Schweizer Fotograf: «Es gibt nichts fremderes als Haiti»

Der Schweizer Fotograf Thomas Kern (44) war in den letzten zwölf Jahren regelmässig in Haiti. Seine Fotografien sind in Winterthur zu sehen. Zauber oder Zufall?

Sabine Altorfer

Thomas Kern reiste 1997 erstmals nach Haiti - im Auftrag der Zeitschrift «Du». Seither hat ihn das Land nicht mehr losgelassen. Immer wenn es die Finanzen erlaubten, reiste der heute 44-jährige Fotograf wieder für einige Wochen nach Haiti. Eine Auswahl seiner fotografischen Ernte zeigt er unter dem Titel «Haiti - die endlose Befreiung» derzeit in der Coalmine Gallery in Winterthur.

Vernissage war wenige Tage nach dem verheerenden Erdbeben. Wie ist es möglich, dass man so schnell eine Ausstellung programmieren und organisieren kann? «Die Ausstellung war seit langem geplant», erklärt uns Thomas Kern am Telefon. «Sie wurde sogar um ein Jahr verschoben.» Der Zufall habe ihn schon beschäftigt und verunsichert. «Ich fragte mich, wie die Besucher meine Fotografien und die aktuellen Meldungen und Bilder wohl zusammenbringen können.»

WIE HAT ER REAGIERT, als er vom Erdbeben hörte? «‹Ich muss sofort nach Haiti›, war meine erste Idee, als ich davon Nachricht bekam.» Er habe mit der Deza, der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit im Aussendepartement in Bern, Kontakt aufgenommen, «denn das sind die Ersten, die in einem solchen Fall gehen. Doch es gab keine Möglichkeit mitzufliegen.» Für Haiti bahne sich hier eine grosse langfristige Katastrophe an, und das in einem Land, «in dem eigentlich schon lange die Katastrophe dominiert».

Das Land, das einst eine reiche französische Kolonie war, ist heute aber eines der ärmsten Länder der Welt. Die Umweltkatastrophen, etwa die Wirbelstürme im Inselstaat, waren nie das Thema von Thomas Kern. «Ich habe immer den Alltag fotografisch begleitet. Dabei ist es mir wichtig, Geschichte, Rituale sichtbar zu machen.» So sieht man den Arbeiter an der Zuckerrohrpresse, Kinder, die Wasser in Eimern nach Hause tragen, weil es keine funktionierende Wasserversorgung gibt, Strassen, auf denen neben wenigen Autos Leute mit Holzkarren, den Ka-Bwa, Waren transportieren. «Mein Ziel war es immer, Sachen darzustellen, die mehr zeigen, als was man sieht.»

THOMAS KERN war 2008 das letzte Mal auf der Insel. Was hat sich in den zwölf Jahren, in denen er Haiti bereiste, verändert? «Sehr wenig», sagt Thomas Kern. «Am auffälligsten ist, dass heute sehr viele Leute ein Handy besitzen und dass man auf den Märkten der grösseren Orte aufbereitetes Wasser in Plastiksäcklein kaufen konnte, dass man nicht mehr einfach aus einem offenen Tank schöpfte.»

Aber generell sei das Land in dauerndem Aufruhr, «es passierte immer wieder so viel, dass kaum eine Entwicklung möglich war. Die Entwicklungshilfe musste eigentlich immer flicken und konnte kaum etwas Nachhaltiges aufbauen. Das wird jetzt nochmals verschärft.» Thomas Kern arbeitet seit 1989 als freier Fotoreporter, unter anderem war er in Kurdistan, im Nahen Osten und im ehemaligen Jugoslawien.

Er lebt heute im aargauischen Möriken, zusammen mit seiner Frau, der Schriftstellerin Milena Moser. Auch wenn es mit der Reise sofort nach dem Erdbeben nicht geklappt hat, ist für den Fotografen klar: «Ich will wieder hin, sobald als möglich.» Was fasziniert ihn denn so an Haiti? «Es ist eine Gegenwelt. Was für uns selbstverständlich ist, existiert dort nicht.»

Oft sei er der einzige Weisse unter Tausenden von Schwarze, den Nachkommen der Sklaven. «Man ist hier ‹le blanc›. Und das heisst nicht nur weiss, sondern auch fremd», sagt Kern und folgert: «Ich kenne nichts Fremderes als Haiti.» Und was Thomas Kern immer wieder beschäftigt ist Vodou. «Die Mischung der archaischen Rituale mit der kirchlichen Tradition prägen das Land, Voodoo ist allgegenwärtig », sagt Thomas Kern. Pilgerfahrten, Porträts von Voodoo-Priestern, rituelle Bäder, das Opfern einer Kuh: Das konnte er in Bilder bannen, die sich nur schwer erschliessen, aber durch ihren fremden Zauber faszinieren. Ob es solche Kräfte waren, die Thomas Kerns Ausstellung gerade jetzt stattfinden liessen?

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