damit folgt er einer alten koreanischen Tradition. Denn Jahrhunderte lang bildeten Malerei, Lyrik und Kalligrafie eine ästhetische Einheit. Lee hat diese Tradition zu einem ganz eigenen Stil gebracht.

Lee Chul-Soo Holzschnitte. Vernissage 2. Juni, 18 bis 21 Uhr, Galerie SoGung, Rosshofgasse 5, 4051 Basel. www.sogung.ch