Hans Jürg Zinsli, Cannes

«Des choses» (Dinge) lesen wir. Oder «Comme ça» (So). Die Schrifteinblendungen in «Film Socialisme» von Jean-Luc Godard sind noch das Verständlichste. Der mysteriöse Rest besteht aus optischen und akustischen Fetzen, Fragmenten, Zitaten – eingefangen auf einer Kreuzfahrt durchs Mittelmeer oder an einer lärmigen Tankstelle.

Wir hören Shakespeare, sehen Bilder aus «Panzerkreuzer Potemkin», dazwischen greift Rockpoetin Patti Smith zur Gitarre. Palästina wird erwähnt. Es miauen Katzen. Was das alles soll?

In Frankreich verehrt

Nun, der 79-jährige Jean-Luc Godard – in Frankreich nach wie vor als Schöpfer der Nouvelle-Vague verehrt – präsentiert einen Spielfilm im Gestus eines Dokumentarfilms. «Film Socialisme» wird vor vollen Rängen entsprechend beklatscht.

Immerhin war Godard auch der letzte Schweizer Regisseur, der es in Cannes mit «Eloge de l’Amour» (2001) in den prestigeträchtigen Wettbewerb schaffte. Wundern darf man sich trotzdem, weshalb dieses Experimentalmonster, das sich fortlaufend selbst sabotiert, in einer Festival-Nebenreihe läuft.

Der Regisseur selbst verspürte keine Lust, nach Cannes zu reisen. Und einen Abspann hat das Werk auch nicht. Die letzte Einblendung heisst «No comment» (Kein Kommentar).

Das neue Werk vom Macher von «Mais im Bundeshuus»

Verständlicher und mutiger ist der zweite Schweizer Beitrag in Cannes: Regisseur Jean-Stéphane Bron («Mais im Bundeshuus») zog es für «Cleveland vs. Wall Street» in den Gerichtssaal.

Der Hintergrund: Die von der Finanzkrise besonders hart getroffene US-Grossstadt Cleveland (über 20000 Familien verloren dort wegen «Subprime»-Wucherkrediten ihr Heim) klagte gegen 21 Grossbanken. Doch die Wall-Street-Anwälte verhinderten bislang den Gang vor Gericht.

Nun lässt Regisseur Bron einen Showprozess nachstellen – mit den «richtigen» Anwälten, Geschworenen und Zeugen. Damit ist «Cleveland vs. Wall Street» das formale Gegenstück zu Godards Werk – ein Dokumentarfilm mit Spielfilm-Touch.

Brons Film lässt sich aber auch als Kontrast zu Oliver Stones «Wall Street: Money Never Sleeps» begreifen. Während Stone sich fürs familiäre Flair von Finanzhaien interessiert, betreibt Bron eine emotionale Wahrheitssuche aus der Underdog-Perspektive.

Zu wenig Emotionen

Sein inszenierter Showprozess verkommt dabei nie zur Schwarzweissmalerei, da etwa auch der sympathische Bankenanwalt mit cleveren Argumenten punktet. Einziger Schwachpunkt: «Cleveland vs. Wall Street» befragt zu viele Zeugen und bietet zu wenige Schauwerte. Dass auch das Publikum mehr Emotionen vermisste, beweist das rhythmische Klatschen zu Bruce Springsteens Gassenhauer «Pay Me My Money Down» während des Abspanns.