Es ist zum Brüllen: Da schimpft ein Polizist – lauthals, aufgeregt. Aber man hört nichts. Keinen Ton. Aus seinem Mund steigen nur Seifenblasen auf. Leere Sprechblasen quasi, die den respektablen Hüter des Gesetzes zur lächerlichen Comicfigur machen. Aber auch wenn die Szene aus einem alten Stummfilm ohne ein einziges Blubb der Blasen auskommt: In unserem Inneren hören wir – oder stellen wir uns zumindest – das Gezeter des Ordnungshüters vor.

«Wie Klänge aussehen könnten, wie Bild und Musik zusammenspielen, hat mich schon immer interessiert», erklärt Künstler, Musiker und Performer Christian Marclay im Aargauer Kunsthaus. Nun spielt er mit dem Effekt von Tönen, die nur in unserer Vorstellung entstehen, ab Samstag eine ganze, grosse Ausstellung lang – und ohne uns einen einzigen Ton oder ein einziges hörbares Wort zu gönnen.

Musik als Bild

Im ersten Raum hängen reihum kleine quadratische abstrakte Malereien. Malerei? Der Künstler zögert. «Es sind Schallplatten-Covers, die mich faszinierten, weil sie abstrakte Muster hatten. Die habe ich malerisch ergänzt, die Schriften zugemalt.» Und er weist auf Flecken, die gedruckt und auf andere, die gemalt sind. «Interessant ist doch, welche Art Bild oder Muster die Musiker und Produzenten für ihre Werke passend fanden.» Es ist vor allem Jazz und neue Musik, aber Marclay reizte auch «Pop-Musik bildnerisch in high Art zu übersetzen».

Widersprüche und Gegensätze also. Die gehören auch zu Marclay selber. Ruhig wirkt er, fast asketisch hager. Dezent blau ist sein Jackett, das Gesicht schmal, die Brille streng, die Stimme leise. Wie anders seine Werke! Die explodieren farbig, rumpelnd und knallig. Da passt der Ausstellungstitel «Action» bestens.

Der Unruhestifter

Eigentlich ist der ruhige Marclay seit je ein Unruhestifter. Mit klirrenden Tönen und rumpelnden Aktionen hat er sich schon vor Jahren in die Ohren und Augen und Köpfe seines erstaunten Publikums performt. Und Puristen auch vor den Kopf gestossen. 1987 legte er 3000 Schallplatten aus, die Leute mussten oder durften darüber gehen. Die Gefühle dürften je nach Geschmack und Temperament recht variiert haben. Die Kratzer und Brüche des Vinyls sampelte Marclay – lange bevor wir wussten, was ein DJ ist – an den Plattenspielern in den Kunsthäusern der Welt dann zur Kunst. Scrratch! Krrrrr! Jaaauuul!

Als Gewalttäter agierte Marclay gegenüber einer Elektrogitarre, die er hinter einem Pickup durch die Landschaft schleifte und filmte. Sie quietschte, jaulte und kreischte, bis sie zerfetzt ihre letzten Töne ausgespielt hatte. Diese bekannten Werke wollte Marclay aber nicht wieder zeigen.

Wortbilder, die mit Tönen spielen, kennen wir vor allem aus den Comics. Marclay auch. Zuerst übermalte er Comic-Seiten und liess nur die «Plurtch» und «Whamms» sichtbar. Bald aber griff der Sampler richtig zu, klaute von da eine Ecke mit einem «Krrrakk» von dort einen Fetzen mit einem «AAAAAHHH». Er kombinierte sie zu gross aufgeblasenen Einzelbildern, zu einem 18 Meter langem Rollenbild oder animiert sie im Projektionsraum «Suround sounds». Da sausen Leuchtschriften und Bilderstreifen über alle vier Wände, ein «Plip» hüpft lustig auf und ab und ein «SSSSSST» saust gebieterisch rundum. Wem in diesem Bilderrausch nicht schwindlig wird, ist standfester als ein Matrose bei Windstärke 10.

Action und Sekundenzeiger

Marclay liebt Abwechslung. So kam der Multimedia-Künstler wieder zur Malerei. Dabei bedient er sich bei seinen Vorbildern Jackson Pollock und Andy Warhol. «Die Pop-Art war grossartig, weil für sie galt: ‹Life is Art›», schwärmt er. Wenn er vor den Riesengemälden im Stil von Pollocks Action-Painting erzählt, wie er Farbe auf die Leinwände tropft, sie kratzt und wischt, darüber geht, so meint man die aufgedruckten «Plop» und «Plash» und Smash» im Raum klingen zu hören.

Lange galt der Künstler mit Wurzeln in der Westschweiz («Mein Vater ist Walliser, die Mutter Amerikanerin, die Verwandtschaft lebt in Genf), der lange in New York lebte und heute London als Hauptwohnsitz angibt, als Insider-Tipp. 2011 schlug mit «The Clock» an der Biennale Venedig seine Stunde. Für die 24-Stunden-Projektion hatte er Tausende Kinofilme geplündert und aus den Schnipseln einen Tagesablauf zusammengestellt, in dem die Tausenden Film-Uhren stets die «richtige» Zeit anzeigten. Dafür gewann er den Goldenen Löwen und weltweit – auch in Zürich – ein begeistertes Publikum, weil das 24-Stunden-Puzzle nicht nur vom Konzept her, sondern auch für das Publikum überraschend spannend war. «Die Dramaturgie war entscheidend fürs Gelingen», sagt der Künstler leise lächelnd.

Der dramaturgische Bogen stimmt auch in der aktuellen Ausstellung: Nach der leichtfüssigen und lauten Comicwelt heischt Marclay nach «Silence». Dutzendfach variiert er das Schild über einer Tür. Den Ausschnitt fand er in Andy Warhols berühmtem Werk «The Electric Chair». «Das Schild forderte das Publikum, das der Hinrichtung beiwohnte, auf, still zu sein. Eine grausame Vorstellung», sagt der Künstler nachdenklich. Und fügt an: «‹The Electric Chair› zeigt, dass Warhol sehr wohl auch ein politischer Künstler war.» Und ja, auch er verstehe sein Werk als politische Botschaft, sagt Christian Marclay, fast erstaunt über die Nachfrage. Deutlich – und fast laut.

Christian Marclay Action. Aargauer Kunsthaus, bis 15. November. Vernissage: Sa, 29. August, 18 Uhr. Performance-Programm (Marclay am 24. Oktober).